Christiane Rücker in "Tiger - Frühling in Wien"
"In Wien werden Freaks für chic gehalten. Deshalb läßt ein zappeliger Regisseur den Hauptdarsteller seines Films aus der Urwald-Republik Pogo in die Metropole der Donauanarchie einfliegen.
Tiger heißt der seltsame Herr. Er ist, dargestellt von dem amerikanischen Komiker Art Metrano, die Hauptfigur in Peter Patzaks Film-im-Film "Tiger-Frühling in Wien". Seine fette Brust ziert eine kitschige Krawatte. Am Flughafen Schwechat kommt er im synthetischen Raubtiermantel an. Ein handlicher Alu-Koffer weist den Mann von Welt aus. Darauf steht: Filmgut.
Auf Geheiß des Regisseurs soll Tiger, ehe es ans Drehen geht, eine Pressekonferenz mit seiner Erkennungsmelodie erheitern: Aaaiiiiaahhh!
Tigers heiserer Ton ist der Lockruf aus zahlreichen Tarzan-Filmen. Tarzan im Dschungel der Großstadt: Dieser Mythos soll sich in Peter Patzaks neuem Werk "Tiger" an der österreichischen Realität reiben. Denn Wien selbst taugt zum Mythos nicht mehr.
Der Regisseur im "Tiger"-Film wird vom Wiener Schauspieler und Kabarettisten Lukas Resetarits dargestellt. Er hat auch Züge von Resetarits' zweitem Ich, dem anarchistischen Fernseh-Fahnder Adolf Kottan, übernommen. In seiner Seele jedoch nistet der Wiener Maler und Regisseur Peter Patzak selbst.
Logisch, daß bei Tigers Reibung an der Wiener Wirklichkeit komödiantische Funken sprühen. Das vom "Regisseur" Resetarits während der Dreharbeiten vermittelte Stunden-Hotel Ritz hält der Naivling Tiger für eine Luxus-Herberge.
In dem fällt er sogleich einer Gitti anheim. Mit ihrem flinken Mundwerk entlockt sie ihm erneut den Lustschrei seines Lebens.
Der Regisseur hingegen wird nicht nur dauernd von den filmischen Ratschlägen seines Vaters, eines Filmvorführers, verfolgt, sondern zudem noch von einem Herrn im Trench, Typ Philip Marlowe.
Aber "Regisseur" Resetarits passiert noch Schlimmeres: Er verheddert sich in "Tiger" heillos in den Schlingen der Filmzitate, die ihm sein Spielleiter Peter Patzak, ein Cinemaniak, ausgelegt hat. Durch den Film geistern so große Vorbilder wie "Der Exorzist" und "Der dritte Mann", der "Letzte Tango in Paris" oder "The long Goodbye" von Robert Altman. Zitiert werden diverse Chaplin-Grotesken und Dick-und-Doof-Klamotten, und außerdem holt den Regisseur, natürlich, immer wieder der Kino-Mythos "Casablanca" ein.
Schließlich führt er seinem Team noch Muster aus eigener Produktion vor: Einen Schnipsel aus der verrückten Fernseh-Serie "Kottan ermittelt".
In solchen Cineasten-Scherzen verzehrt sich auch Peter Patzaks Film; ein Feuerwerk von Gags, das zu schnell abbrennt. Dabei ist Patzak, obwohl er bereits auf ein mächtiges Werk zurückschauen kann, für solch wohlfeile Selbstzitate viel zu jung."
