Gedanken an Raphael und an die große Welt, die zu einer Flamme führen.
Stimmung: ein wenig nachdenklich, sehr müde, traurig beim Gedanken an Raphael
Musik: im Kopf Rock'n'Roll Band (Boston)
Zweifellos hat mich Raphaels Leben und Sterben sehr stark geprägt. Es mag erschreckend klingen, dass ich sein Todesdatum, nicht aber sein Geburtsdatum auswendig weiß. Ich habe auch nur drei Bilder von ihm. Und bis ich den Parte-Zettel las, hätte ich nicht sagen können, ob er den Nachnamen seiner Mutter oder den seines Vaters trägt.
Ich habe Raphael nie persönlich getroffen. Er wohnte 150km weit weg in Wien. Er hätte nicht Teil meines Lebens werden müssen. Ich hätte versuchen können, sein Schicksal auszublenden, mich auf anderes zu konzentrieren, da er nur in meinen Gedanken, nicht in meinem praktischen Alltag eine Rolle spielte.
Doch in jenen zwei Jahren seines Lebens spürte ich eine tiefe Verbundenheit mit meinem Cousin. Meine Gefühle zu ihm und meine Gedanken an ihn waren und sind welche der allerwichtigsten für mich. Trotz der eigentlichen Distanz war und ist mir Raphael sehr nahe. In manchen Momenten dachte ich sogar, mein Herz schlägt deshalb so stark, weil es für ihn mitschlägt. (Leider weiß ich mittlerweile, dass es einfach nur wegen der Anämie Schwierigkeiten hatte, meinen Körper mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Das macht mich ein wenig traurig.)
Objektiv betrachtet ist der Lebenskampf und Tod eines knapp zweijährigen Jungen harmlos im Vergleich zu dem unüberblickbar und unverständlich großen Leid auf der Erde. Doch ich in meiner Funktion gebe mir selbst die Erlaubnis, subjektiv zu beurteilen. In dieser unüberblickbar und unverständlich leidvollen Welt bin ich ein winzig kleiner Mensch. Und ich bewerte das Leben eines noch kleineren Menschen, meines Cousins Raphael Wahl, für mich als enorm wichtig.
Ich bin mir dessen bewusst, dass auf der ganzen Welt laufend Kinder sterben. Aber ich weiß deren Namen nicht. Ich kenne nicht die Eltern, die Schwester, die Großeltern, die Tante und den Onkel, der in allen Fällen, bis auf einen, nicht mein Firmpate ist. Und ich habe nicht am 26. Mai ein perfektes gefaltetes Papierschiff in ihr offenes Grab segeln lassen.
Mit Raphaels Geschichte kann und will ich umgehen. Doch ich kann, will und darf nicht das Leid der Welt tragen. In meinem Zimmer brennt heute einer Kerze. Nicht für all jene, die sich eine verdient hätten. Sondern nur für Annemarie und ihre zwei Kinder, die ihre Mutter nicht verloren haben.
Vielleicht brennt über oder unter oder am Ende der Welt irgendwo eine Kerze für jene, an die ich nicht denken und denen ich sicherlich nicht helfen kann. Oder vielleicht ist die ganze Welt die Flamme einer einzigen riesig großen Kerze. Möglicherweise wären wir dann alle lauter kleine Lichtpunkte, die zusammen ein einziges riesig großes Hell ergeben. Dieser Gedanke gefällt mir.
