Birch Tree

30.09.2009 um 22:14 Uhr

Gedanken an Raphael und an die große Welt, die zu einer Flamme führen.

Stimmung: ein wenig nachdenklich, sehr müde, traurig beim Gedanken an Raphael
Musik: im Kopf Rock'n'Roll Band (Boston)

Zweifellos hat mich Raphaels Leben und Sterben sehr stark geprägt. Es mag erschreckend klingen, dass ich sein Todesdatum, nicht aber sein Geburtsdatum auswendig weiß. Ich habe auch nur drei Bilder von ihm. Und bis ich den Parte-Zettel las, hätte ich nicht sagen können, ob er den Nachnamen seiner Mutter oder den seines Vaters trägt.

Ich habe Raphael nie persönlich getroffen. Er wohnte 150km weit weg in Wien. Er hätte nicht Teil meines Lebens werden müssen. Ich hätte versuchen können, sein Schicksal auszublenden, mich auf anderes zu konzentrieren, da er nur in meinen Gedanken, nicht in meinem praktischen Alltag eine Rolle spielte.

Doch in jenen zwei Jahren seines Lebens spürte ich eine tiefe Verbundenheit mit meinem Cousin. Meine Gefühle zu ihm und meine Gedanken an ihn waren und sind welche der allerwichtigsten für mich. Trotz der eigentlichen Distanz war und ist mir Raphael sehr nahe. In manchen Momenten dachte ich sogar, mein Herz schlägt deshalb so stark, weil es für ihn mitschlägt. (Leider weiß ich mittlerweile, dass es einfach nur wegen der Anämie Schwierigkeiten hatte, meinen Körper mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Das macht mich ein wenig traurig.)

Objektiv betrachtet ist der Lebenskampf und Tod eines knapp zweijährigen Jungen harmlos im Vergleich zu dem unüberblickbar und unverständlich großen Leid auf der Erde. Doch ich in meiner Funktion gebe mir selbst die Erlaubnis, subjektiv zu beurteilen. In dieser unüberblickbar und unverständlich leidvollen Welt bin ich ein winzig kleiner Mensch. Und ich bewerte das Leben eines noch kleineren Menschen, meines Cousins Raphael Wahl, für mich als enorm wichtig.

Ich bin mir dessen bewusst, dass auf der ganzen Welt laufend Kinder sterben. Aber ich weiß deren Namen nicht. Ich kenne nicht die Eltern, die Schwester, die Großeltern, die Tante und den Onkel, der in allen Fällen, bis auf einen, nicht mein Firmpate ist. Und ich habe nicht am 26. Mai ein perfektes gefaltetes Papierschiff in ihr offenes Grab segeln lassen.

Mit Raphaels Geschichte kann und will ich umgehen. Doch ich kann, will und darf nicht das Leid der Welt tragen. In meinem Zimmer brennt heute einer Kerze. Nicht für all jene, die sich eine verdient hätten. Sondern nur für Annemarie und ihre zwei Kinder, die ihre Mutter nicht verloren haben.

Vielleicht brennt über oder unter oder am Ende der Welt irgendwo eine Kerze für jene, an die ich nicht denken und denen ich sicherlich nicht helfen kann. Oder vielleicht ist die ganze Welt die Flamme einer einzigen riesig großen Kerze. Möglicherweise wären wir dann alle lauter kleine Lichtpunkte, die zusammen ein einziges riesig großes Hell ergeben. Dieser Gedanke gefällt mir.

30.09.2009 um 11:21 Uhr

Menü - Mitteilungen - Gesendete Objekte:

Stimmung: gut

Hab jetzt den führerschein!
Komm dich mal besuchen!
Viele liebe grüße, R.

(Empfänger: Annemarie. Gesendet 11:12:32, 30.09.2009)

17.09.2009 um 21:40 Uhr

rem bene gero

Stimmung: gut erschöpft zufrieden traurig verliebt
Musik: shuffle

Es geht mir gut. Die Anstrengung ist das, was ich jetzt brauche. Stress, aber nicht Distress. Ich bin stark. Ich bin zuversichtlich. Es geht mir gut.

 

Sorgen gibt es immer mal. Man muss versuchen, damit umzugehen.

 

Ich denke viel an Raphael. Sehr viel. Ich akzeptiere es. Dennoch erfüllt es mich mit einer grenzenlosen Traurigkeit. Ich bin glücklich, doch ich weine, wegen Raphael. Obwohl ich es akzeptiere. Auch wenn es mir so gut geht, wie zuvor schon lange nicht. Das fühlt sich seltsam an. Aber nicht schlecht.

15.09.2009 um 21:48 Uhr

Der Tumor...

Stimmung: gut

ist besiegt. Nach der Enduntersuchung konnte heute Entwarnung gegeben werden. Mein Vater sagte „vollständige Remission“. Völlig egal, wie wir es nennen, oder? Sie hat es überstanden. Vielleicht wird wirklich alles wieder gut. Ich freu mich so, ich weiß gar nicht, was ich denken soll. Meine Annemarie...

 

(Bald hab ich den Führerschein, dann kann ich sie ganz unabhängig besuchen.)

14.09.2009 um 22:35 Uhr

Aktivierungsenthalpie

Stimmung: mühühüde... aber gut

Bei mir gehts zu. Obwohl die so bezeichneten Energy Drinks für gewöhnlich nicht auf meinem Speiseplan stehen, kaufte ich mir heute in der Freistunde eines. Wissend, dass ich nach den Regeln der Natur dringend schlafen müsste. Was ich nicht konnte, weil ich gleich nach der Schule noch für die theoretische Führerscheinprüfung lernen wollte. Deren Vorprüfung ich heute ganz locker bestanden habe. Obwohl ich nach meinem Empfinden zu wenig dafür gelernt hatte. Nicht aber aufgrund von Faulheit. Sondern weil ich mich spontan dazu entschlossen hatte, das Wochenende beim Roten Kreuz zu verbringen. Wo ich mit der lieben Mary an meiner Seite Puppen reanimierte, Kopf- und Druckverbände anlegte und Rautekgriffe anwandte. Da sich für die nächsten Monate anscheinend eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin anbahnt. Was allerdings bis zum heutigen Stand nur ein nicht verifiziertes Gerücht ist, das meinem Hirn entsprang. Ich habe mich nicht entschieden. Doch es kommt mir so vor, als wäre dies die Entscheidung. Es bleibt nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Die Termine der nächsten Tage: Morgen Ballbesprechung in der Schule, Mittwoch theoretische Fahrprüfung, Donnerstag Kla4stunde,  dazwischen (wann denn?) Kontrolluntersuchung beim Gynäkologen meines Vertrauens, Freitag und Samstag Gerätelehre beim Roten Kreuz, Sonntag Reanimation mit dem Frühdefi beim Roten Kreuz plus erste Zwischenprüfung, am Montag wieder Therapie, juhu! Ich muss mich bei meiner Reitlehrerin melden, ihr sagen, warum ich nicht komme. Und meinen Paten anrufen, ihm sagen, dass 14. November nicht geht, wenn ich die RettSani-Ausbildung mache. Völlig vernachlässigen kann ich natürlich jegliche soziale Kontakte nicht. Jetzt geht es darum, den Lebensdrachen gut zu lenken. Ich fühle mich stark. Ich weiß nicht, wo meine Grenzen sind. Ab wann mein Körper sagt, er macht da nicht mehr mit. Ich muss darauf vertrauen, dass es läuft. Es wird schon irgendwie gehen. Die Situation ist natürlich nicht vergleichbar. Doch irgendwie ist es immer noch gegangen. Ich hab ihr gesagt, was ich für sie empfinde. Nicht so direkt, nicht so, dass sie verstand, wie ich es meine, und nicht so, dass sie sich später daran erinnern würde, was ich genau gesagt habe. Es ist so wunderschön, sie zu lieben. Auch wenn es ziemlich heftig weh tut. Ich habe einen Lenkdrachen zum Geburtstag bekommen. Nicht nur, versteht sich, aber auch. Ich hab eine riesengroße Freude an ihm. Von drei Dingen hab ich meiner Therapeutin heute am Telefon erzählt: die RettSani-Ausbildung, England und der Drachen. Mein schönes neues T-Shirt zeige ich ihr am Montag. Auch in meinem Zimmer gehen Veränderungen vor. Und Frau O. kommt nur noch dreimal in der Woche. Endlich fühle ich mich frei. Ansonsten gehts drunter und drüber. Ich werde jetzt duschen und schlafen gehen. Denn ich bin fix und fertig.

 

(Ganz ehrlich, warum ich die Schriftart nicht anpassen kann, weiß ich auch gerade nicht, und im Moment ist es mir ziemlich egal, ich muss mich jetzt um was anderes (mich) kümmern. Gute Nacht!)