*vertigo und die MS*

24.07.2007 um 23:52 Uhr

Manchmal schreibe ich ein Buch ...

von: vertigo   Kategorie: Das normale Leben

Manchmal überkommt es mich und ich fange an, ein Buch zu schreiben. Meistens verstaubt das Ding dann wieder in unendlichen Weiten meiner Festplatten-Ordner.

Gestern (oder war's vorgestern) habe ich das erste Kapitel eines meiner Bücher zufällig wieder gefunden. Mal lesen? Feedback ist willkommen!


Kapitel 1 

Ein Traum in Rot. Genauer gesagt in kirschrot. Endend kurz über den Knien und schmal geschnitten. Mit einem sexy Rückenausschnitt und aus angenehm kühlem Leinen. Die Schaufensterpuppe trug zu diesem wunderbaren Sommerkleid schicke Riemchen-High Heels. Ähnliche warteten schon ein paar Wochen in Ella Scones Schuhschrank auf ihren ersten glänzenden Auftritt. Fehlte also nur noch ein Kleid dazu. Und zwar das Kleid der Schaufensterpuppe. Ella tat noch einen kurzen Blick auf das Preisschild und beschloss dann, es der Puppe gleich zu tun. Sie musste einfach dieses raffinierte Teil haben.

 

Einige Zeit später trat Ella gut gelaunt und erledigter Dinge aus der Boutique. In einer Hand die elegante Tragetasche aus dem Shop, in der anderen einen Flyer für eine neue Bar im Szene-Viertel der Stadt. Dan, der Verkäufer der Boutique „Grace“ war ein Bekannter von Ella und versorgte sie bei fast allen ihren Besuche im „Grace“ mit Infos darüber, wo partymäßig am meisten abging. Obendrein hatte Ella wieder mal einen kleinen Rabatt auf das kirschrote Kleid bekommen. Man musste nur lange genug mit Dan plaudern und über sich den neuesten Klatsch in Sachen „Wer mit wem und mit wem auch noch?“ ergehen lassen, schon ernannte Dan einen aufs Neue zur besten Kundin und erließ einem ein nettes Sümmchen. Dass sich das allerdings auf Dan’s Verkaufs-Provision auswirkte war ihm in solchen Momenten ziemlich egal. Der schwule Dan versuchte, so gut er konnte Frau zu sein und was das Tratschen anging, wurde er da manchen Frauen schon ziemlich gerecht. Mein Glück, dachte Ella und schlenderte freudig die Straße hinunter.

 

Weitere Auslagen wurden einer genaueren Prüfung unterzogen. In einem weiteren Geschäft erstand Ella noch eine hübsche Handtasche zu ihrem neuen Kleid, und als sie nach einiger Zeit auf die Uhr blickte, hatte sie es plötzlich furchtbar eilig. Oh nein, in zwanzig Minuten schließt der Lebensmittelladen vorne an der Ecke! Verdammt! Ich muss doch noch Prosecco und alles für das Sushi heute Abend kaufen. Ihre Freundin Pia und ihr neuer Lover hatten sich angekündigt und obwohl Ella genau wusste, das die gute Pia mal wieder nur mit ihm angeben wollte, hatte Ella sich vorgenommen, sie und – wie hieß er doch gleich noch mal, ach ja Fred – zu beeindrucken. Jetzt aber Beeilung, Mädchen!, dachte Ella und spurtete los. Selbstverständlich hatte sie ihre Einkaufsliste wie schon so oft im Büro liegen gelassen und versuchte nun krampfhaft, sich auf dem Weg alle benötigten Dinge wieder ins Gedächtnis zu rufen. Kurz vor Ladenschluss schob Ella letztendlich ihren Einkaufswagen zwischen all den anderen hektischen und gestressten Leuten auf die Kassa zu.

 

Unerwartet bekam sie einen mehr oder minder heftigen weiteren Anschub. Au! Mit schmerzverzerrtem Gesicht wandte Ella sich blitzartig um. Ein Kerl war mit seinem Einkaufswagen unsanft mit ihrem Hinterteil kollidiert. „Heh! Können Sie nicht aufpassen? Das hat weh getan!“, schnauzte Ella ihn mit funkelnden Augen an. Doch der Typ hatte sie schon überholt. Frechheit! Jetzt drängelte er sich auch noch vor, um schneller an die Reihe zu kommen. Ella holte tief Luft und knallte ihre Sachen auf das Förderband der Kassa. Der ignoriert mich ja total!, dachte sie verärgert, als der Grobian von Mann sie weiterhin keines Blickes würdigte. Pfeif drauf! Ella versuchte, sich wieder zu beruhigen. Kann ja jedem mal passieren, obwohl sich andere Leute bestimmt für so ein Verhalten bei ihr entschuldigt hätten.

 

Schnell bezahlte Ella und steuerte mit ihren Tüten den Ausgang an. Vor ihr auf dem Boden lag eine Brieftasche. Suchend schaute Ella sich um und vermutete zu ihrem Leidwesen, dass diese wohl dem ungehobelten Typen von vorhin gehören musste, der eben bei der Tür hinauslief. Um sich zu vergewissern, tat sie einen schnellen Blick ins Portemonnaie und wurde in ihrer Befürchtung bestätigt, als sie ihn auf seinem Führerscheinfoto wieder erkannte. „Aha! Raymond Burke. So heißt also dieser unhöfliche Bursche!“  Einen Augenblick lang überlegte sie, ob es nicht besser wäre, die Brieftasche bei der nächsten Polizeidienststelle abzugeben, als nochmals in die Nähe dieses Kerls zu kommen. Vielleicht haut er mir sie ja sogar zum Dank um die Ohren!, dachte Ella sarkastisch, entschied sich jedoch, nicht nachtragend zu sein und sie ihm persönlich zu übergeben. Sie nahm die Brieftasche an sich und versuchte ihn einzuholen. Inzwischen hatte es zu regnen begonnen und Ella bedauerte, dass sie ihre Einkäufe in die umweltschonenden Tragetaschen aus Papier hatte packen lassen. Diese würden wohl nicht lange dem Regen standhalten. Vor einem Zigarettenladen machte Ella halt. Wohin war dieser Mensch bloß verschwunden? Die Antwort kam prompt. Er eilte in diesem Moment aus dem Laden und stieß – diesmal ohne Einkaufswagen – mit Ella zusammen. Anscheinend hatte er nun bemerkt, dass ihm etwas abhanden gekommen war und war deswegen aus dem Geschäft gerannt. Wegen dem Zusammenstoß ließen beide ihre Tüten fallen. Nach kurzem Hin und Her und ohne, dass er sich wenigstens nun entschuldigt hätte,  hatte dann der Typ sein Portemonnaie wieder. Immerhin bedankte er sich dafür. Der blonde Mann betrat jetzt nochmals den Zigarettenladen und so schnappte sich Ella ihre Tüten wieder. Den bin ich nun wohl endlich los!, murmelte Ella. Sie hatte ohnehin keine Zeit für langes Gequatsche. Alles da? Ja, auch die Tasche aus der Boutique. Gut. Sehr gut. Jedoch nicht für lange.

 

Der Regen war heftiger geworden und Ellas Tragetaschen aus dem Lebensmittelgeschäft begannen sich besorgniserregend aufzuweichen. Bis zur nächsten Busstation waren es ungefähr noch 5 Minuten. Ob das wohl gut geht?, fragte sie sich und versuchte so behutsam wie möglich zu laufen, damit die Tüten nicht noch unnötigen Erschütterungen ausgesetzt und somit endgültig kaputt gehen würden. Doch nach ein paar Metern gab es kein Entrinnen mehr. Gleich zwei der papierenen Dinger verabschiedeten sich von ihrem Boden und entleerten ihren gesamten Inhalt auf dem Gehsteig. Ella stieß einen leisen Schrei aus. Wie peinlich!, stöhnte sie, als sie der zum Glück heil gebliebenen Prosecco-Flasche auf dem abschüssigen Weg hinterher eilte. An der Gehsteigkante drohte die Flasche allerdings in ein Loch zu fallen. In ein von Menschen absichtlich gegrabenes Loch. In eine Baustellengrube nämlich. „Nein!“, rief Ella und nahm aus dem Augenwinkel einige Arbeiter wahr, die belustigt diese Szene beobachteten. „He, Süße! Du sollst das trinken und nicht damit dribbeln!“, grölte einer von ihnen. „Ja, und zwar am besten mit mir, Baby!“, raunte ein anderer mit anzüglichem Grinsen. Ella schaffte es, knallrot anzulaufen. Sie sah inzwischen schrecklich aus. Das pechschwarze, mühsam am Morgen geglättete, Haar, welches auf einen süßen Pagenkopf zurechtgestutzt war, ringelte sich aufgrund seiner Naturlocken wirr um ihr erhitztes und puterrotes Gesicht, ihre weiße Bluse war an den sexuell strategisch wichtigen Stellen gründlich beregnet und somit fast durchsichtig geworden und nun lieferte sich Ella zu guter Letzt auch noch einen recht albernen Wettlauf mit einer dämlichen Prosecco-Flasche. Wenn das kein Grund war, um im Boden zu versinken, dann gab es allerdings nicht viele bessere dafür!

 

Die Flasche war so gut wie in der Grube verschwunden, als sie, wie durch ein Wunder, von einer mit Arbeitshandschuhen bekleideten Hand, die sich plötzlich aus dem Loch streckte, abgefangen wurde. Ella blieb verdutzt stehen. Hier gab es wohl Erdwürmer, die gerne Fangübungen machten! Ein brauner, verwuschelter Haarschopf wurde sichtbar. Diesem folgte ein regennasses und mit Staub verschmiertes Männergesicht Anfang dreißig. „Hoppla! Danke! Ich bin tatsächlich durstig.“, sagte der Retter des Proseccos und zwinkerte Ella freundlich zu. „Äh! Ja. Zum Glück haben Sie sie aufgefangen. Danke! Mein Gott, die Flasche hätte sie ja treffen können!“, stammelte Ella verlegen während der Mann aus dem Loch geklettert kam. „Los! Packt zusammen! Heute wird das ja doch nichts mehr bei dem Regen.“, trieb er jetzt seine Arbeitskollegen an, welche ihn und Ella beobachteten. Dann wandte er sich wieder an Ella. „Ich denke, wir beide hatten Glück. So was passiert mir ja nicht allzu oft. Höchstens einmal im Monat.“, grinste der Bauarbeiter. Erleichtert, dass dieser keine spöttischen Meldungen losließ, fasste sich Ella daher wieder und meinte lächelnd: „Guter Fang! Alle Achtung. Baseballspieler als zweites Standbein, nicht wahr?“. „Falsch! Einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort! Kommt noch etwas gerollt oder war’s das?“ Ella griff sich an den Kopf. „Meine Sachen! Ich habe sie dort oben stehen lassen, als ich die Flasche retten wollte.“, rief sie und machte sich auf den Weg zurück. „Warten Sie! Ich helfe Ihnen.“ entgegnete der Arbeiter und setzte sich ebenfalls in Bewegung.

 

Beim Rest ihrer Einkäufe angekommen besah sich Ella nun den entstandenen Schaden genauer. Die kleine Flasche mit Sojasauce war zerbrochen und die Packung mit dem Sushi-Reis war völlig durchweicht. Die anderen Sachen waren noch in Ordnung. Seufzend entsorgte sie die Scherben und den Reis in einem Mülleimer und fragte sich dann, wie sie das übrig gebliebene Zeug nach Hause bekommen sollte. In den Händen heim tragen ging eher schlecht. „Sieht nach chronischem Tütenengpass aus.“, meinte Ellas Helfer in der Not, als er sich die Misere ansah. „Genau das ist mein Problem.“, antwortete sie. „Sie hätten nicht rein zufällig irgendetwas, um das alles zu verstauen. Meinetwegen auch eine Obstkiste oder so, denn das Geschäft hat schon geschlossen. Da kriege ich keine Tragtaschen mehr.“ Ella blickte den Mann aus ihren blauen Augen fragend an. „Mal sehen was ich für Sie tun kann. Warten Sie einen Augenblick hier. Ich bin gleich wieder da.“, sprach er und trabte wieder in Richtung Baustelle zurück.

 Kurze Zeit später war er wieder bei Ella und brachte tatsächlich eine Kiste. „Na bitte! Wer sagt’s denn?“, präsentierte er stolz das hölzerne Stück und half daraufhin beim Verstauen der Sachen. „Hier, die zwei Tüten sind heil geblieben.“, meinte der Bauarbeiter dann und überreichte Ella jene mit der neuen Handtasche und jene aus der Boutique „Grace“. „Vielen Dank! Das ist wirklich nett von Ihnen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen wie erleichtert ich bin.“, strahlte Ella und reichte ihm die Hand. Er zog eilig die schmutzigen Arbeitshandschuhe aus und drückte sie kräftig. „Keine Ursache! Warten Sie! Damit sie nicht noch mehr nass werden.“, antwortete er und schlüpfte aus seiner Jacke. „Ist zwar ein bisschen staubig, jedoch trocken. Na ja, innen zumindest noch. Los, ziehen Sie sie an!“ Ella war das Ganze immer noch ziemlich unangenehm und lehnte dankend ab. Doch sie hatte keine Chance. Nach einer kurzen Diskussion nahm sie die Jacke und zog sie an. „Geben Sie sie mir zurück, wenn sie nicht mehr gebraucht wird. Hat keine Eile. Wo Sie mich finden, wissen Sie nun ja. Die Baustelle gibt’s sicher noch ein paar Monate.“ „Ok! Nochmals vielen Dank. Ich habe nicht erwartet, dass Sie dermaßen hilfsbereit sind. Moment mal! Ich weiß ja nicht mal Ihren Namen. Ich heiße Ella.“ „Schöner Name! Meiner ist Alex. Ach ja, sollten Sie mich wegen der Jacke doch nicht hier antreffen, dann fragen Sie ruhig nach mir. Allzu weit kann ich dann ja nicht sein. So, nun muss ich aber los! Also dann, Ella. Machen Sie’s gut und sehen Sie zu, dass sie so bald wie möglich wieder trocken werden. Alleine schon der Männer wegen!“ Alex lächelte schelmisch und Ella fing wieder an rot zu werden. Sie hatte die kleine Anspielung auf ihre durchsichtige Bluse verstanden. „Mach ich! Sie waren sehr nett. Auf Wiedersehen!“ 

Kurz vor acht Uhr abends war Ella endlich in ihrer Wohnung angelangt. Sie hatte sich nach all dem Übel ein Taxi genommen. Schnaufend stellte sie nun die Kiste und die übrigen Einkäufe in der Diele ab und eilte zum Telefon. Sie musste unbedingt Pia erreichen, bevor sich diese samt Lover auf den Weg zu ihr machte. Vereinbart war halb neun. Pia war sicher noch nicht auf dem Weg. Kurz schilderte Ella ihr was passiert war und bat sie um Verständnis, dass heute nichts mehr aus der kleinen Party werden würde. Pia grummelte zwar ein bisschen, war dann jedoch einsichtig und gab sich mit einem Treffen am Wochenende zufrieden. Nachdem das Gespräch beendet war ärgerte Ella sich. Typisch Pia! Manchmal fragte sich Ella wirklich, warum sie mit ihr befreundet war. Kein „Oh, du Arme! Das ist ja vielleicht ein Pech!“ oder Ähnliches. Egal. Wenigstens hatte Ella das Kleid und die Handtasche ergattert.

 

Nachdem sie heiß geduscht und sich abgetrocknet hatte wollte sie zum Trost das neue Kleid gemeinsam mit ihren High Heels nochmals anprobieren. Doch in der Tragetasche aus der Boutique war kein kirschrotes Kleid.

 

Ella starrte fassungslos auf schwarzen Stoff und traute ihren Augen nicht. Was zum Teufel war das denn? Ein Anzug? Noch dazu einer für Männer! Fassungslos ließ sie sich auf ihre Couch plumpsen und zündete sich eine Zigarette an. Bleib cool, Ella!, dachte sie und versuchte sich zu konzentrieren. Wie konnte das passieren? Nach der zweiten Zigarette wusste sie es auf einmal. Natürlich! So und nicht anders musste es gewesen sein. Jemand hatte sich, während sie mit Alex gesprochen hatte, einen schlechten Scherz erlaubt und ihr Kleid gegen den schwarzen Anzug ausgetauscht. Immerhin waren ihre gesamten Einkäufe ja für einige Minuten lang unbeaufsichtigt auf der Straße gestanden. Ella schüttelte den Kopf. Blöde Idee! Wer würde denn so etwas machen? Ok, so kann es nicht gewesen sein. Aber wie dann? Her mit der nächsten Zigarette. Doch dann dämmerte es Ella. Die einzige Möglichkeit bestand darin, dass der unfreundliche Typ vom Lebensmittelladen anscheinend ebenfalls in der Boutique „Grace“ eingekauft haben musste. Und zwar genau diesen Anzug. Als dann er und Ella beim Zusammenstoß vor dem Zigarettenladen die Taschen fallen ließen, war es zur Vertauschung der beiden identen Boutiquetüten gekommen.

 

Ella suchte in der Tasche nach einer Rechnung. Vielleicht hatte der Kerl ja mit Kreditkarte bezahlt und auf der Rechnung stand ja dann wohl sein Name. Nur so konnte sie sich hundertprozentig sicher sein. In der Tat. Raymond Burke stand da groß und deutlich drauf. Samt seiner Adresse. Na wunderbar! Anscheinend hatte Ella doch noch nicht den allerletzten Kontakt mit diesem Menschen gehabt. Doch für heute hatte sie genug von dem ganzen Spektakel. Erschöpft knallte sie die eingekauften Lebensmittel in den Kühlschrank, hängte Alex’ tropfende Jacke zum Trocknen auf und ging schlafen. Sie war hundemüde. Das reichte für einen Tag.


Kapitel 2 

Die restlichen Tage bis zum Wochenende schleppte sich Ella regelrecht ins Büro. Sie hatte sich bei der Geschichte mit der rollenden Prosecco-Flasche einen ordentlichen Schnupfen und alles was zu einer richtigen Erkältung dazugehört zugezogen. Und weil sie sich beim Sprechen anhörte wie eine alte Kettensäge, hatte sie es bis dato auch abgelehnt, sich bei Raymond Burke zu melden. Seine Telefonnummer hatte sie jedoch schon aus dem Telefonbuch rausgesucht. Da hatte man ja auch wirklich die Qual der Wahl. Zwei Handynummern und ein Hausanschluss. Der Mann musste ja eine Vorliebe für Telefongespräche haben. Trotzdem entschied Ella sich, mit einem Anruf abzuwarten bis sie wieder gesund war und sich ihre Stimme nicht mehr ganz so furchtbar anhörte.

In der Zwischenzeit mühte sie sich weiterhin mit ihrem aktuellen Projekt ab. Diesmal ging ihr die Arbeit nicht so leicht von der Hand wie sonst. Sie hatte einen Job als Assistentin des Leiters der Web-Development-Abteilung bei der Firma „Creation Spirit“. Sie war verantwortlich für die Weiterleitung der Kundenwünsche an die Web-Designer, welche sich dann tage- und nächtelang damit abmühten, diverse Vorschläge für die neue Homepage des jeweiligen Kunden am Computer zu erstellen. Danach war wieder Ella an der Reihe. Sie versuchte sodann wiederum jede der Muster-Homepages ins rechte Licht zu rücken und deren Präsentation bis ins Detail zu planen. Schließlich ging es darum, den Kunden auf jeden Fall mit einem der angebotenen Designs zu überzeugen und somit den Auftrag fix in der Tasche zu haben.

 

Ihr Chef, Richard Desmond, war bereits 55 und liebäugelte mit einer baldigen Pensionierung. Deshalb richtete er sich seinen Arbeitstag so angenehm wie möglich ein. Genauer gesagt machte er es sich seit einigen Wochen lediglich zur Aufgabe die Kunden zu besuchen und diverse Geschäftsessen mit ihnen abzuhalten, um sie – wie er sagte – bei der Stange zu halten. So kam es also, dass Ella inoffiziell auch seine Arbeit im Büro übernehmen musste und so viel wie nie zuvor zu tun hatte. Es war ja auch wirklich nicht leicht, einerseits neue Kunden zu akquirieren und andererseits bereits bestehende oder Fast-Kunden zufrieden zu stellen und ihnen alle Wünsche quasi von den Augen abzulesen. Andauernd klingelte das Telefon und so kam es, dass Ella an manchen Tagen zum Beispiel verdammt aufpassen musste, vor lauter Stress nicht den Vorschlag der Firma Alpenmilch – nämlich eine süße Kuh auf der Startseite der Homepage zu platzieren – an jene Web-Designer weitergab, die zur Zeit die Gestaltung der Website für ein Anglerbedarfs-Geschäft über hatten.

23.07.2007 um 18:23 Uhr

Ich kann's lauter!

von: vertigo   Kategorie: Das normale Leben

Nelke

So was hier weckt mich auf. Egal wann. Ob mitten in der Nacht oder während eines Nickerchens am Nachmittag. Und wie macht es das? Es brüllt mir in allen möglichen Tonlagen ins Ohr - mit der größtmöglichen Lautstärke (selbstredend), klettert auf mich drauf und schnüffelt in meinem Gesicht herum.

Doch es macht noch mehr: Heute hatte ich ein Telefonat mit einem Amt. Wer redet mit? Es! Nicht von weiter weg. Nein! Da wird das Köpfchen zwischen mich und mein Handy geschoben und dann wird gebrüllt. Dabei ging's ja nicht mal um sie. Um meine Nelke!

22.07.2007 um 21:04 Uhr

Laß mich jammern!

von: vertigo   Kategorie: *vertigo und die MS*

Bin nicht gut drauf. Obwohl heute so angenehm kühleres Wetter ist und Sonntag. Obwohl ich gut voran komme mit dem Abnehmen, und obwohl Du, liebe MS, mich in Ruhe läßt.

Irgendwie fühle ich mich einsam. Mein Schatz kommt erst am Dienstag wieder. Aber er ist ja öfter mal nicht da, und ich habe auch kein Problem damit. Außerdem telefonieren wir ja regelmäßig. Wenn ich kuscheln will, dann habe ich ja auch noch  meine Katzen.

Ist es nicht banal? Ich fühle mich einsam, weil ich die einzige in meinem Forum bin. Es ist banal und dann auch wieder nicht. Mein Forum ist wie ein Baby für mich. Ich habe mich von Anfang an tage- und nächtelang darum gekümmert, es aufgezogen und bin immer noch hinten her, damit nichts passiert und schief läuft. Ich habe mich so bemüht, das etwas daraus wird! Doch: Keiner da außer mir.

Man darf halt ein Kleines nicht überfordern, nicht drängen. Man muß ihm Zeit geben. Es muß sich entwickeln können. Klar. Trotzdem. Wie geht's Eltern oft? Ihr Einsatz und ihre Bemühungen werden nicht gedankt und geschätzt. Hilfe! Ich bin Mami geworden! Fröhlich

Ich will was bewegen. Will mit meinem Forum Hilfestellung geben und motivieren! Bin ich auf dem richtigen Weg? Mache ich alles falsch?

Eltern und ihre Sorgen um ihre Kinder ...

21.07.2007 um 23:39 Uhr

Wie weit geht es?

von: vertigo   Kategorie: *vertigo und die MS*

Manchmal denke ich darüber nach was aus uns beiden wird. Aus Dir, liebe MS, und aus mir. Loswerden tue ich Dich nicht. MS ist unheilbar. Zur Zeit noch. Ob ich eine andere Zeit erleben werde?

Als ich meine Diagnose erhielt, brach eine Welt für mich zusammen. Ich sah mich spätestens in drei Jahren im Rollstuhl sitzen. Wahrscheinlich auch noch mit den Händen zitternd. Und ich war wütend. Warum ich?

Ein halbes Jahr zuvor machte ich eine Ausbildung. Meine Trainerin von damals erzählte uns mal an einem trüben Wintertag von einer ihrer Freundinnen. Die hat Multiple Sklerose und sehr oft heftige Schübe. Sie sitzt im Rollstuhl und es geht ihr ziemlich schlecht. Als sie davon erzählte, saß ich staunend da, und mir lief es kalt den Rücken runter. Na, Gott sei dank habe ich das nicht!

Du hast nur ein halbes Jahr gebraucht, um mich zu finden. Und ich weiß auch woran ich gedacht habe nachdem ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. An diesen Tag im Winter. Hätte ich damals gar nicht hingehört, was die Trainerin erzählt, hättest Du mich dann nicht gefunden? MS, ich weiß: Auf solche Fragen gibst Du  keine Antwort!

Du sprichst sowieso eine eigene Sprache. Und Du hast immer nur die selben Themen. Du sprichst Drohungen aus wie "Na komm schon! Übernimm Dich! Ich werde Dir die nächsten Stunden und Tage zur Hölle machen." oder "Du darfst das nicht mehr tun - ganz egal, wie sehr Du das früher gerne gemacht hast! Du willst doch nicht, daß ich mich wieder über Dich ärgere und Dich das spüren lasse, oder?".

Kann ich Dich mal was fragen, MS? Nur eine kleine Frage! Bitte!

Wie weit wirst Du gehen?

21.07.2007 um 21:33 Uhr

First Message

von: vertigo   Kategorie: *vertigo und die MS*

So! Jetzt hast Du es. Du wolltest es, und da ist es jetzt auch. Dein erstes brandneues Weblog. Und was nun? Na komm schon, stell Dich vor! Schreib was über Dich. Nicht so schüchtern. Nein, ich sag Dir was: Ich schreibe, wonach mir ist und kein Bewerbungsschreiben.

Ok.

Warum mach ich das? Weil ich mir eingebildet habe ein Forum im Internet auf die Beine stellen zu müssen - und, weil ich davon erzählen möchte. Weil ich Multiple Sklerose habe. Und weil dieses Forum von Multiple Sklerose handelt. Nicht nur. Nein. Es ist ja so: Viele Menschen wollen schlank sein, abnehmen,  Gewicht verlieren, eine gute Figur haben. Man kann es nennen, wie man möchte. Das ist nicht so einfach zu bewerkstelligen, wenn man einige Kilos zuviel hat.

Wie ist das aber für jemanden mit MS? Tja, es gibt die einen, die sowieso schlank sind. Von haus aus oder eben durch die Krankheit, durch die Medikamente. Aber die, die zuviel wiegen haben da ein größeres Problem ...

Wie heißt es doch immer? Wenn man abnehmen will, dann muß man Sport machen. Klar. Ist ja auch gut so ein bißchen Sport. Ok, dann mache ich Sport. Aber da war ja noch was? Ach ja, richtig! Ich habe MS. Na egal, oder?

Nicht ganz egal. Ich habe MS - die Krankheit mit den tausend Gesichtern.

 Was hat man denn da so alles für Symptome? Na zum Beispiel Fatigue (gesprochen: "Fatik"). Das ist ständige Müdigkeit. Nicht so wie im Frühjahr, wenn man vor lauter Gähnen kaum mehr was sieht. Die Fatigue ist immer da. Egal, ob ich 6 Stunden schlafe oder 15. Dazu kommen die schnellen Erschöpfungszustände.

Und ja keinen Stress! Immer schön die Energie einteilen, Pausen machen, genug Schlafen. Denn: Stress ist Gift für mich. Und das bedeutet dann wieder mal einen neuen Schub. Wie ich's ja schon hatte. Mal auf die schnelle von heute auf morgen auf einem Auge blind werden. Literweise Cortison-Infusionen. JETZT sehe ich wieder.

Was ist denn noch so alles Streß? Der Job kann total stressig sein. Oder die Schwiegereltern. Manchmal auch der kleine Bruder und die lauten Nachbarn über Dir. Und was noch? Abnehmen! Hä?

Ja, abnehmen bedeutet Stress für den Körper. Weil der Körper ja total anders haushalten muß mit der Energie, die er übers Essen kriegt. Und jetzt kriegt er ja weniger - weil man ja abnehmen will. Also kann man dann nicht abnehmen, wenn man dick ist und MS hat? Wäre logisch, nicht wahr?!

Oh doch! Man kann. Und deshalb gibt's mein Forum. Es handelt von Menschen, die MS haben und sich dort verstanden fühlen - auch wenn's ums Kilo verlieren geht.

Und jetzt schau ich mal dort vorbei!

Fröhlich