AnabelgoesUS

28.01.2007 um 00:12 Uhr

Vorgeschichte 1

von: FamilieR   Stichwörter: Vorgeschichte

Immer wieder erzähle ich die gleiche Geschichte, als unsere Tochter Anabel mit knapp vier Jahren nach dem Kindergarten anrief, sie möchte bei ihrer Freundin Irene übernachten und ich solle ihr doch bitte Pyjama und Zahnbürste vorbeibringen. (Das war wenigstens noch nett, denn später hatte sie ihre Utensilien bereits bei der Freundin und rief nur mehr an: "Mami, ich schlafe bei xx, darf ich eh?". Da schluckte ich nur kurz und meinte, die größte Schwierigkeit ist nicht, Kinder zu erziehen, sondern ihnen eine lange Leine zu lassen. Hast du es all die Jahre gut gemacht, dann schätzen sie es, an langer Leine geführt zu werden und kommen immer wieder gerne nach Hause zurück. Bis jetzt ist es so.
Es gab natürlich Zeiten, da war unser Kind mehr außer Haus als zu Hause. Sie kam kurz, um Wäsche zu wechseln, wir herzten und drückten uns. Es gab nasse Bussis und ein "Ich hab dich sooooo lieb, Mami." und in dem Augenblick war sie auch schon dahin. Das war nicht immer leicht und oft zweifelte ich daran, ob ich sie richtig erzogen hatte.

In dem Moment waren immer meine Freundinnen zur Stelle. Einige, die mit mir gleichaltrige Kinder hatten - Mädchen wie Buben. Das tat immer gut, wenn man sich austauschte und wusste, man ist mit seinen Problemen nicht alleine. Und dann eine liebe Freundin, die Kinder hatte, die schon um ca. 6-8 Jahre älter waren.
Als ich selbst noch keine Kinder hatte, dachte ich mir, das mach ich alles besser. M. hatte aber immer ein verschmitztes Lächeln im Gesicht und sagte mir nur lapidar: "Du wirst schon sehen." Und wie ich geschaut habe, denn genau so kam es. Es ist kaum zu glauben. Man denkt, man hat es doch ganz anders gemacht, ist von gewissen Dingen verschont und es kommt aber knüppeldick genau gleich, wie bei M. auf dich zu.
Das tut aber in Situationen des Selbstzweifels sehr gut, weil es den Eindruck macht, man ist eine ganz normale Familie.

"Unsere Familie" besteht traditionell aus Mutter "D." und Vater "M", einer Tochter "Anabel" mit 16 Jahren und einem Sohn "A." mit 13, der schon eher 14 ist. Großeltern mütterlicher-, als auch väterlicherseits, Onkel und Tante sind da und es gibt enge Kontakte! Alle haben sie ihre Ecken und Kanten und wir sind im Grunde genommen auch nicht gerade einfach, aber, das getrau ich mir zu sagen, mit unseren Spinnereien sind wir alle mitsamt liebenswert. Wir mögen uns und das gibt uns in letzter Konsequenz bei allen Bröseln, die es miteinander gibt einen Zusammenhalt. Auch im Freundeskreis, der uns sehr viel Kraft, Freude, Spaß und Rückhalt gibt.

So trifft sich der Freundeskreis sehr oft und regelmäßig im Großaufgebot. Da kommen schon an die 20 Leute ung'schaut zusammen. Ein Schippel Kinder dabei, alle im gleichen Alter und die Alten mit den gleichen Marotten, das verbindet, macht Spaß und man fühlt sich in diesem Kreis relativ normal und der Norm entsprechend. Das komisch daran ist, wir hassen uns zu wenig und machen sogar Urlaube miteinander. Das verstehen wir selbst eigentlich nicht und Außenstehende schon gar nicht. Wenn ich dann noch sage, wir haben eine mordstrum Hetz dabei, dann ernte ich nur Kopfschütteln. Macht nichts, ich möchte die Bagage nicht missen!

In diesem netten Kreis gibt es zwei Menschen, die Anabel in ihrem Ansinnen, eine Zeit in den Vereinigten Staaten zu verbringen beeinflusst haben. (Es gibt auch noch andere, die in weiterer Folge gute Worte für sie einlegten, dazu aber später) Es ist dies unsere "jüngste" Freundin, eine Amerikanerin, die mit einem Wiener verheiratet und in Wien lebt, die unserer Tochter, aber auch uns, in glühensten Farben von ihrem Zuhause, ihren Sitten erzählte.
Eine andere Freundin, sie ist Finnin und nunmehr schon länger in Österreich zu Hause, als in ihrem Heimatland. Sie ist jene, die uns eine gewisse Affinität zu Finnland beibrachte (vielleicht dazu noch später, wenn es sich erzähltechnisch ergibt) , aber auch in Anabel eine Begeisterung auslöste, eine gewisse Zeit in Amerika zu verbringen und dort die Schule zu besuchen. Sie selbst hat bei einer Tante ein Jahr verbracht und immer sehr launisch von den Eigenheiten der Amerikanern erzählt, die uns zwar alle bekannt sind, aber selten so humorvoll vermittelt wurden.

So wuchs dieser Wunsch in Anabel. Wenn ein 10-jähriges Kind von sich gibt, sie wird auch einmal in Amerika in die Schule gehen, dann streicht man dem Töchterchen über die Haare, bewundert insgeheim ihren Mut und Enthusiasmus, nimmt es aber eigentlich nicht ernst. Sie ist ja noch so klein und hat ja eigentlich noch keine Ahnung. Wenn sich dieser Gedanke allerdings zunehmends manifestiert und man im Laufe der Jahre eine Ernsthaftigkeit darin sieht, dann ist man als Elternteil schon sehr in die Enge getrieben. Man sieht auf die Lebensuhr und meint: "Schatzilein, das besprechen wir dann, wenn es so weit ist. Erst dann macht es Sinn. Wer weiß, was in noch in 5-6 Jahren passiert." Nun vergehen in unserem Alter (UFO - unter Fünzig) 5 Jahre wie im Fluge. Bei den Youngsters sind es in der gleichen Zeit Jahrzehnte, aber wem soll ich das noch erklären? Sitzen wir doch alle im gleichen Boot. Sei es wie es sei. Die Sache wurde vor genau einem Jahr spruchreif. "Mami, Papi! Wenn ich in der sechsten bin, dann möchte ich gerne in Amerika in die Schule gehen." *schluck*, denkt sich unsereins - sie hat doch gerade erst in die Windeln gemacht und nun äußerst sie selbstbewusst Wünsche. Wollen wir das? Ja und nein! Wir wollen unsere Kinder selbstbewusst erziehen, nur eben nach Amerika sollen sie tunlichst nicht gehen, denn das ist verdammt weit.
Man kann versuchen Dinge auf die lange Bank zu schieben. Doch wer Kinder hat, der weiß, was sie wirklich wollen, das ziehen sie mit einer Konsequenz durch, da fehlt uns Eltern nur mehr der Atem. Wenn sie auch nicht fähig sind, selbstständig Vokabeln aus dem Wörterbuch zu suchen, so können sie Dinge, die sie wollen aus dem Nichts zaubern. Keine Frage, so kam sie mit Name, Adresse und Telefonnummer einer Organisation, die den Schüleraustausch in Amerika organisiert, schnell nach Hause. Man markiert Zweifel, die werden aber sofort vom Kind wahrgenommen (sonst bitte NIIIIIEEEE!): "Kennst du die Mutter von K.? Sie ist bei der Organisation, die ist gut, die ist verlässlich. Auch L's Mutter wird ihre Tochter über die Organisation "verschicken"." Aha ... Nun gut, man macht einen Termin aus und hofft insgeheim, irgendwann wird sich die ganze Idee in Wohlgefallen auflösen. Weit gefehlt. Das Feuer der Begeisterung wurde geschürt, obwohl die Dame, die mit uns das Gespräch führte, nicht wirklich der Typ dafür ist, Menschen mitzureißen.

Wir bekommen einen Schippel Informationen mit, die ohnehin keiner liest, gute Worte, die sich eh kein Mensch merkt und ein Gefühl in mir "ich will es eigentlich nicht" und in meiner Tochter "das mach ich unbedingt".
Anabel begriff sofort, es ist die Hürde Vater zu nehmen. Das war mir von Anfang an bewusst, aber Ehefrauen sind dazu da, um zu kämpfen. Es war mir klar, ich musste meinen Harnisch anlegen und das Schwert aus dem Stein, wie Merlin ziehen. Nur, wie bekomm ich dieses verdammte Schwert = Argumentation aus dem Stein?

.... dazu später mehr!