Stimmung: rückblickend und ausblickend. sentimental. hoffnungsvoll.
Musik: Queen
Back home…
Trotz aller Müdigkeit müssen wenigstens ein paar der Eindrücke und Gedanken niedergeschrieben werden.
Donnerstag, 12.6.
Halb ausgeschlafen sprinten wir in Eltham zum Zug Richtung Charing Cross. Es wird ein anstrengender Tag mit National Gallery, Parliament, Change of Guards, Buckingham Palace von Außen, Oxford Street, Madame Tussauds, Westminster Abbey (evangelischer Evensong) und Portrait Gallery. Trotz fehlender Pause für Nahrungsaufnahme kommen wir alles andere als hungrig, leicht erschöpft, aber sicher zurück nach Etham.
Meine liebe beste Freundin, mit der ich mir bei unserer freundlichen Regengastmutter ein Zimmer teile, ist so anspruchsvoll dass es fast schon wieder lieb ist.
Einmal mehr verstärkt fällt mir auf, dass ich anders bin. Keine Außenseiterin. Aber doch deutlich anders. Auch Mr. M. und meinen „fünf kleinen Freunden“ muss das auffallen, aber ich weiß nicht, ob es sie stört.
Seite an Seite zu einem Zug rennen gibt ein angenehmes Gefühl des Zusammenseins. Denn auch wenn man die anderen Leute noch nie gesehen hat, haben in diesem Moment doch alle das gleiche Ziel, nämlich den Zug noch rechtzeitig zu erreichen.
Früher habe ich fast nie von mir selbst auf andere geschlossen. Aber in letzter Zeit denke ich, dass ich es vielleicht doch manchmal machen sollte.
Ich huste vor mich hin.
Ich bin unglaublich optimistisch.
Die Zahnpasta wird langsam knapp.
Freitag, 13.6.
Nach langer Zug-, Bus- und Fußreise über Tower Bridge zum Tower, nach beinahe ebenso langer Reise zu Harrods, über Tottenham Court Road zur Oxford Street, zum Abschluss das British Museum (Stein von Rosette, Parthenon, Mumien und Game of Ur).
Das Anderssein wird zunehmend komplizierter. Ich muss dringend mal darüber nachdenken.
Man kommt hier kaum zum Denken. Vielleicht ist es ganz gut, meinen Kopf einmal für eine Zeit mit Eindrücken von außen zu überschütten. Aber manchmal wünsche ich mir ein paar Minuten Ruhe, um meinen eigenen Gedanken folgen zu können.
Alles ist hier so schnell. So viele Eindrücke in so kurzer Zeit. Aber ich achte auf die Menschen, wie sie sich verhalten, welche Gefühle sie zeigen, und so weiter. Die Menschlichkeit geht nicht verloren, in dieser Stadt. Wir sind alle Individuen mit eigenen Sorgen, Ängsten, Wünschen, Träumen. Einem niedergeschlagenen Afro-Amerikaner konnte ich ein Lächeln schenken. Er gab mir seins zurück.
Können blaue Plastiksäcke spurlos verschwinden?
Ich habs nicht gesehen, aber ich hab mir sagen lassen, Österreich hat gut gespielt. Schade dass nicht mehr als ein Ausgleich drin war. Und ich hab mir sagen lassen, dass Deutschland verloren hat. Aber Montag ist ja auch noch ein Tag.
Ich huste weiter.
Die Zahnpasta wird immer knapper.
Samstag, 14.6.
Camden Town Market, National Library, Oxford Street again, Dominion Theatre – We Will Rock You (best show ever), China Town, Piccadilly Circus (ist kein Circus mehr), Leicester Square (ist noch ein Square).
Früher habe ich alle Großstädte dieser Welt verabscheut. London habe ich diesmal ins Herz geschlossen. Es tut weh, bei Charing Cross in den Zug zu steigen und zu wissen, Das wars jetzt. Auf Wiedersehen, London, denn das hoffe ich.
Zum Abschluss eine Riesenportion an Menschlichkeit. Ich weiß seinen Namen nicht.
Die wissen alle gar nicht, wie gern ich sie hab. Wie dankbar ich manchen von ihnen bin und wie wichtig sie mir sind. Ob ich es ihnen wohl irgendwann sagen werde? Und wie wichtig bin ich ihnen?
So unglaublich viele Hemmungen an einer einzigen Person. Das kann nicht gesund sein. Etwas gehört getan.
Manche Leute sagen, sie bereuen nichts. Ich schon. Keine Ahnung, ob das nun gut oder schlecht ist. Jedenfalls bereue ich viel und lange. Ich denke nicht, dass ich das ändern könnte.
Ja, Plastiksäcke können spurlos verschwinden. Aber manchmal tauchen sie wieder auf, wenn man sich darum bemüht.
Ich kann nicht glauben, dass sie wirklich so naiv ist. Warum zeigt sie mir nicht, dass sie ein höheres Niveau hat? Oder ist das wirklich meine beste Freundin wie ich sie kenne und liebe?
Die Zahnpasta musste sparsam rationiert und mit Bedacht verwendet werden. Der Vorrat neigt sich dem Ende zu. Aber es reicht noch.
Sonntag, 15.6. (9:36)
Da sind wir nun also, am Weg zum Flughafen. Fünf von uns schlafen, darunter auch Mr. M. – er ist also doch ein Mensch. Maschinen schlafen ja nicht. Es macht mich ein wenig traurig, die Stadt zurückzulassen. Die Insel zurückzulassen. Und das denkt ausgerechnet jemand, der sich vor vier Jahren in Irland verliebt hat. Aber irgendwann werde ich auch hierher zurückkehren. Wieder über Trafalgar Square laufen, die National Library besuchen und einen Tag im Hyde Park verbringen. Vielleicht wohne ich wieder in Eltham, könnte ja sein. Wäre schön, denn am meisten wird mir das Zugfahren hier fehlen. Die Geräusche, das hektische Piepsen, wenn die Türen aufgehen, und die freundliche Stimme, die mir sagt, wo wir gerade sind, und dass ich keine unattended items on the train or in the station zurücklassen soll. Und das Display, auf dem diese Informationen in gelber Leuchtschrift vorbeilaufen. Die roten Busse und Telefonzellen, und die Straßen ohne Zebrastreifen. Look right, steht da zum Beispiel, wie eine Erinnerung, dass die Autos links fahren. Und blindengerecht sind die Steine, an denen man erkennt, ob hier eine Straße oder eine Rolltreppe ist. So viele Dinge, die es bei uns nicht gibt.
Jetzt
Noch ein allerletztes Mal, weils so schön ist:
This is a Southeastern Service to Charing X, calling at Barnehurst, Bexleyheath, Welling, Falconwood, Eltham, Kidbrooke, Blackheath, Lewisham, New Cross, London Bridge, Waterloo East and Charing Cross. The next station is Lewisham. We will shortly be arriving at Lewisham. Please mind the gap between the platform and the train. Please do not leave any unattended items of luggage on the train or in the station.
Aber nun wird das abgeschlossen. Auf in neue Zeiten. Bessere? Andere. Die Welt ist im Wandel. So manches Geschehene war traurig, ist traurig, wird lange oder immer wehtun. Aber es musste wohl so sein, vielleicht war es gut so. Wir wollen nicht mehr dem nachtrauern, was wir verloren haben. Sondern der Zukunft entgegensehen.
Es gibt viel zu tun.