Kosovo zu einem "freien und unabhängigen Staat" erklärt
"Historischer Moment"
Die mehrheitlich von Albanern bewohnte südserbische Provinz Kosovo hat seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt.
Das
Parlament in Pristina nahm am Sonntagnachmittag einstimmig die von
Regierungschef Hashim Thaci verlesene Unabhängigkeitserklärung per
Akklamation an. "Wir erklären das Kosovo zu einem freien und
unabhängigen Staat", heißt es darin.
Noch am Sonntag trat der UNO-Sicherheitsrat zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Das wurde zuvor von Serbien und Russland, den beiden schärfsten Gegnern des neuen Staates beantragt.
Neue Flagge enthüllt
Kurz nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo ist im Parlament von Pristina die neue Flagge des Landes enthüllt worden. Auf dunkelblauem Grund sind in gelber Linienführung die Umrisse des Landes zu sehen. Zusätzlich zeigt die Flagge sechs Sterne.
"Das ist die neue Flagge des jüngsten Staates der Welt", sagte Parlamentspräsident Jakup Krasniqi unter dem Jubel der Abgeordneten. Bisher hatten die Kosovo-Albaner in ihrem Kampf gegen die serbische Vorherrschaft die albanische Flagge getragen, die auf rotem Grund einen schwarzen Adler zeigt.
"Lange gewartet"
"Auf diesen
Tag haben wir so lange gewartet", sagte zuvor Thaci den Abgeordneten.
"Wir verneigen uns vor denen, die sich für die Unabhängigkeit geopfert
haben", erklärte Thaci mit Blick auf die Toten des Bürgerkriegs
zwischen Albanern und Serben in den Jahren 1998 und 1999.
"Das ist ein historischer Moment, um das Leben aller Bürger dieses Landes zu verbessern, ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Das Volk des Kosovo war noch nie so einig", betonte der frühere Rebellenführer und Chef der Demokratischen Partei des Kosovo (PDK) einer Übersetzung des US-Nachrichtensenders CNN zufolge.
"Gute Beziehungen zu Serbien" angestrebt
Sein
Land werde alle Auflagen für einen weitgehenden Schutz der serbischen
Minderheit erfüllen und weiter mit den Vereinten Nationen und der EU
zusammenarbeiten.
"Wir wollen die volle Mitgliedschaft in der
EU", so Thaci der zudem an die NATO appellierte, die 17.000 Soldaten
umfassende internationale Schutztruppe KFOR im Kosovo zu belassen.
Thaci betonte, dass die Unabhängigkeit auf Grundlage des Plans einer "überwachten Unabhängigkeit" von UNO-Vermittler Martti Ahtisaari umgesetzt werde. Die künftige EU-Mission EULEX werde bei der Umsetzung des Plans helfen, sagte er. "Kosovo wird sein Äußerstes tun, um gute Beziehungen mit Serbien zu haben", unterstrich Thaci.
Zehntausende Albaner in Jubelstimmung
Zehntausende Albaner feierten im Zentrum von Pristina ihren neuen
Staat. Die Menschen tanzten in den Straßen, schwenkten albanische,
amerikanische und europäische Fahnen und begrüßten mit Transparenten
die Unabhängigkeit.
Auf dem Hauptplatz "Mutter Theresa" waren Transparente mit Aufschriften wie "Frohe Unabhängigkeit!", "USA, EU, NATO, danke, dass Ihr Wort gehalten habt!" und "Kosovo heißt seine Zukunft willkommen" zu sehen.
Explosion in geteilter Stadt Kosovska Mitrovica
Wenige
Stunden nach der Unabhängigkeitserklärung erschütterte eine Explosion
die zwischen Albanern und Serben geteilte Stadt Kosovska Mitrovica im
Norden des Landes. Wie die Polizei der Nachrichtenagentur AFP
mitteilte, ereignete sich die Explosion in der Nähe eines UNO-Gerichts.
In der Gegend wird auch die EU-Mission ihren Sitz haben.
Kosovska Mitrovica ist eine Hochburg der serbischen Minderheit des Kosovo. Die Stadt ist zwischen den ethnischen Gruppen geteilt: Im Norden der Stadt leben 20.000 Serben und im Süden 80.000 Albaner.
Handgreiflichkeiten an Grenze
Mehrere Hundert serbische Veteranen des Kosovo-Krieges von 1999 blockierten unterdessen den Grenzübergang Merdare zum Kosovo.
Sie
protestieren gegen die Unabhängigkeit des Landes, berichteten die
Belgrader Medien. Zuvor durchbrachen sie eine Kette der serbischen
Polizei, wurden aber von der kosovarischen Sicherheitskräften am
Überqueren der Grenze gehindert.
Dabei kam es nach den Berichten zu Handgreiflichkeiten zwischen den Veteranen und der Kosovo-Polizei.
KFOR verstärkte Truppenpräsenz
Die
NATO-Truppe KFOR verstärkte bereits im Vorfeld seine Truppenpräsenz im
Norden des Kosovo, wo besonders viele Serben wohnen. In der geteilten
Stadt Mitrovica wurden Barrikaden und Stacheldrahtverhaue
bereitgestellt, um Auseinandersetzungen zwischen Serben und Albanern zu
verhindern.
EU schickt 1.800 Beamte
In Brüssel
wurde am Samstag die sogenannte EULEX-Mission im Amtsblatt der
Europäischen Union veröffentlicht. Die Mission soll aus 1.800 Beamten
bestehen, darunter Polizisten, Richter, Staatsanwälte, Zöllner,
Justizvollzugsbeamte und Verwaltungsexperten.
EULEX soll den Aufbau rechtsstaatlicher Institutionen im Kosovo unterstützen. Die EU-Außenminister wollten am Montag über eine gemeinsame Haltung zu einem unabhängigen Kosovo beraten. Dabei erwarteten Diplomaten "kontroverse Diskussionen", weil einige Staaten wie Zypern, die Slowakei oder Rumänien gegen die einseitige Abtrennung der Region von Serbien sind.
http://orf.at/080217-21888/index.html








