Text des Tages

10.08.2006 um 00:22 Uhr

Lurchschaft Spinnschaft

von: boes

Undung Lurchschaft

 

Rund und ungesund

rollst Du, Lurchschaft

durch dunkle Räume,

machst was Unding war undung,

dem Saugermund Fund.

 

Spinnschaft – Webenfortheit

 

Die Spinnen beschlossen, eine Gewerkschaft zu gründen. Sie wollten sich gegen übertriebenen Reinlichkeitsdrang der Webenfortheit wehren.

Der Spinnschaft war leider kein langes Leben beschieden.

c/o Christa Scheiwein

 

 

 

 

09.08.2006 um 00:04 Uhr

Das Herz im Korb

von: boes

Im Brustkorb, der – ein Flechtwerk – das Herz birgt.

Der – ein leerer Korb – kein Herz mehr birgt.

Der es freigegeben hat. Das zuckende Herz.

Das einmal ein Vogelherz war

und sich – hoch oben Kreise ziehend – leicht fühlte.

Nun aber aus dem sich öffnenden Korb stürzte – fiel – landete.

In einem Topf landete mit schwarzer Erde.

Einsank.

Wurzeln trieb. Blätter auch.

Und zuletzt Blüten.

Dunkelrot.

 

 

Das Herz im Korb.

Im Brustkorb, der – ein Flechtwerk – das Herz birgt.

Der – ein leerer Korb – kein Herz mehr birgt.

Der es freigegeben hat. Das zuckende Herz.

Das Menschenherz, das in einen Topf fiel,

der – vor sich hinköchelnd – am Herd stand.

Und nun mitten in Karotten, Petersilie und Sellerie

am Kochen gehalten wird.

Bis zum Verzehr.

 

 

Die Feder am Vogel.

Die federleicht – nun frei vom Wind vertragen -

gefunden wird,

Sie wird in einen Korb gelegt,

in dem schon andere Federn liegen. Und Muscheln. Und Steine.

Die Feder im Korb.

Die - aus dem Korb genommen - an die Wand gehalten wird,

und Farbe wird darübergerollt – weiß bleibt ihr Abdruck auf der Wand.

Und noch einer.

Die Feder an der Wand,

die viele Federn ist.

Mehr als ihr Vogel je besaß.

Die Feder an der Wand über einem Bett,

in dem eine Frau schläft.

Und am Morgen erwacht sie

mit der Feder im Leib.

Federnd geht sie in den Tag

und weiß um ihre Zerbrechlichkeit

von der Art einer Feder.

Einer Stahlfeder.

 

c/o Sonntraut Diwald

08.08.2006 um 01:01 Uhr

Ramu

von: boes

Ramu war ein kleiner, zarter Junge, der in den noblen Vororten von Kalkutta aufwuchs.

Seine Eltern hatte ein großes, weißes Haus an einem Berghang gebaut, obwohl sein Vater als Angestellter der Dritte Welt Bank viel reisen musste, und die Familie ihn bei seinen Auslandsaufenthalten begleitete.

Gerade zurück gekehrt aus Malaysia musste Ramu erst wieder seine vertraute und doch neue Umgebung erkunden.

Das Haus hatte einen großen Innenhof mit Wasserbecken und vielen Pflanzen, hier spielten die Kinder, hier empfing man Gäste, hier hielt man sich die meiste Zeit auf, denn hier wars am kühlsten. Rundherum lagen die Räume der Familienmitglieder, neben dem Eingang hatte auch der Vater sein Büro.

Wenn er nicht unterwegs war, saß er, meist telefonierend, hinter einem riesen Schreibtisch aus Mahagoniholz, ein riesen Ventilator an der Decke, Schweiß schoss in Strömen unter dem dünnen, schütteren Haar heraus, er keuchte, atmete nur mehr schleppend, das Telefon entglitt seinen fleischigen Fingern, als Ramu neugierig in den Raum späte.

Der Vater streckte noch die Hand nach ihm, hilfesuchend, flehend,- er erstarrte in der Bewegung, der Oberkörper fiel schwer auf die Zettel vor ihm, einige stoben davon, einer landete direkt vor Ramus Füßen. Er drehte sich um, lief einige Schritte und begann zu schreien. Ein durchdringender Ton, einer Sirene gleich, schreckte die Hausbewohner aus ihrer Mittagsruhe. Diener stürzten herbei, weiß gekleidet. Alle sammelten sich auf der Schwelle des Büros und starrten auf den leblosen Körper über dem Schreibtisch. Niemand sagte ein Wort, niemand getraute sich einzutreten. Stille, nur der Ventilator summte leise, und man hörte noch das leise Schluchzen des Knaben.

Das Rascheln von Seide kündigte das Herannahen der Frauen an. Indira, die Hausherrin, in weinrotem Sari, war die erste, ihr dicht auf den Fersen die Schwiegermutter in Safrangelb, gefolgt von zwei jüngeren Frauen in Blau und Grün. Die Diener wichen zur Seite, Indira, mit wogendem Busen, genügte nur ein Blick, und sie bellte Befehle an die Dienerschaft. Ein älterer Mann mit Turban lief sofort zur Tür um den Arzt zu holen. Die Mutter stürzte auf den Körper des Sohnes zu, fühlte den Puls und begann über ihn gebeugt, heftig zu schluchzen.

Alles geriet in Bewegung, nur der kleine Ramu stand, nun verstummt, an der Schwelle und blickte und blickte..

Er hatte verstanden, sein Vater war tot. Das Herz. Alle hatten immer um Herz des Vater gebangt, es lag in der Familie, alle Männer starben einen vorzeitigen Tod. Erst letztes Jahr war Babus älterer Bruder von ihnen gegangen. Auch er war plötzlich zusammen gebrochen, beim Polo Spiel.

Viel Bilder und Gedanken schossen dem Knaben durch den Kopf. Er wusste, was zu tun war, er war sich der Bedeutung des Augenblicks bewusst. Er stellte sich neben seine Mutter und legte seine kleine braune Hand in die ihre. Sie strich ihm mit der anderen über den Kopf, drückte ihn an ihre Seite. Nun hatte er, trotz der jungen Jahre, über die Familie zu bestimmen. Sie liebten sich, mehr als es zwischen Mutter und Sohn üblich war, immer schon war ihr Verhältnis ein sehr nahes gewesen. Nun würde die Sorge um sein Herz ihr weiteres Leben bestimmen, nun war sie nur mehr Mutter.

 

„Der Tod des Vaters macht den Sohn frei“, behauptet Siegfried Lenz in seiner Erzählung „Das Feuerschiff“, später Ramus Lieblingsautor. Aber stimmt das? Auch in Indien?

Die Last der Verantwortung war schwer, fast zu schwer für den kleinen, zarten Knaben. Mit dem Tod des Vaters hatte sein Kindheit geendet, die Vertreibung aus dem Paradies.

Er war zu plötzlich gestorben, die finanziellen Verhältnisse der Familie waren schwierig, keine Pension von der Bank, das Haus musste verkauft werden, aber wohin nun?

Nach Kanada zu Indiras Schwester oder doch lieber nach England zu ihrem Bruder?

Indira entschied sich für letzteres.

Der Sohn kam in ein Internat, dort war er einsam, wurde immer schweigsamer, war der beste Schüler, der Beste seines Jahrgangs, der Beste am Collage, Studium mit Auszeichnung, der Vorzeigesohn, die Hoffnung der Familie,- gut behütet, verhätschelt. Sport nur in Maßen, bei jeder Erkältung zum Arzt, keine Aufregungen, der Junge muss geschont werden,- das Herz.

Keine Erschütterungen, deshalb auch keine Frauen, aber hier geht ihm nichts ab, er hat ja seine Mutter, die ihm jeden Wunsch von den Augen abliest.

 

c/o Michaela Hofmarcher

07.08.2006 um 00:19 Uhr

Das Geröchel

von: boes

Das Geröchel aus der Höhle ist unerträglich. In Gedanken bin ich bei der Geheimhaltung von Garben. Geheimhalten geht nie glatt vonstatten. Es dehnt und zieht sich wie Gummi und der Gummi dehnt sich, wird länger, wird dünner bis er auf den Ginger stößt. Der Zusammenprall ist gigantisch.

Die Garben röcheln, gießen wäre von Nöten. Doch wer garantiert, dass kein Giftmischer dem Gießwasser Gift beimischt. Gigantische Garben mit glatter Glasur ragen in den Himmel, dessen Gewölbe unendliches Getöse verströmen. Gekonnt halte ich mir die Ohren zu, das Gewebe meiner Hände gewinnt dabei die Oberhand.

Das Getöse wird zum Gezirp, welches sich ins Gewebe meiner Hände legt. Ich verabschiede mich vom tosenden Gewölbe, vergesse das Geröchel aus der Höhle und gehe meiner Wege.

 

c/o Elisabeth Chovanek