Stimmung: Ruhig, nachdenklich, ein wenig traurig, aber auch hoffnungsvoll. Es ist nicht schlimm, eher sogar schön.
Musik: Howard Shore
Seit Elenas Tod steht in meinem Zimmer ein Teelicht. Es hat oft für sie gebrannt, später auch für Kalinka, Raphael, meinen Großvater, Astrid Lindgren, die Leute in Myanmar und viele andere. Heute brennt sie für mich. Ich liebe das Feuer, und das Gefühl, wenn ich mir an der Kerze die Finger verbrenne. Aber damit habe ich bekanntlich aufgehört, und heute Abend fange ich nicht wieder damit an.
Es ist fast drei Jahre her. Elenas Tod, meine ich. Ich vermisse sie heute noch genauso wie damals. Mira ist kein Ersatz für sie. Sie ist eine Katze, die ich gern habe. Und dennoch habe ich von Anfang an versucht, mich vor ihr zu verschließen. Wollte sie nicht in mein Herz lassen. Ich hatte Angst. Angst, mich dadurch zu verletzen. Und ich hatte auch das Gefühl, Elena untreu zu sein, wenn ich eine gute Beziehung zu Mira aufbaue. Selbst heute ist das noch ein wenig so. Aber nach allem, was in meinem Kopf passiert ist, und nachdem ich über uns geschrieben habe, kamen wir uns immer näher. Ich hab Mira sehr gern, auch wenn ich sie nicht immer ganz verstehe. Mich verstehe ich ja auch nicht. Sie ist in der Früh die erste, die mich begrüßt. Na gut, das ist nicht schwer, wenn sonst keiner da ist… Aber die Nähe zu ihr, besonders wenn wir nebeneinander oder aufeinander schlafen, ist schön, auch wenn sie tatsächlich ein wenig wehtut. Selbst jetzt, nach drei Jahren.
Sternenschein hat mal geschrieben, dass es keinen Sinn hat, abends über Probleme nachzudenken. Ich denke trotzdem meistens abends. Wenn ich meine Ruhe habe, alleine bin mit der Katze, meine Musik dazu hören kann. Obwohl ich jetzt natürlich entweder schlafen oder etwas anderes schreiben sollte. Aber das hier zu schreiben kommt mir viel sinnvoller vor als jemandem, den es gar nicht gibt, auf Englisch Rat bei irgendeinem Problem zu geben. Das wäre eine von den Aufgaben, die ich momentan zu erledigen hätte. Aber ich lasse mich selten unter Druck setzen. Auch jetzt nicht. Es ging mir nie darum, Erwartungen zu erfüllen. Im Gegensatz zu manchen anderen weiß ich nämlich, dass ich ich bin. Wer auch immer das ist. Eigentlich hab ich fast immer gemacht, was ich wollte. Jetzt weiß ich nicht genau, was ich will. Aber ich werde meinen Weg finden. Meine Vorstellungen. Nicht die anderer.
Ich werde mich wohl irgendwie über die nächsten Tage retten und dann, wenn wir aus London zurückkommen und zumindest in der Schule alles mal so weit gelaufen ist, egal wie, dann werde ich mich und meinen Weg suchen. In den Sommerferien viel fürs Leben lernen und das abschließen, was schon lange abgeschlossen gehört. Und wenn ich sechzehn bin, weiß ich dann vielleicht sogar ungefähr, wer ich bin und was ich will. Das ist vorläufig das, worauf ich warte. Bis dahin heißt es Augen zu und durch, auch wenn es mir anders viel lieber wäre. Ich weiß, dass ich selbst etwas ändern muss. Aber das kann ich erst dann, wenn beginne ich mich selbst zu finden. Und das braucht Zeit, die ich hoffentlich bald haben werde.
Ich denke auch, dass ich jetzt ungefähr weiß, was mir fehlt. Ein Wort, das ich sonst kaum verwende: Geborgenheit. Bis ich dies wieder gänzlich fühlen kann, habe ich meine Inseln. Die heutige Reitstunde war großartig. Ich will nicht weiter ins Detail gehen, nur so viel, dass ich sie sehr gern hab, die Trix. Sie ist ein tolles Pferd. Wenn auch ungefähr genauso kompliziert wie Mira und ich. Nicht, dass das jetzt so klingt als wären mir meine Menschenfreunde nicht wichtig. Eine von ihnen hatte heute, oder eigentlich gestern, es ist ja schon fast halb drei, Geburtstag. Alles Gute nochmals, falls du das hier liest, denn du weißt ja von diesem Weblog. Gefeiert wird aber erst am 31. Ich habe keine Zeit, aber ich werde da sein. Wie versprochen. Noch viel mehr da sein muss ich jetzt aber für jemand anderen. Denn seit mehr als zehn Jahren waren wir füreinander da, und auch wenn sie von meinen Problemen wenig weiß, verstehe ich dennoch einige von den ihren. Und so werde ich da sein, wann auch immer sie mich braucht.
Eins gibt es noch, worüber ich heute Nacht schreiben will. Wenn mein Großvater von all dem hier wüsste, würde er mich nicht umarmen. Er würde vielleicht meine Hand halten, aber es wären die Worte, auf die es ankommt. Er würde reden. Und wahrscheinlich würde er mich wirklich verstehen. Er hat nie Erwartungen gestellt. Sah mich als die, die ich bin. Wer auch immer das ist. Und motiviert mich dennoch oder gerade deshalb, zu lernen. Fürs Leben, nicht für die Schule. Er hat so viel erlebt, so viel erfahren. Selbst auch ein wenig davon zu lernen, dazu konnte er mich motivieren. Ich bin ihm so dankbar für alles, was er mir gegeben hat.
Die Sterne sind da, auch wenn ich sie nicht sehen kann. Mira und ich, des Nachts bei Kerzenschein und unglaublich guter Musik. Aber jetzt gehen wir schlafen.