Stimmung: nachdenklich
Musik: Concerning Hobbits (The Lord of the Rings – The Fellowship of the Ring)
Ich hatte heute wieder große Sehnsucht nach einer anderen Welt, nach Mittelerde. Deshalb wollte ich mir eigentlich ein paar Szenen von den Gefährten anschauen, hab dann aber doch die erste Special-DVD genommen. Das letzte, was ich gesehen hab, war über die Rüstungen, Waffen und Kostüme, und da hab ich dann plötzlich gewusst, was ich als nächstes tun will. (Ich hab also meinem limbischen System statt meinem Frontallappen gehorcht und intuitiv gedacht.) Meine grüne Fließweste mit der Kapuze angezogen, darüber die schwarze Fließweste, deren Ärmel bis zu den Handknöcheln gehen und Löcher für die Daumen haben. Trinkhorn ausgewaschen (Angst vor Spinnen, auch vor toten) und an den schwarz geflochtenen Ledergürtel gehängt. Dazu altes (und leider unscharfes) Messer in die Lederscheide. Köcher aus Stoff mit alten Pfeilen auf dem Rücken, Haselnuss-Bogen in der Hand (hab nichts Besseres). Undichte Schuhe an, Haare zusammengebunden, Kapuze auf. Licht für die Einbrecher aufgedreht, Türe abgesperrt, Schlüssel mitgenommen. Hinaus in die Nacht. Es hat geschnien (ich weiß, dass es eigentlich geschneit heißt) und es war finster und sehr still.
So gegen dreiviertel neun bin ich losgegangen, die Straße ungefähr Richtung Westen. Es war ziemlich kalt, aber außer an den Händen hab ich davon nichts bemerkt. Ich war zu vernünftig, um in den Wald zu gehen, bin bei der Straße geblieben. Aber wo eins war, bin ich am Blankett oder am Parkett gegangen, wie der nicht asphaltierte Streifen nun auch immer heißt. Dort ist ein bisschen Schnee gelegen und das Geräusch und das Gefühl wie ich dort gegangen bin, das war schön. Meine Haare waren nicht ganz ordentlich zusammengebunden, ein paar Strähnen waren nicht oder nur halb unter der Kapuze, und das war auch wunderbar. Das muss einfach sein, Haare, eventuell nass, die ins Gesicht hängen. Wie Aragorn im Tänzelnden Pony die Kapuze abnimmt, schreibt Tolkien auch von seinen „verstrubbelten Haaren“, so nennt er es, glaub ich.
Wie mir die Nase zu rinnen begonnen hat, hab ich mich zuerst ein bisschen geärgert, dann ist mir eingefallen, dass ich zufällig ein Taschentuch mithatte und dann wollte ich keines mehr. Man kann nicht immer ein Taschentuch dabeihaben, denke man nur zum Beispiel an Bilbo, wie er im Hobbit so plötzlich aufbrechen muss.
Ich bin also dann beim Kabergkreuz gestanden und hab ein bisschen heftiger geatmet als ich eigentlich hätte müssen, weil es war ja gar nicht wirklich anstrengend. Aber das gehört eben auch dazu, finde ich.
Ich hab in die Nacht geschaut, aber die Scheinwerfer, die das Kreuz beleuchten, haben geblendet, und die Lichter von der Stadt haben mich zu sehr an die Welt erinnert, in der ich lebe. So bin ich weiter gegangen am Parkett oder Blankett, oder in der Wiese.
Auf der Waldstraße war ein richtiger Sturm, und ich hätte natürlich den ersten Weg nach rechts runter nehmen können, wo wir immer gerodelt sind, dort ist es nämlich windstiller. Aber ich hab daran gedacht, dass es am Caradhras noch viel windiger und noch viel schneeiger und noch viel kälter wäre und ich dort auch nicht einfach weggehen könnte. Den Kopf gesenkt und gegen den Wind gestemmt und weitergegangen.
Einmal ist mir ein Auto im Weg gestanden und ich hätte mich schon fast wieder geärgert. Aber der gerade Weg ist nicht immer der kürzeste, auch das lernt man bei Tolkien.
Beim zweiten Weg bin ich dann nach rechts hinunter. Ich wollte besonders aufpassen, dass ich ihn in der Dunkelheit nicht übersehe, hab dann nicht besonders aufgepasst und ihn trotzdem nicht übersehen. Leider steht dort bei der Hälfte eine Straßenlaterne und – nein, ich hab mich nicht geärgert! Wenn man mal daran vorbei ist und im Halbschatten steht, dann kann man mit ein bisschen Fantasie das Gefühl haben, dass man in Mittelerde ist, auch wenn das Licht eigentlich künstlich ist.
Ich bin weiter und fast wollte ich dort, wo der Weg eine Rechtsbiegung macht, geradeaus weitergehen. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass sich die Wiese bei Regen oder Schnee in einen Sumpf verwandelt, deshalb bin ich doch am Weg geblieben und zur Straße runter und dann links. Dann hab ich nicht mehr gewusst, wohin ich gehen will. Zurück wollte ich nicht (ich drehe nicht um, wenn es sich vermeiden lässt), an unserem Haus vorbei und den Berg hinunter wollte ich auch nicht (dann hätte ich später wieder umdrehen müssen) und für den Wald war ich ja zu vernünftig. Ich bin also wieder Richtung nach Hause, obwohl ich gerne noch draußen geblieben wäre. Es war aber noch sehr schön, ich bin nämlich über die Räuberwiese gegangen, Schnee ist gelegen, es ist nass durch die Schuhe gegangen, der Wind hat geweht…
Ich bin also dann doch heim, obwohl ich statt unserem Haus viel lieber Meduseld vorgefunden hätte, oder Caras Galadhon, oder sonst einen Ort in Mittelerde. Immerhin war meine Kleidung schön nass, ich aber nur ein bisschen. Ich bin rein und hab mir die Schuhe ausgezogen, die Kapuze aber noch aufgelassen. Mir ist eingefallen, dass ich eigentlich noch nie in meinem Leben ein Messer geschliffen hatte, und klar, was ich dann gemacht hab – mein Messer geschliffen. Das hat ein bisschen gedauert, weil ich mich die ganze Zeit nicht so recht entscheiden konnte, ob es mir schon scharf genug war, aber irgendwann hab ich dann aufgehört.
Dann hab ich meine Kapuze abgenommen und mir die Haare aufgemacht und festgestellt, dass sie schön zerstrubbelt waren, wenn auch nicht ganz so schön wie die von Éomer.
Dann ist mir wieder eingefallen, dass heute Astrid Lindgren Geburtstag hat, und der Prince of Wales übrigens auch. Und dass ich schon Ewigkeiten nicht mehr im Tolkienforum war. Und dann, dass ich die Welt, in der ich wirklich lebe, nicht mag. Die Art, wie ich lebe, nicht mein Leben lang aushalten kann. Dass es verständlich ist, wenn ich nach Mittelerde will. Ich will König Théoden dienen, mit Éomer in die Schlacht ziehen, neben Aragorn bis zum Ende kämpfen. Irgendwann will ich sterben, mit dem Wissen, getan zu haben, was möglich war und mit dem Gefühl, dass es nicht umsonst war.
Ich hab dann zweimal das Stück von The Breaking of the Fellowship am Klavier gespielt, das ich ungefähr kann (Noten hab ich ja keine). Und dann hab ich normale Dinge gemacht, die in diese Welt gehören. Den Teppich, den die Katze beim Spielen verschoben hat gerade gerichtet, den Geschirrspüler eingeräumt (eine Häferl ohne Tee und eine Schüssel ohne Griesbrei) und eine Milchpackung weggeschmissen und was halt so notwendig war.
Aber das gehört nicht zu Mittelerde. Das alles gehört nicht zu Mittelerde, denn die Welt gibt es nicht. Es gibt die Welt, in der ich lebe. Und ich muss das Beste daraus machen.