fiktive tagebücher: von lilith

30.06.2004 um 09:31 Uhr

bilder von ruth 11: die entstehung der schrift

von: lilith

die Partitur

Musik werden lassen

Geschichten erzählen

Veränderung treiben

Verwirrung

und Spott

 

 

30.06.2004 um 08:30 Uhr

Da ist grelle Hitze, Gestank; da sind geifernde Bekenntnisse und über­all die Fliegen.

von: lilith

29.06.2004 um 22:28 Uhr

Angst vor Fliegen (Über Sartre: Die Fliegen)

von: lilith

 

Eine Stadt, erstarrt in Trauer.

Brütende Reue lastet auf den Menschen.

Sie fürchten Gott, die Toten, den König. Ihre Schuld ist das Vehikel ihrer Unterdrüc­kung.

Da ist grelle Hitze, Gestank; da sind geifernde Bekenntnisse und über­all die Fliegen.

Und da ist eine junge Frau, unbotmäßig, ehrfurchtslos und angstfrei - Elektra.

Sie trifft einen jungen Fremden, der mit seinem Lehrer die Stadt be­sucht.

Fürchte dich nicht, sagt er zu Elektra.

Ich fürchte mich nicht, sagt Elektra.

Er ist schön. Sein sanftes Gesicht spiegelt ungeahnte Möglichkeiten: Freude, Friede, Liebe, Lachen. Der sanfte Fremde macht Elektra Mut. Sie wird das Totenfest boykottie­ren, allein in einem weißen Kleid den Tanz des Lebens tanzen, die Menschen von Argos werden sich mi­treißen lassen und Ägist, die Priester, Jupiter und die Fliegen verjagen.

Ich lache, sagt Elektra, ich bin glücklich.

Ich strecke meine Arme aus, wie ein Mensch, der erwacht, ich habe mei­nen Platz an der Sonne, meinen ganzen Platz. Fällt mir vielleicht der Himmel auf den Kopf? Ich tanze, seht, ich tanze und fühle nur den Atem des Windes in meinen Haaren. (...) ich tanze für die Freude, ich tanze für den Frieden des Menschen, ich tanze für das Glück und das Leben.

Und die Toten schweigen, Ägist ist überführt, das Volk bereit Elektra zu folgen.

Aber: Der schöne Fremde ist Orest.

Er ist schön und sanft, aber er wird es nicht bleiben. Denn er hat eine wichtige Aufgabe: Er muß ICH werden. Er muß sein autonomes Selbst, seine  freigewählte Existenz be­gründen, und wenn es den Kopf seiner Mutter kostet.

Wenn einmal die Freiheit in einer Seele aufgebrochen ist, können die Göt­ter nichts mehr ge­gen diesen Menschen, gesteht Jupiter. Aber Posidon, caribu, lullaby, stellt er den Quatsch des Backfisches Elektra ab. IHRE Freiheit ist keine Freiheit, IHRE Tat ist keine Tat, oder sie ist kein Mensch. Ich habe  m e i n e  Tat getan, Elektra, und diese Tat war gut. Auch ein Tanz gegen die Obrigkeit ist eine Tat. Muß es eine gewalt­same Tat sein? Eine männliche?

Ich sage dir, es gibt einen anderen Weg... meinen Weg. Siehst du ihn nicht? Er geht von hier aus und führt hinunter in die Stadt. Man muß hinunterge­hen, verstehst du, hinuntergehen bis zu euch. Ihr seid ganz unten, auf dem Grund eines Loches, ganz unten.... (...) Du bist m e i n e Schwester, Elek­tra, und diese Stadt ist m e i n e Stadt. M e i n e Schwester! (...) ich bin zu leicht, ich muß mich mit einer schweren Freveltat belasten, so daß ich auf den Grund gehe, bis auf den schweren Grund von Argos.

Die Freiheit des Denkens, des Fühlens, des Tanzens wurde gewogen und zu leicht be­funden. Ein plumper Zauberspruch Jupiters wischt sie weg. Alles ist wieder beim alten. Die große Stunde des Orest hat ge­schlagen.

Seine Selbstwerdung ist ein Aneignungsprozeß. Er will die Stadt neh­men mit all ihren Fliegen, dazu Elektra, Ägist, Klytaimnestra. Wenn er genommen hat, dann IST er. Er nimmt nicht um zu besitzen, sondern um zu SEIN.

Komm, Elektra, betrachte unsere Stadt. Da liegt sie, rot unter der Sonne, summend von Menschen und Fliegen, in der Dumpfheit eines Sommer­nachmittages: mit all ihren Mauern stößt sie mich zurück, mit all ihren ge­schlossenen Toren. Und dennoch kann man sie neh­men, das fühl ich seit heute morgen. Und dich auch, Elektra, dich kann man auch nehmen. Ich werde euch beide nehmen. Ich werde zur Axt werden und diese widerspen­stigen Mauern auseinanderspalten, ich werde den Leib dieser bigotten Häuser öffnen, aus ihren Wunden wird ein Fraß und Weihrauch strömen, ich werde zum Beil werden und mich in das Herz dieser Stadt bohren wie das Beil in das Herz der Eiche.

Dann ist es vorbei.

Orest bietet Elektra ein ungeheures Geschenk: die kostbare Last seines Verbrechens. Ich werde dir eine Hand geben und wir werden gehen (...) zu uns selbst. Auf der anderen Seite der Flüsse und der Berge sind ein Orest und eine Elektra, die auf uns warten. Wir wer­den sie geduldig suchen müs­sen.

Die Frau, wie die Stadt, das Haus, die Eiche, die Fliegen Objekt, nicht Subjekt des Nehmens, des Spaltens, Durchbohrens, Auf-den-Grund-Gehens, ist auch nicht Subjekt ihrer eigenen Selbstwerdung. Die au­thentische Tat ist auf sie übertragbar. Orest bietet Elektra eine Frei­heit, die nicht die ihre, deren Schöpfer und Herr er selbst ist. In ihrer Feigheit entscheidet sie sich für den falschen ihrer beiden Herren, für Jupiter:

Ich werde deinem Gesetz folgen, ich werde deine Sklavin sein und dein Ding, ich werde deine Füße und deine Knie küssen. Bewahre mich vor den Fliegen, vor meinem Bruder, vor mir selbst, lasse mich nicht allein. Ich werde mein ganzes Leben der Sühne weihen. Ich be­reue, Jupiter, ich be­reue. 

Aber auch Elektras Feigheit ist nicht die ihre. Dazu passt sie zu gut in Orests Selbstwer­dungskonzept. Als Rückversicherung des autonomen männlichen Helden leistet ihre Reue gute Dienste.

Arbeitsteilung: Für Orest die Tat, für Elektra die Reue.

Orest, der Autonome, ein König ohne Land und Untertanen, schert sich nicht um die Erinnyen. Er hat seinen großen Abgang, ein flottes Gleichnis auf den Lippen. Die Flie­gen bleiben auf seinem Schatten-Ich Elektra kleben.

 

(Alle Zitate aus: Sartre: Die Fliegen)


 

29.06.2004 um 03:07 Uhr

okuhoja

von: lilith

 

Okuhoja.

Die Geburt wird gebaut, sie wird gebaut und gehauen in Stein, ein Berg.

Eine Werdung wird, wird gefunden im Licht der Nacht und wahllos.

28.06.2004 um 09:09 Uhr

lilith

von: lilith

 

28.06.2004 um 08:02 Uhr

ein fundstück

von: lilith

LILITH

Die erste bildliche Darstellung der Lilith auf einem sumerischen

Terrakotta-Relief ca. 1950 v. Chr.

 

 

28.06.2004 um 07:56 Uhr

paradies

von: lilith

Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.

(Kleist, Über das Marionettentheater)

 

     

  

28.06.2004 um 02:30 Uhr

sündenfall

von: lilith

Im Anfang war die Lust und die Lust war bei der Göttin und die Göttin war die Lust. Diese war im Anfang bei der Göttin. Alles ist durch diese ge­worden, und ohne sie wurde auch nicht eines von dem, was geworden.

Am Anfang war Eurynome, die Göttin aller Dinge. Nackt erhob sie sich aus dem Chaos. Aber sie fand nichts Festes, worauf sie ihre Füße setzen konnte. Sie trennte daher das Meer vom Himmel und tanzte einsam auf seinen Wellen.

Sie tanzte gen Süden; und der Wind, der sich hinter ihr erhob, schien etwas Neues und Eige­nes zu sein, mit dem das Werk der Schöpfung beginnen konnte. Sie wandte sich um und er­faßte diesen Nordwind und rieb ihn zwi­schen ihren Händen. Und, siehe da! es war Ophion, die große Schlange. Eurynome tanzte, um sich zu erwärmen, wild und immer wilder, bis Ophion, lüstern geworden, sich um ihre göttlichen Glieder schlang und sich mit ihr paarte.

 

Als ihre Zeit gekommen war, legte die Göttin das Weltei.

Die Schlange wand sich siebenmal darum und brütete es aus. Also schuf Eurynome Sonne, Mond, Planeten und Sterne. Sie schuf die Erde und machte sie fruchtbar, auf daß Menschen und Tiere sie bewohnen konn­ten. Und die Göttin sah, daß es gut war. Und sie sprach: "Seid fruchtbar und mehret euch und lebet in Frieden miteinander." Und zu den Menschen sprach sie: "Liebet einander und erfüllet das Gesetz des Lebens, denn dieses ist das einzige. Ihr dürft essen von allen Früch­ten, besonders aber vom Baum der Erkenntnis, damit ihr werdet wie die Göttin und Gut und Böse unterschei­den könnt." So wurde vollendet das Werk der Schöpfung, und die Göttin ruhte mit Jahwe, ihrem Heros.

Da geschah es, daß dieser eifersüchtig wurde auf die Göttin und er sprach zu den Menschen: "Ich bin euer Herr und Gott, der alles erschaffen hat. Füllt die Erde und macht sie untertan und herrscht über des Meeres Fische, die Vögel des Himmels und über alles Getier, das sich auf Erden regt, wie ich über euch. Und Jahwe behauptete den Mann geschaffen zu haben nach seinem Abbild, die Frau aber aus einer Rippe des Mannes.

Dann verbot er ihnen zu essen vom Baum der Erkenntnis. Dafür versprach er ihnen ewiges Leben.

Die Göttin verwandelte er in eine Schlange, hieß sie im Staube kriechen und verspottete sie. Eurynome, die Schlange aber, war listiger als Jahwe. Sie sprach zur Frau: "Sobald ihr vom Baum der Erkenntnis eßt, werden euch die Augen aufgehen, ihr werdet sein wie die Göttin, indem ihr Gutes und Böses erkennt." Da sah die Frau, daß der Baum gut sei zum Essen und eine Lust zum Anschauen und begehrenswert, um weise zu werden. Sie nahm von seiner Frucht, aß und gab auch ihrem Manne neben ihr, und auch er aß.

Als der Herr sah, was geschehen war, bestrafte er den Mann mit Unersätt­lichkeit. Zur Frau sprach er: "Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären. Und doch steht dein Begehren nach deinem Manne, er aber soll herrschen über dich." Dann trennte er sie von der Göttin, indem er Feindschaft säte zwischen sie und der Schlange, die er für alle Zeiten verfluchte.

 

 

28.06.2004 um 02:10 Uhr

die nächtliche

von: lilith

Am Anfang schuf Gott Adam und Lilith aus dem Staub der Erde und blies ihnen den Lebensatem ein. Da sie beide gleich erschaffen worden waren, waren sie einander in jeder Hinsicht gleichgestellt. Adam, als Mann, passte dies nicht, und er verlangte von Lilith, dass sie sich ihm unterordne. Lilith weigerte sich, rief Gottes heiligen Namen an und flog weg. Sofort beklagte sich Adam darüber bei Gott. Gott schickte drei Boten zu Lilith, um sie zur Rückkehr zu Adam aufzufordern. Sonst werde sie bestraft. Lilith aber wollte nicht mit einem Mann zusammenleben, der sie nicht als Gleichgestellte behandelte, und sie beschloss, dort zu bleiben, wo sie war.

 

Lilith ist eine weibliche Figur der antiken vorderasiatischen Religionen und Mythologien. Als Lilithu war sie ein Dämon oder Windgeist der assyrisch-babylonischen Mythologie.

Inhaltsverzeichnis

Jüdische Legenden um Lilith

Auf hebräisch bedeutet der Name Lilith die Nächtliche.

Laut jüdischen Legenden erschuf Gott Adam und Lilith aus dem gleichen Staub, um Lilith zu Adams gleichberechtigten Partnerin zu machen. Lilith war also Adams erste Frau. Diese Gleichberechtigung wurde von Adam nicht akzeptiert und er forderte, Lilith solle beim Geschlechtsakt unter ihm liegen. Dies wollte Lilith nicht akzeptieren und floh aus dem Paradies. Adam beschwerte sich bei Gott über Liliths Verhalten und Gott erschuf ihm Eva aus seiner Rippe. Diesmal erschuf Gott Adams Frau etwas kleiner als Adam und verwarf somit den ursprünglichen Schöpfungsplan, Mann und Frau als gleichberechtigte Wesen zu erschaffen. Eva ordnete sich Adam willig unter. Lilith blieb unsterblich, da sie nie die verbotene Früchte vom "Baum der Weisheit" aß und vereinigte sich in einer Schlucht nahe des Paradieses mit Dämonen, um Dämonenkinder, genannt "Lilim", zu gebären. In einigen jüdischen Sagen wird sie auch als der letzte Engel der zehn unheiligen Sephiroth beschrieben und als Kindermörderin gefürchtet, vor deren Schutz Talismane der Engel Sanvai, Sansanvi und Semangloph, die Lilith einst im Auftrag Gottes jagten, getragen. Nach jüdisch-feministischer Theologie ist Lilith die eigentlich Gute im Kampf zwischen Adam/Eva und Lilith (siehe dazu den Weblink).

Lilith in der Bibel

Liliths Rolle im biblischen Schöpfungsmythos ist in heutigen Bibeltexten nicht mehr erkennbar. Einzig die Passage

"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib." (1. Buch Mose, Kapitel 1,27)
wird auf die Existenz Liliths hin interpretiert, da diese Passage vor der Erwähnung der Schaffung Evas aus der Rippe Adams, steht.

Bei der biblischen Lilith handelt es sich wie in der assyrisch-babylonischen Mythologie um einen Geist oder Dämonen:

"Da treffen Wüstentiere mit wilden Hunden zusammen, und Bocksdämonen begegnen einander. Ja, dort rastet die Lilit und findet einen Ruheplatz für sich." (Jesaja 34:14)

siehe auch: Adam und Adam und Eva

Lilith als Symbolfigur der Emanzipation

Lilith wurde im Feminismus zum Symbol und zum Programm, die ersten Frauenbuchhandlungen und Frauencafés nannten sich nicht selten Lilith, auch als weiblicher Vorname ist Lilith recht beliebt geworden. Denn in Lilith sehen viele Frauen die ersehnte Gegenheldin zu der biblischen Eva.

Literatur

  • George MacDonald: Lilith, ISBN 3608875158, Titel bei Amazon.de hier, düsterer Fantasy-Roman aus dem 19. Jahrhundert
  • Siegmund Hurwitz: Lilith. Die erste Eva, Eine historische und psychologische Studie über dunkle Aspekte des Weiblichen, 1998, Daimon, ISBN 3-85630-545-9, Titel bei Amazon.de hier
  • Dorothee Pielow: Lilith und ihre Schwestern. Zur Dämonie des Weiblichen, 1998, Grupello, ISBN 3-928234-94-3, Titel bei Amazon.de hier
  • Vera Zingsem: Lilith, Adams erste Frau, 1999, Klöpfer & Meyer, ISBN 3-931402-41-X, Titel bei Amazon.de hier

Weblinks

27.06.2004 um 02:04 Uhr

Der Ewigkeitsfaktor (wieder ein Stück aus meinem unfertigen Krimi)

von: lilith

Ich habe angerufen, sagte Carola.
Der Mann im dunklen Anzug führte sie in eine Art Büroraum.
Mein Freund, sagte Carola, Thomas Berninger, sie kramte in ihrer Tasche nach seinem Foto, er ist vor einigen Wochen unter seltsamen Umständen verschwunden. Bei seinen Sachen habe ich Ihre Visitenkarte gefunden - ich dachte -
Wendlinger nahm das Foto und legte es vor sich auf die graugesprenkelte Kunststoffplatte. Sein Gesicht zeigte nichts her. Ein höflich interessierter Ausdruck lag wie Schminke über einer undurchdringlichen Maske.


Carola sah sich nervös um.
Was für eine Art Institut ist das?
Sie hatte an etwas Religiöses oder Pseudoreligiöses gedacht. Eine Sekte. Einen Verein, der fernöstliche Praktiken lehrte, Joga etwa, Tai-Tchi oder ähnliches. Sie hatte einen kahlen Meditationsraum erwartet, überspannte Studentinnen mit gläubigen Augen, voll Verehrung für irgendeinen Dr. Fu Mandschu, oder dicke Damen in Strumpfhosen, die auf Jutematten knieten und das Ohm übten.


Der Mensch ist eine Maschine, sagte Wendlinger und nahm seine große Brille ab. Er agiert und reagiert mittels seiner Programme. Mittels elektrochemischer Vorgänge im Körper.
Carola nickte. Soweit waren sie einer Meinung.


Wir glauben an die Unsterblichkeit des Menschen, sagte er. Was uns von den Traditionellen unterscheidet, ist, dass wir nicht darauf warten, dass das von selbst geschieht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir a) den unsterblichen Menschen künstlich produzieren können; b) menschenähnliche Maschinen erzeugen können, die sowohl über alle intellektuellen, als auch - soweit nützlich - über alle emotionalen menschlichen Fähigkeiten verfügen, d.h. lernfähig sind und sich darüber hinaus selbst reproduzieren können; und schließlich c) und d) lebenden Menschen Unsterblichkeit verleihen, sowie Tote durch Zellklonung wieder auferwecken können. Insofern ist der Name "Gesellschaft zur Wiederauferweckung der Toten" ein wenig enggegriffen und irreführend. Er stammt noch aus den Anfängen unserer Gesellschaft. Seit ihrer Gründung hat sich das Spektrum der Möglichkeiten gewaltig erweitert.


Carola starrte ihn an. Der Mann hatte nichts Verrücktes. Sein Job schien für ihn etwas Selbstverständliches. Er erwartete nicht einmal Begeisterung. Ein korrekter, sachlicher, vielleicht ein wenig pedantischer, vermutlich aber brillanter Mathematiker.
Er sah auf die Uhr. Er wirkte nicht ungeduldig, aber auch nicht besonders interessiert. Vermutlich hatte er Besseres zu tun. Tote zum Leben erwecken. Oder eher: den künstlichen Menschen bauen. Der hier war sicher dafür zuständig. Er sah selbst ein wenig künstlich aus.


Ist Thomas Berninger Mitglied Ihrer Gesellschaft? fragte Carola.
Die Mitglieder unserer Gesellschaft, sagte Wendlinger, sind hochdekorierte, verdienstvolle Wissenschaftler. Philosophen und Historiker ebenso wie Chaostheoretiker, Biochemiker, Mathematiker, Mediziner, Informatiker, Kernphysiker. Sowie Theologen beider christlichen Fakultäten. Internationale Kapazitäten, ohne Ausnahme. Was die Aktiven betrifft. Natürlich haben wir auch fördernde Mitglieder: Gekrönte Häupter, Ölmilliardäre.
Er machte eine bedauernde Geste. Forschung dieser Dimension kostet Geld, wie Sie sich denken können. Viel Geld.
Er drückte eine Taste. Einige Bildschirme flammten auf. Carola sah auf Diagramme, Kurven, Winkel, Zahlen. Passen Sie auf. Er bediente sein Keyboard. Verwirrende Bilder erschienen und verschwanden wieder. Das ist die Kochkurve, sagte er. Auf einem der Bildschirme leuchtete eine rote Linie auf. Passen Sie auf. Er drückte eine Taste. Die Linie bekam ein blaues Dreieck aufgesetzt. Er drückte wieder. Über den beiden roten Restlinien und den beiden blauen Dreieckslinien wurden jeweils grüne, kleinere Dreiecke aufgebaut. Taste: Gelbe Dreiecke auf allen verbliebenen Linien. Und noch einmal. Noch viele Male. Nach und nach entstand eine an ihren Rändern fein gezackte wellenartige Linie.
Was ist das, fragte Carola.
Selbstähnlichkeit, sagte Wendlinger. Er klickte einen kleinen Ausschnitt auf dem Bildschirm an und vergrößerte ihn. Die Figur war identisch mit einem der ersten Bilder. Sehen Sie, sagte er. Es beruht auf einer rekursiven Formel. Viele biologische Organismen sind nach einem ähnlichen Prinzip aufgebaut. Auch Molekülketten menschlicher Zellen.
Ich verstehe nicht ganz, sagte Carola. Tatsächlich verstand sie gar nichts.
Das Prinzip der Zellerneuerung, sagte Wendlinger, ist derzeit noch fehlerhaft. Was fehlt, ist - er überlegte eine Weile, - ein Ewigkeitsfaktor. Alte Zellen sterben. Neue Zellen werden nachgebaut. Eine Zeitlang. Dann nicht mehr ausreichend. Etwas fehlt in den nachgebauten Zellen. Deshalb werden die Menschen alt. Und schließlich sterben sie.
Wollen Sie ewig leben, fragte Carola und biss sich auf die Zunge. Sicher wollte er ewig leben. Der schon. Aber er hatte ihr gar nicht zugehört.
Wenn es uns gelingt - er deutete auf die Kochkurve, wenn es uns gelingt, diesen Ewigkeitsfaktor hinzuzufügen, dann ist das Problem gelöst. Vereinfacht ausgedrückt, natürlich.
Er lächelte, was ihn überraschend jugendlich wirken ließ.
Carola lächelte zurück. Was glauben Sie, wie lang es noch dauert?
Sie glauben mir nicht. Er seufzte. Schwer zu sagen. Wir sind auf der Suche nach einem Stoff - einem Katalysator -, der einen Quantensprung möglich macht -
Das Telefon läutete. Wendlinger griff nach dem Hörer und lauschte kurz. Ich komme gleich, sagte er.
Thomas Berninger, sagte Wendlinger im Aufstehen, ist mir nicht bekannt.
Ich dachte, Sie könnten mir vielleicht weiterhelfen, sagte Carola. Wegen der Visitenkarte.

Wendlinger hob bedauernd die Schultern.
Tut mir leid, wenn ich Ihnen nicht helfen konnte.

 

26.06.2004 um 01:25 Uhr

geschichten von joe-anna: 4

von: lilith

 

Zwischen Vera und der Klasse tobte ein Religionskrieg. Vera war evangelisch. Man wußte nicht so recht, was das war, aber es musste etwas Schlimmes sein. Das evangeli­sche Luder.

Joe-Annas Verwandte mütterlicherseits waren auch evangelisch, aber die Mutter war bei ihrer Heirat Gottseidank zum rechten Glauben übergetreten. Von den Evangeli­schen hatte die Mutter die Gewohnheit beibehalten, in der Kirche ein Bein über das andere zu schla­gen, was bei den Katholischen verboten war.

 

geschichten von joe-anna: 3

26.06.2004 um 00:51 Uhr

noch ein traum

von: lilith

 

Mein Traum ist eine blaue Glaskugel, die ein unsichtbarer Spieler mit einem Stöck­chen stößt. Sie prallt gegen die Wand und rollt wieder zurück. Sie wird immer lang­samer, dann bleibt sie liegen.

Die Sonne lässt sie leuchten. Dann strahlt sie in glasklarem Blau.

Manchmal aber regnet es, dann spritzt Dreck auf meine blaue Traumkugel, sie wird trüb und schmierig. Wenn es regnet, geht der unsichtbare Spieler nach Hause.

Mein Traum liegt schwer im Schlamm und rührt sich nicht von der Stelle.

 

25.06.2004 um 02:59 Uhr

liebe machen

von: lilith

 

Mit den Füßen
die Erdbeeren zu Mus
zerdrücken,
auf´s Gesicht streichen,
mit Muskat würzen und
Vanille,
mit Rosmarin bestreun.

 

Die Apfelschalen
um die Arme winden
wie Girlanden.

 

Ins Heu riechen, Mohnblumen
pflücken und
bis zur Neige
trinken

 

25.06.2004 um 02:34 Uhr

alles normal

von: lilith

 

Der schwarze Schlapphut. Das Zwiebelbrett. Das Messer. Draußen das Klingeln der Straßen­bahn.

Während er langsam durch die leere Wohnung ging, vorsichtig, als könnte er sie stören, ver­stören, kam er sich vor wie ein Eindringling, ein Störenfried, ein Mitwisser, einer der wußte, was es für eine Bewandtnis hatte, mit all der Ordnung der peinlichen, den zugezogenen Vor­hängen, den Sonnenstrahlen auf dem Parkettboden, er stieg darüber, vorsichtig, dann immer dreister werdend, nahm sich ein Recht heraus, drang vor, drang ein, kreiste ein, immer schneller, immer durch die Küche, eroberte sie, nahm sie, die Küche, den Schlapphut, das Zwiebelbrett, das Messer.

 

25.06.2004 um 02:33 Uhr

alles normal

von: lilith

 

Der schwarze Schlapphut lag in der Küche, auf dem Zwiebelbrett, daneben das Messer. Das Klingeln der Straßenbahn, draußen. Ansonsten Ordnung, peinliche. Abgestaubt gewischt ge­saugt zugezogen die Vorhänge. Er betrat das Wohnzimmer, erwartete weiße Laken über den Sitzmöbeln, wie in alten Filmen. Sie wird doch nicht. Was. Die Strahlen der Nachmittagsson­ne auf dem Parkettboden, er stieg darüber, vorsichtig, als könnte er sie verletzen. Ging so durch alle Räume, erst langsam, dann schneller werdend, schneller, als müßte er überall gleichzeitig sein, lief schließlich, immer im Kreis, immer durch die Küche, am Schlapphut vorbei, am Zwiebelbrett, am Messer.

 

25.06.2004 um 02:30 Uhr

variation

von: lilith

 

Kreiselnde Räume.

Die Wellen schlugen über ihrem Kopf zusammen, weiß und schwarz.

Ein Hintergrund wie Kork, rissig brüchig, klaffende Risse im Hintergrund.

Hoch oben der Himmel ein Loch wie Schwarz und Weiß.

Eine Botschaft?

Die gelbe Regenjacke, die Gummistiefel, schienen von ihr wegzustreben, kaum eine Berüh­rung mit den Planken des Bootes.

Brodeln in acht Dimensionen, barocker Engelschor, tosende Vergänglichkeit.

Sie fürchtete verrückt zu werden, musste sich festhalten, vorsehen, aber das Wasser.

Bild durch blogigo Admin gelöscht.

 

25.06.2004 um 02:28 Uhr

schwarz und weiß

von: lilith

 

Der Himmel auf dem Bild in Schwarz und Weiß. In Öl. Die gelbe Regenjacke der Frau, dar­unter die Gummistiefel, in seltsam kreisenden Pinselstrichen, von ihr wegstrebend, kaum in Berührung mit den Planken des Bootes. Kreisende Räume. Die Wellen schlagen über dem Kopf zusammen, weiß und schwarz über dem Gelb der Haare. Dann der Hintergrund, wie Kork, rissig brüchig, klaffende Risse im Hintergrund. Eine Botschaft? Hoch oben im Himmel ein Loch. Ohne barocken Engelschor. Das Wasser. Brodeln in acht Dimensionen.  

Manchmal fürchtete er verrückt zu werden, wenn er das Wasser malte, als könnte er hinein­stürzen, wenn er sich nicht vorsah.

 

Bild durch blogigo Admin gelöscht.

24.06.2004 um 01:01 Uhr

körper

von: lilith

 

eine eckige Sanduhr.

Glaswachs­oberkörper,

der in einem Knick unter der siebten Rippe endet.

 

24.06.2004 um 00:58 Uhr

elvira

von: lilith

 

Elvira verläßt mich.

Ich stehe auf und folge ihrer Spur.

Elvira, die Kubistische, zieht eine Blutspur hinter sich her. Tröpfchen, Tröpfchen, über die Grenze. Ihr Hinterkopf ist kahl. Sie schreitet über einen blauen Teppich ins Freie. Noch ein Türrahmen, ein letzter. Elvira hat nur zwei Zehen an jedem Fuß, Zehen ohne Nägel. Sie lächelt wieder und setzt paarhufig Schritt um Schritt in den feinen weißen Sand. Das Meer leckt den Strand mit kleinen grauen Zungen und Elvira verliert einen Arm. Ich hebe ihn auf und streichle ihn.

 

24.06.2004 um 00:32 Uhr

f.

von: lilith

f. geht leicht gebückt und spricht undeutlich.

er erzählt, dass in seiner wohnung einmal ein kz gewesen ist. das drücke auf seine stimmung. sein vater sei ein täter gewesen. nicht sein leiblicher, sein familienvater. ob ich den namen herzl kenne? sein leiblicher vater sei ein uni-professor. er sagt mir den namen, den ich bitte nicht weitersagen soll.

um etwas zu tun zu haben, bestelle ich würstel mit senf.

f. sagt: da ist blut auf deiner wurst! kann sein, dass er recht hat. nach einiger zeit erscheint mir seine wirklichkeit realer als meine. trotzdem geht mir das zu weit. ich sage: WAS? er sagt: da ist BLUT auf deiner WURST! ich sage: nein. ich esse die wurst auf. f. lacht und meint, es käme darauf auch nicht mehr an. dann erzählt er mir von den bomben, die er mittels gedanken entschärft hat. er erzählt mir von spionen und terroristen. er kennt sie mit namen.

nebenan ist eine baustelle. und die u-bahn, die hier oberirdisch geführt wird. einige male gebe ich vor, seine sätze nicht zu verstehen, akkustisch. "shalom" sei ein wort, das ihn beruhige. ich sage das wort. "shalom". 

ich zahle die rechnung, f. wehrt sich dagegen, aber nur ein bisschen. er möchte, dass ich ihm 20 euro leihe. klar. ich leihe ihm 20 euro. was sonst kann ich tun.