Stimmung: unzufrieden mit mir selbst, aber nicht schlecht. ein wenig nachdenklich.
Musik: Meat Loaf
Ich wusste zuerst nicht, worüber der Film war, hatte wohl nicht besonders gut aufgepasst, zu Beginn der heutigen Psychologiestunde. Doch Sarahs Mutter, sie bekam meine ganze Aufmerksamkeit, als sie uns versicherte, dass sie sehr glücklich sind, sie und ihre Tochter. Es ist nicht leicht für die beiden, aber sie nutzen jeden Tag, sie leben für den Augenblick, denn sie wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. Sarah nämlich, die hat Progerie.
Ihre Geburt verlief ohne Probleme, doch als sie nach etwa einem halben Jahr nur noch sehr langsam wuchs und kaum noch zunahm, wurde sie genau untersucht. Ihre Mutter erfuhr die Diagnose, sie dachte sich wohl „Was bitte?“, denn sie hatte noch nie von der Krankheit gehört. Man hielt ihr Schwarzweißbilder von Progeriekindern vor die Nase, so wird ihre Tochter bald aussehen. Die Mutter ist geschockt. Sie hat gar nichts gefühlt, sagt sie. Man ist nicht traurig, auch nicht wütend, man fühlt einfach gar nichts mehr.
Aber sie konnte damit umgehen. Man sieht ein, dass es so ist, und man versucht, das Beste draus zu machen. Und genau das haben sie auch getan. Sarah sollte ganz normal aufwachsen, so wie die anderen Kinder eben. Ihre Mutter ist alleinerziehend, nur gering beschäftigt, macht manchmal Teilzeitjobs und geht ein wenig putzen. Einen Großteil ihrer Zeit will sie mit Sarah verbringen, intensiv mit ihr leben, auch wenn sie manchmal streiten.
Immer kann sie ihre Tochter ohnehin nicht in Anspruch nehmen, denn die hat ja auch Freunde, mit denen sie spielt, besonders ihre beste Freundin Ronja. Und nebenbei geht sie natürlich zur Schule, wie andere Zehnjährige auch. Sie ist in einer Integrationsklasse, und sie kann dem Unterricht problemlos folgen. Nur beim Schreiben kommt sie nicht immer ganz mit, denn von allen Altersbeschwerden machen ihr wohl ihre Hände am meisten zu schaffen. Ihre Finger kann sie nicht mehr ganz ausstrecken, und es tut auch von Tag zu Tag mehr weh.
Vom Sportunterricht lässt sie sich dennoch nicht abhalten, und die MitschülerInnen sind dabei sehr hilfsbereit, geradezu zu hilfsbereit, denn Sarah beweist lieber, dass sie es auch alleine schafft. Im Kochunterricht wird sie oft hochgehoben, sie ist ja um vieles kleiner als die anderen. Als sie sie zum ersten Mal sahen, dachten manche, sie sei ein Baby, und auch sonst unterscheidet sich Sarahs Aussehen sehr von dem der meisten Kinder. Doch mittlerweile kennen sie Sarah, und alle sind gut Freund miteinander.
Auch auf der übrigen weiten Welt hat sie Freunde, denn einmal jährlich findet ein internationales Progerietreffen statt. Leider kommt von denen, die beim ersten Mal dabei waren, außer Sarah nur noch Megan. Alle anderen sind bereits wegen der Krankheit gestorben. Die häufigsten Todesursachen bei Progerie sind Schlaganfall und Herzinfarkt, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 12 bis 13 Jahren. Medikamente gibt es keine, nur Aspirin nimmt Sarah, um die Blutgerinnung zu senken.
Doch es wäre falsch zu sagen, abgesehen davon und von ihren Alterserscheinungen sei sie ein ganz gewöhnliches Kind. Ich wünschte, ich hätte mir alles gemerkt, von dem, was sie gesagt hat. Die meiste Zeit jedoch war ich so ergriffen von ihrer Art, dass ich nur noch innerlich lächeln und mich an ihr erfreuen konnte. Was Sarah einmal werden möchte? Friseurin. Warum? Weil sie ja selber keine Haare hat. Sie hat so einen Plastikkopf mit einer Perücke, dem macht sie auch immer wieder Frisuren. Aber selber trägt sie nie eine Perücke? Nein. Warum nicht? Das würde doch komisch aussehen! Da hat sie wohl Recht, eine Sarah mit Haarschopf, das wäre nicht so passend. Sarah ist so wie sie ist, und das ist gut.
Bestimmt gibt es Momente der Tränen, der Frage, warum bin ich so schwach und klein, warum muss ich so bald sterben, warum kann ich nicht Friseurin werden. Doch Sarah ist unglaublich lebensfroh, und ihre erfrischende Art steckt an. Sie glaubt ganz fest an ihre Schutzengel, Freunde, die im Himmel von Wolke zu Wolke hüpfen und auf sie aufpassen. Jeder hat einen Schutzengel. Auch die Tiere? Ja, sicher, natürlich auch die Tiere! Die bekommen von ihr auch immer was zu Weihnachten. Sarah liebt das Leben, und besonders liebt sie das Außergewöhnliche.
Am allermeisten aber interessiert sie sich wohl für Vulkane. Wenn sie davon erzählt, kommt sie ins Schwärmen, sie erklärt den Ausbruch, die Explosion, die wie ein Feuerwerk ist. Auch den Gefahren ist sie sich bewusst. Dann kommt die Lava, und die macht alles kaputt. Die Häuser und alles, und die Menschen sterben und die Tiere sterben, und die Pflanzen auch. Und die, die überleben, müssen dann die Stadt wieder aufbauen und die leben wieder dort, und die Tiere kommen wieder, und die Pflanzen. Zum Glück. Doch die Explosion selbst ist beeindruckend, wie ein großes Feuerwerk, auf das sie mehr als einmal zu sprechen kommt. Ihr größter Wunsch ist, selbst einmal dabei zu sein, einen aktiven Vulkan aus der Nähe zu sehen.
Dieser Wunsch wird ihr erfüllt, die Reise geht nach Italien, auf den Stromboli. Aus einem Reiseführer liest sie vor, der dreistündige Aufstieg zum Krater ist sehr anstrengend und ohne Führer höchst gefährlich. Sarah ist aufgeregt. Sie wird mit dem Hubschrauber fliegen, das wird laut sein, aber sie hat Ohrenstöpsel, also macht das nichts. Beim Start strahlen ihre Augen, das ganze Kind strahlt, endlich sieht sie das große Feuerwerk. Wunderschön ist es, das sieht man ihr an. Wie sie sich danach fühlt? Befreit. Befreit von einem Wunsch. Wenn sie sich etwas wünscht, dann fühlt sie sich immer so eingesperrt darin. Aber jetzt ist sie wieder befreit...
Das war 2003, als der Film gedreht wurde, damals war Sarah zehn Jahre alt. Mag sein, dass sie inzwischen gestorben ist. Vielleicht immer noch mit dem Gefühl der Befreiung, nach einem erfüllten Wunsch. Doch ihre Mutter meinte, Sarah wird nicht wirklich sterben. Ihr Körper ist tot, aber im Herzen lebt sie weiter. Mag sein, dass das so ist, ihre Mutter wird es wissen. Das Leben vieler anderer hat sie auf jeden Fall sehr bereichert. Manfred Corinne hat durch seinen Film viel dazu beigetragen. Ich habe versucht, Sarah zu beschreiben, doch es gelang mir nicht richtig. Man müsste sie gesehen haben, müsste sie erlebt haben, um zu verstehen, was an ihr so faszinierend ist.