Wir umarmten uns und ich sagte
leise: „Schön, dass du da bist“ – was angesichts der Tatsache, dass ich sie bei
ihr zu Hause besuchte, nicht besonders geistreich war. Das fiel mir auch sofort
auf, und so fügte ich hinzu: „So schön, dich wieder zu sehen“. Womit ich der
Wahrheit schon sehr nahe kam – denn sie sieht beeindruckend gut aus. Sie hat
ein wunderschönes Gesicht, ist schlank und scheint doch stark, auf eine gewisse
Weise strahlt sie... An Stelle ihres dunklen gelockten Haares trägt sie jetzt
ein blaues Tuch mit weißem Muster...
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Annemarie. Das ist ihr Name.
Früher, noch lange bevor ich zu schreiben begann, war sie ein Teil meiner
Familie. Sie war immer da, immer bei mir, und erst im Nachhinein lernte ich
diese Besonderheit, einen Menschen wie sie zu haben, so richtig voll und ganz
zu schätzen. Ja, es gibt ein Nachhinein. Es trat vor etwa dreieinhalb Jahren
ein, als Annemarie uns – und damit mich – verließ. Sie stach in See, zog ins
Lebensmeer hinaus, um ihre eigene Familie zu gründen. Niemand konnte mir meine
Annemarie ersetzen. Niemand versuchte es wirklich. Niemand hätte es geschafft,
sie wären alle kläglich gescheitert.
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Ich sprach nicht darüber. Ich hätte
nicht gewusst, was ich sagen sollte. Ich war doch nur ein Kind, das eine seiner
allerwichtigsten Bezugspersonen verloren hatte. Ich vermisste sie. Wir hatten
kaum Kontakt, sporadisch schrieb ich aus dem Urlaub oder zu Weihnachten, wir
trafen einander das eine oder andere Mal. Ich kann mich an zwei Träume
erinnern, in denen sie plötzlich unangekündigt wieder da war. In beiden Träumen
weinte ich vor Glück, aus einem wachte ich unter Tränen auf. Doch Annemarie kam
nicht wieder. „Hoffnung, die weh tut“ – ich erwähnte es hier schonmal.
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Dann rief sie aus dem Krankenhaus
an. Diagnose: Morbus Hodgkin – Krebs... Und doch: es geht ihr gut, meiner
Annemarie. Ich sah sie letzten Sonntag wieder, nach langen Jahren der Stille
zwischen uns. Während meine Schwester und ihr Freund mit den Kindern spielten,
suchte ich nur ihre Nähe, wollte sie sehen, hören, fühlen, dass sie da ist.
„Annemarie... bist du glücklich?“ fragte ich sie endlich unter Tränen. Ja. Es
geht ihr gut. Oder zumindest gab sie sich die allergrößte Mühe, um diesen
Eindruck zu erwecken. Aber das glaube ich nicht. Ich glaube, sie ist glücklich.
Ich glaube, sie ist stolz darauf. Und ich weiß, dass sie wieder gesund wird.
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Am Abend jenes Tages, zurück daheim
in meinem Zimmer, weinte ich mich in den Schlaf. Das mache ich für gewöhnlich
nicht, ich kann mich gar nicht erinnern, es schon jemals getan zu haben. Aber
so viele Tränen, all das, was nie herausgeweint worden war, musste jetzt
endlich raus. Dabei war ich gar nicht unglücklich. Es tat so gut, sie gesehen
zu haben. Doch der Schmerz, die Sehnsucht der letzten Jahre... Wie ein kleines
Kind weinte ich minutenlang, bis ich in einen tiefen Schlaf fiel.
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Und als ich diesen Eintrag schrieb
kamen mir wieder die Tränen. Da müssen tiefe alte Wunden in meiner jungen Seele
sein...
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Aber jetzt wird alles gut. Jetzt
bleiben wir in Kontakt. Nie wieder lass ich dich einfach so gehen – meine
Annemarie...