Stimmung: nachdenklich
Musik: Liszt
Der alte Wasserturm steht noch immer am Dorfanger vor dem Marlies mit den Jungs aus ihrer Klasse nach dem Unterricht wilde Schneeballschlachten austrug und es gab dabei nicht selten blutige Köpfe. Hinterhältig wie sie damals schon waren, versteckte der eine oder andere in seinem Wurfgeschoss kleinere Steine. Marlies kann heute auf Anhieb im Zollerpark noch jenen Baum zeigen, an dem sie Elmar, ihre erste Kindergartenliebe, beim Indianerspiel zwecks Marterung, fesselten.
Die Kulisse blieb fast unverändert in den über drei Jahrzehnten, die sie hier noch manchmal ihre Wochenenden verbringt. Nur die Menschen, die für sie dazugehörten, wie die Gebäude, die Bäume und Wiesen,- sie haben sich verändert. Wie auch Marlies sich verändert hat.
Menschen werden im Laufe des Lebens zu Karikaturen ihrer Jugend. Mühsam restaurierte Ruinen, die gegen den Verfall kämpfen ohne es zuzugeben. Aber sie glätten nur die aufbrechenden Sprünge. Viele Menschen von damals sind verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Bei manchen fragt sie sich ernsthaft, ob es sie wirklich gegeben habe. Übergangslos ging und geht alles weiter. Vielleicht mal ein kurzes Innehalten beim Hören einer Todesnachricht. Der??? Die???.. Aber ich habe sie doch unlängst.... Einer Apparatur gleich, die angehalten wird, um einen neuen Bestandteil eingebaut zu bekommen. Doch dann wieder auf vollen Touren und vor allem rücksichtsloser als zuvor. Nur nicht daran denken. Ein perpetuum morte. Fotos konservieren das Leben oder den Tod. Marlies betrachtete ein Bild. Das von der Allee mit den Kastanienbäumen. Durch diese Allee ging ihre Mutter mit ihr und dem kleinen Hund, wenn sie in den Kindergarten gebracht wurde. Ein Ziegelbau, weiß verfugt, vorne mit einem Kirchturm - wie die Klötze ihres Baukastens.
Vor ein paar Tagen stand Marlies wieder vor einem dieser Alleebäume. Damals waren die Stämme nicht viel sträker als ihr Oberarm, heute kann sie diese kräftigen Bäume nicht mehr umfassen. Sie stand also da, ihre Arme um einen Baum gelegt und den Blick hinüber zum Kindergarten. Es waren Kinder dort und sie war mitten unter ihnen und baute mit ihnen einen Sandburg. Sie sah das Gesicht eines kleinen Mädchens mit Ponyschwanz vor ihr, das einmal sie gewesen war. Es fiel ihr nicht schwer, dorthin zurückzukehren. Es war ja nur ein Umstülpen, ohne daß sie dabei eine andere wurde. Täglich bekam sie von ihrer Mutter eine Banane mit, die ihr ein größeres Kind schälte. Für diese Hilfe biß es ihr dann die Hälfte der Banane ab. Eine Zeitlang band ihr Gregor die Schnürriemen und später hatte sich Elmar in den Kopf gesetzt, ihr eine Masche beizubringen. Zwei Riesenschleifen, die miteinander verknüpft wurden.
Elmar und Gregor. Sie stand schon damals zwischen zwei Männern. Marlies liebte beide und konnte sich für keinen von ihnen wirklich entscheiden. Aber wer versteht schon den Anderen? Die einen gehen, die anderen kommen. Keiner vermag sich festzuhalten. Jeder Kieselstein ist uns in dieser Hinsicht überlegen. Aber vielleicht ist das ja gut so? Dieses Leben schüttelt uns ab wie das Pferd seinen Reiter beim Rodeo. Wie jeden Morgen öffnete eine dicke mütterliche Krankenschwester geräuschvoll das Fenster. Von ihrem Bette aus sah Marlies die schroffen Felszacken der Berge und darüber einen grauen Himmel. Ihr war das Zeitgefühl verloren gegangen.Früher hatte Marlies selten geweint. Jetzt hat sie oft Angst, damit aufzuhören, so sehr erleichterte es sie. Ohne jeden Grund dachte sie und spürte, wie ihr die Tränen fast krampfartig kamen. "Nimm dich zusammen", sagte Gregor, ihr behandelnder Arzt freundschaftlich. Einst war er ihre große Kindergartenliebe, später ein lieber Freund. "Ach Gregor, mir ist alles so gleichgültig geworden. Ich habe aufgehört zu kämpfen oder mich nach irgend etwas zu sehnen" sagte sie. Aber das war nicht wahr, denn Marlies sehnte sich mehr und mehr nach einem Ort, der die Macht hat, die Eile derjenigen, die ihn finden, in Geduld und Gelassenheit verwandeln zu können. Einen Ort, der anzieht. Langsam spürt Marlies die Zeit nahen, die Furcht vor Veränderungen hinter ihr zu lassen. Einen magischen Wendepunkt, der ihr Kraft gibt, einen Koffer zu packen um wegzufahren. Marlies vertraut darauf, den Platz zu finden, der auf sie wartet. Manchmal betritt sie heute ein kleines altes Cafe, blickt auf ein Grlas Rotwein, das sie bestellen wird und dann nur noch auf den Lärm in ihr selbst hören wird. Auf das Echo ihres Lebens, das sie irgendwann hinter ihr lassen wird.