fiktive tagebücher: von lilith

29.07.2004 um 23:23 Uhr

bloggen

von: lilith

6/7 des eisbergs sind unter der wasseroberfläche.

 

 

29.07.2004 um 01:48 Uhr

zitat

von: lilith

 

Innen sind deine Augen Fenster
auf ein Land, in dem ich in Klarheit stehe.

Innen ist deine Brust ein Meer,
das mich auf den Grund zieht.
Innen ist deine Hüfte ein Landungssteg
für meine Schiffe, die heimkommen
von zu großen Fahrten

 

(aus: ingeborg bachmann: lieder auf der flucht)

 

28.07.2004 um 01:59 Uhr

mit waltraud

von: lilith

 

Ein rostiger Maschenzaun mit ein paar Löchern. Eine Bank mit eingravierten Namen. Ein abgebrochener Fingernagel und ein schillinggroßer Schmerz im Hinterkopf, genau dort, wo die Ohrmuschel endet.

 

Kultur in der Kirche kostet nichts. Eine Spende zur Erhaltung des Hauses ... Roswitha fällt ein, daß sie ihre Handtasche auf der Station gelassen hat, nur ein paar Münzen in der Kitteltasche. Peinlich.

Sie schiebt sich in eine Bankreihe im letzten Drittel des Kirchenschiffs. Der Mann ne­ben ihr - Geladener Gast? rückt bereitwillig zur Seite.

 

Bist du´s Hermann, mein Rabe?

Februar. Das dreckige Wasser. Kleine Schlammspritzer auf dunkelgrauen Hosenbei­nen. Das vergilbte Hemd. Champagnerfarben. Ans Ficken denken oder ans Essen, En­te Orange, Omelette Surprise, Erdbeeren, klein und ganz dunkelrot, die ihren Saft ver­spritzen beim Zerbissenwerden - das Gefühl, das hat er noch im Mund, nur der Ge­schmack, den Geschmack kann er nicht mehr herstellen ...

 

Missa Solemnis. Die Leute vor ihr sind gut gekleidet, Kostüme, Krawatten, teure Blu­sen mit Spitzenjabots. Sie starrt auf kahle Hinterhäupter und auf friseurgepflegte. Der Chor schlichtet sich vor dem Altarbild. Frauen rechts, alle in Schwarz, alle mit gold­braunen Schultertüchern, dann Männer, Jünglinge, dann wieder Frauen. Die Geigen­töne schwellen an, dazwischen die Saitenzupfgeräusche. Auf dem Kniepult vor ihr sind die Sitzplatznummern (1, 2, 3, 4) aufgeklebt.

 

Orangenschalen, Tschiks, Papiertaschentücher. In den Sträuchern hinter ihm ein weg­geworfenes Präservativ. Hundescheiße. Am Donaukanal sitzen ist ein zwiespältiges Vergnügen. Im Winter hat er hier Möwen gefüttert. Das Wasser. Das Wasser bleibt ihm jedenfalls. Die bräunlichen Wellen, Woge der Welle wagala weia, vorüber an der Rossauerkaserne, Hermann pfeift den Radetzkymarsch.

 

Eine Gerade ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten. Der Kolkrabe sitzt im Kahn und spuckt in den Kanal. Ein blasses Mädchen taucht zwischen den Wellen auf und verschwindet wieder. Walzermelodie. Der Wasserspiegel steigt. Der Kahn schau­kelt. Der Rabe lacht krächzend. Zwei Punkte ohne Ausdehnung. Niemand ist so ein­sam wie er.

 

Bist du´s, Hermann, mein Rabe?

Auf´s Pissoir ist ein Totenkopf gesprayt, ein Hakenkreuz, Ausländer raus, daneben die Sandkiste, gesichert durch einen mannshohen Eisenzaun, damit die Kinder nicht auf die Fahrbahn laufen können, viel Platz ist hier nicht.

Aber auch keine Kinder.

Niemand außer Hermann und dem Raben.

 

Der Dirigent ist ein hagerer Dunkler. Roswitha kann nur seinen Kopf und die Schultern sehen. Das Orchester verschwindet beinah ganz, bis auf ein paar Geigenbögen, die zwischen den Hinterköpfen herausragen. Man klatscht verhalten, angemessen. Der Di­rigent hebt den Taktstock. Roswitha schließt die Augen. Leute, die singen, sehen komisch aus.

Hermann zieht ein Taschentuch aus der Hosentasche, schüttelt es und spuckt hinein. Er reibt damit an seinen Hosenbeinen hinunter. Aus den Schlammspritzern werden Schlammspuren und schließlich Schlammflecken. Hermann zuckt die Schul­tern, seufzt und schiebt das Taschtuch unter die Bank.

 

Der Mann murmelt, lacht leise, zischelt durch eine Zahnlücke und dirigiert diskret mit den Händen.

Das ist ja ein Trottel, ein Trottel, wie der die Tempi verschleppt, nicht zum Aushalten ist das.

Die Bildungsbürger werden unruhig, Köpfe werden gedreht.

So sind Sie doch still, flüstert Roswitha.

Professor Hermann Lechthaler, verbeugt er sich förmlich vor ihr.

Sind Sie Musiker, fragt Roswitha gequält.

Gewesen, Gnädigste, gewesen!

 

Die Singvögel haben das Singen verlernt. Ophelia treibt langsam den Fluß hinunter, schleift ihr weißes tangverfilztes Haar hinter sich her. Walzer im Kopf. An der schönen schönen blauen blauen blauen. Hier hängt die Platte. Immer noch.

 

28.07.2004 um 01:53 Uhr

ganz leise

von: lilith

 

Tontauben, denkt sie beim Geschirrspülen, wenn sie wieder dieses Knistern hört, schräg über ihrem Kopf, bedrohlich, obwohl so leise, oder gerade deshalb.  - Tontauben knistern im Gebälk.

Auf dem schmutzigweißen Schaum tanzen ein paar Brotkrumen.

Ihre Hände tauchen ein, greifen, wenden, spülen gewissenhaft, werden herausgezogen.

Das hört nie auf.

Nie.

Der Tiger muss weg.

Gestern haben sie den Bären erschossen. Im veterinärmedizinischen Institut soll nun unter­sucht wer­den, ob der Bär krank war, oder ob es sich um einen Zirkusbären gehandelt hat. Seine mangelnde Scheu vor Menschen soll pathologisch gewesen sein. Oder es war ein Tanz­bär. Edwina zieht den Stöp­sel raus, der Wasserspiegel sinkt langsam ab, sie schüttelt den gelb­lichgrauen Schaum von den Hän­den. Biomüll, denkt sie.

Gestatten, Tanzbär, sagt da eine Stimme hinter ihr, haben Sie Fragen zur Mülltrennung?

Jemand zupft Edwina am Spitzenkragen.

Egon!, ruft sie überrascht. Egon hält ein schwarzes Adressbüchlein in der Hand.

Den Tanzbär hat Edwina erst vor ein paar Tagen eingetragen - ein unergiebiger Fund. Kaum Prothe­sen, keine interessanten Brüche oder Operationen - am liebsten hätte sie das Grab wie­der zugeschüt­tet, wenn Else nicht gewesen wäre.

Na, meint Egon, ich riech gar keinen frischen Apfelkuchen?

Edwina wischt sich hastig die letzten Brotbrösel in ihrer Schürze ab.

Kein Apfelkuchen, sagt sie. Und keine Fragen zum Biomüll. Sie nimmt ihm das Notizbuch aus der Hand. Der Tiger muss weg, sagt sie. Heut nacht noch.

Auch gut, sagt Egon. Ich geh unter die Dusche.

Edwina wendet ihm wieder den Rücken zu, trocknet langsam die Teller ab und stellt sie ins Re­gal, einen neben dem anderen, aufgestellt, das blaue Rankenmuster dem Betrachter zuge­wandt. Sie murmelt. Sie dreht den Durchlauferhitzer auf und zündet sich an dem kleinen Flam­menmeer eine Zigarette an.

Sie waren nicht wie sonst um Mitternacht unterwegs. Gleich nach dem Abendrot brachen sie auf. Der Tiger musste weg, und es gab nur die Möglichkeit, ihn über die Alte Hazienda loszu­werden. Else war hart in ihren Strafen.

Edwina hatte die Pferdedecken vom Dachboden geholt. Frisch gewaschen und desinfisziert.

Immer noch das Knistern im Gebälk. Tontauben? Lebende oder tote? Sie hatte die Decken von der Wä­scheleine gerissen und war schnell wieder hinuntergelaufen.

Egon hatte seinen alten Rover zum Küchenausgang gestellt, so ging es schneller und war auch nicht so auffällig, falls jemand vorbeikommen sollte. Obwohl das ohnehin nicht sehr wahr­scheinlich war.

"Biomüll-Verwertungs-GesmbH" stand an der Wagentür. Aber man konnte nicht vorsichtig ge­nug sein. Der Tiger war schließlich ein beachtlicher Fall gewesen. Offenbar war irgendetwas durchgesickert. Er sollte exhumiert werden, hatte Else gesagt.

Am Himmel stand der Mond, beinah voll, Egon gähnte beim Fahren. Edwina starrte mit aufge­rissenen Augen durch die Wagenscheibe.

Die "Alte Hazienda" war vor Jahren ein Tanzboden gewesen, wo sich an Wochenenden die Ju­gend aus der Umgebung getroffen hatte. Jetzt lag sie unbeleuchtet im Mondlicht. Egon schal­tete die Scheinwerfer ab und ließ den Wagen ganz nahe an das Haus heranrollen.

Los, steig aus, sagte er und drückte seine Tür auf.

Edwina kletterte ungeschickt hinunter. Der Kofferraumdeckel klemmte ein wenig. Zusammen trugen sie das schwere graubraune Bündel durch den hölzernen Eingangstunnel.

Der Tanzboden ist ein alter Heustadel. Es riecht nach Karbol, Desinfektionsmittel und ein wenig süßlich. Edwina trägt Gummihandschuhe. Egon nicht. Ihm ist das egal.

Sie arbeiten schweigend. Viel ist nicht mehr da von ihm.

Oben in den Balken knisterts. Sie spürt wieder diese leise Hysterie in der Kehle.

Lang mach ich das nicht mehr mit.

Egon blickt nur kurz auf. Dann nickt er.

 

Sie sitzt am Küchentisch und schält Äpfel. Kleine steirische, die Haut ist schon ein wenig schrumpelig, sie geht nicht so leicht vom Fleisch. Das Backrohr hat sie schon aufgedreht.

Der Problembär, denkt sie. Ob er ein Tanzbär war? Jetzt wird sie es nicht mehr erfahren.

Sie sieht aus dem Fenster.

Draußen hält Egons Rover. Unauffällig, vorm Kücheneingang: Biomüll-Verwertungs-GesmbH.

Edwina steckt ein Apfelstückchen in den Mund, kaut, schluckt, noch eines, ein drittes, während Egon aussteigt und auf die Tür zugeht, hinter ihm Else, die Hände in den Taschen ihres Trench­coats vergra­ben, die Apfelstückchen sind mürbe und ein wenig süßlich, sie ißt sie langsam aus der Schüssel, steht dann auf und dreht das Backrohr ab, während Egon draußen am Treppen­absatz stehenbleibt, mit dem Rücken zum Haus, und Else in der offenen Glastür erscheint.

Edwina legt den Kopf in den Nacken und lauscht: da ist nichts mehr. Das Knistern hat aufge­hört. Die im Gebälk müssen eine Pause eingelegt haben.

Es ist ganz still. Der Pelz sitzt ihr im Nacken. Streifen sind zurückgeblieben.

Sonst nichts.

 

28.07.2004 um 01:02 Uhr

tiger

von: lilith

 

Tontauben knistern im Gebälk.

Das Kind ohne Stimme bläst ins Feuer.

Eine Vogelscheuche macht noch keinen Herbst.

Vertrocknete Farnkräuter fliegen über die Wiese.

Der Tiger muß weg.

Es fehlt noch Salz.

Schillernde Schlieren kriechen über die Wasserfläche.

Der Tiger ist ausgeronnen

 

 

 

 

 

27.07.2004 um 02:36 Uhr

okay

von: lilith

Helfen Sie Kindern
Spenden Sie für Kinder im Irak Online Spenden sind möglich
www.unicef.de

 

26.07.2004 um 00:00 Uhr

die kunst, ein weblog zu warten

von: lilith

 

quelle

25.07.2004 um 22:53 Uhr

lust

von: lilith

thomas anz, literatur und lust. glück und unglück beim lesen.

münchen 1998.

"lust ist in auffälliger weise mit tätigkeiten verbunden, die aus evolutionsbiologischer perspektive dem überleben dienen."

 

 

Ludger Lütkehaus, Die Zeit, 2. Juli 1998

Wenn es künftig eine "literaturwissenschaftliche Hedonistik" geben sollte, so Anz´ famoser Begriff, dann wird sein Buch zu den Gründungsakten gehören. [...]

Alle möglichen Leselüste werden von der erstaunlich vielfältigen, geradezu pluralistischen Hedonistik katalogisiert: die Lust am Spiel, am Schönen und am Schrecklichen, an Spannung und Entspannung, am Lachen und am Weinen und last, but not least, auch die erotische, die sexuelle, ja, unerhörterweise die pornographische Lust. Das Buch ist freimütig genug, die Nähe der Literatur, gleich ob hoch oder niedrig, zum Vergnügen an sexuellen Gegenständen zu Not auch mit drastischeren Exempeln zu belegen. "Wer liest, will Lust" - und wer schreibt, auch.

 

25.07.2004 um 21:04 Uhr

und ausdauer

von: lilith

von robert m. pirsing

hat mir sehr weitergeholfen.

menschlich und künstlerisch.

(frankfurt 1976)

 

 

 

 

25.07.2004 um 00:31 Uhr

innere und äußere monologe

von: lilith

erweitert und anders angeordnet.

 

25.07.2004 um 00:19 Uhr

3. person: steffi

von: lilith

Sie würde sich mal eine Dimension wünschen. Das geht doch einfach nicht so. Hopp und die Beine breit. Aber Papier ist geduldig. Die Hände, die Münder. Sie möchte nicht unter diesen Beleuchtungskörpern sitzen.

 

Produkt wählen, sie drückt die Taste, es gibt keine Milch mehr im Kühlschrank, sie sollte die Waschmaschine stopfen, aber ihre Brüste sind noch fest, das klingt wie ein Werbespot für Sanitätszubehör.

Sie mag nicht mit dem Ludwig in die Sauna gehen, weil immer sitzt eine Blondine neben ihm, mit langen Beinen, prallen Brüsten und einer Tätowierung am Oberschenkel, wenn sie Glück hat, hat sie wenigstens nicht die Schamhaare rasiert, aber meistens hat sie kein Glück.

Sie fragt sich, warum sie dem Ludwig die Blondine nicht gönnt, sie würde sie ihm ja gönnen, wenn seine Zehen nicht im Aurabereich dieses Rubenshinterns auf- und abwippten und links von ihm nicht diese Schlitzäugige (was nun politisch nicht korrekt ist) also - Japanische oder Chinesische  oder Koreanische säße.

Mandeläugig, das ist es.

 

Die Hitze brennt in den Nasenschleimhäuten, aber der Ludwig ist noch ganz munter.

Das Mandelauge verfärbt sich grünlich, die Rubensfrau lupft ihre Brüste, läßt Wasser darunter abfließen, sie sucht das Halbdunkel nach Waschbrettbäuchen ab, aber die kommen wohl alle nur im Hometrainer- oder Fitnesstudiobereich vor, in der Sauna nicht, wenigstens nicht, wenn sie darin sitzt.

Am ehesten erinnert noch der Bauch vom Ludwig an Waschbretter,  aber den kann sie sich eh zuhause anschaun.

 

Ausdrucksvolle Penisse gibt es auch nicht, genaugenommen gibt es gar keine Penisse, weil ihre Besitzer sie im Dreieck zwischen Bauchunterseite und Oberschenkelinnenseiten verborgen halten oder überhaupt gleich unter dem Handtuch, die unter dem Handtuch würden sie schon interessieren, einer der Handtuchträger steht auf und wechselt seinen Platz, ihr Blick fällt kurz auf sein Ergebnis, sie ist beeindruckt und gerührt, aber wahrscheinlich ist es eh die Tätowierte gewesen oder das Mandelauge, eine junge Frau ist eine junge Frau und ein großer Schwanz ist ein großer Schwanz.

Wie der Ludwig es schafft, immer den größten haben, lässig liegt er in der Schenkelfurche, groß, aber nicht zu groß, an der Grenze der Konventionalität, wie macht er das, hat er einen mentalen Säfteregalator eingebaut, das wäre ihm zuzutrauen, sie steht auf und geht hinaus.

 

 

Wenn der Ludwig den Aufguss macht, möchte sie das nicht auch noch anschaun, er besorgt es den Damen so gut, dass sie ah und oh stöhnen, aber da muss sie hinausgehn, weil sie nicht gern im Chor stöhnt, wenn sies vom Ludwig besorgt bekommt. Und außerdem kommt sie immer als letzte dran.

 

25.07.2004 um 00:15 Uhr

mel

von: lilith

Frau Schragerl, bitte!

Die hat heute wieder eine Maske im Gesicht, man möcht meinen, sie wird gefilmt, da wird ihr das Zeug wieder in die Falten rinnen, dass es eine Freude ist.

Na, Mel - sie redet die Helferinnen mit dem Vornamen an, wie der Binder - dabei tragen wir Namensschildchen, da könnte sie mal einen Blick drauf werfen, ich sag ja auch nicht Anschie zu ihr, und außerdem bin ich nicht mehr 17 - na, Mel, was macht der Berni in der Schule, geht's besser jetzt?, nicht wirklich, die ist über alles informiert. Nicht wirklich, leider. -

Er ist halt ein Fauler, kommt ja schon in die Pubertät, da haben die jungen Leut anderes im Kopf als die Schule!, ja, Frau Schragerl, kommen Sie in Ordination 2, so, das Barterl, machen Sie sich S´ bequem, der Herr Doktor kommt gleich, darf ich Ihnen noch was zum Lesen bringen?

Die Schragerl hat gewaltige Krampfadern, kein Wunder, die steht auch den ganzen Tag in ihrer Konditorei, die sollen meinen Berni und seine Pubertät in Ruh lassen, die Tratschen, die den ganzen Tag in der Konditorei sitzen, und nichts anderes zu tun haben, als über die Kinder von anderen Leuten herfallen, demnächst fragt sie mich noch über meine Eheprobleme aus, oder sie kommt mit guten Ratschlägen daher, weil sie eh schon alles weiß, der Leo hat ja Kunden und Kollegen genug, womöglich richtet der mich aus, wenn er zum Lachmann auf ein Bier geht. -

So, Frau Schragerl, die Bunte, die Brigitte oder hätten S´ lieber eine Tageszeitung?, nein nein, das is schon gut. Der Berni geht ja mit dem Klausi vom Dr. Koller in die Klasse, der Klausi ist heuer der Klassensprecher, und die Frau Doktor ist ganz beunruhigt, weil als Klassensprecher, da musst ja heutzutag für jeden Trottel Partei ergreifen gegenüber die Lehrer, und da kriegst dann womöglich Schwierigkeiten, für die du selber gar nix dafür kannst, früher war das ja anders, da hat der Klassensprecher die Schüler aufschreiben müssen, die gerauft haben, oder sonst was angestellt, und das hat er dann dem Klassenvorstand melden müssen, das war auch kein schönes Gschäft, weil einem dann die anderen - ah, Grüß Gott Herr Doktor, ich hab der Melli grad vom Koller Klausi erzählt, ja, das mit der neuen Krone ist leider gar nicht so, wie es sein soll ...

Melli!!! Jetzt reicht's mir aber, jetzt knall ich dir die Speichelpumpen in den Kieferwinkel, dass d´ die Goschn nimmer so schnell aufbringst, ouaahhh!!! was ist denn, Frau Schragerl, tut's weh, Frau Schragerl?

 

 

25.07.2004 um 00:12 Uhr

leo 2

von: lilith

 

Wiedersehen!, Ladentisch, Ladenschwengel, Ladenbengel, der Berni soll mal die Matura machen. Zwei Beine, immer eins vors andere, eins vors andere, die Hüfte dreht sich links rechts, sehenswerte Beine, Stiefelchen, Minirock, Jungbeine, Pferdebeine, lang und hoch, kleines Pferdchen, aber schon sehr sicher unterwegs. Ein Geruch nach Pfirsich und Maiglöckchen, die Jutta, in der Sechsten, mit ihrem Maiglöckchenduft, wird das jetzt wieder modern? Die Mel wünscht sich immer so teure Parfums, Chanel 19, 1000,- Schilling die Flasche, und das Zeug riecht nicht halb so gut wie das hier. Ist schon ein Tick bei ihr, das Geldausgeben, das Geldhinauswerfen, Cash-Tick, Bares in der Hosentaschen und weg damit mit vollen Händen, als wärs ihr wurscht, als hätt sies wie Heu. 600,- S, die Stange Zigaretten und die paar Zeitschriften, das Zeug ist auch nicht billig, was solls, das leist ich mir jetzt. Die Beine verlassen mich, verlaßt mich nicht, Beine, das Beste am Montagmorgen, nylonbestrumpfte unverfälschte Natur, klack klack. Weg um die Kurve. Der Berni schaut auch schon hin. Leben angenehm. Wenn die Mel nicht so eine zickige Ziege wär, so eine eifersüchtige Gans, so ein Jammerhammer im Nacken, was mach ich jetzt mit meiner Junggesellenpackung, im Geschäft keine Zeit und zuhaus gleich wieder das Geschrei.

Morgen! Morgen! Morgen! Die Helga macht sich die Fingernägel. Rote Krallen, rote Striemen, ob die kratzt, wenn sie. Bumst, bei Helga kann es nur bumsen sein, der Armin fickt, die Traude wird gefickt. Der Busen von der Helga schaut mich direkt an, haut sich mir mit voller Wucht in Gesicht und Eier. Ich erröte irgendwo unterhalb des Bauchnabels. Von diesem Busen ließ ich mich gern erdrücken. Queetsch. Drei Tennisschläger zum Bespannen. Mein Mantel. An die Wand manteln. So. Der Schläger von der Huber Angelika. Also. Hübsches Kind. So 16, 17. Aber spielt wie der Teufel. Mittelhart. Mehr Licht. Seh ja nix. So ein Tag, wos nicht Tag wird. Und das noch 4 Monate. Helga, kannst du mal, kannst du ihn mir mal halten. Den Schläger. Also.

 

25.07.2004 um 00:10 Uhr

leo 1

von: lilith

 

Eine Stange? Eine Stange. Standard, Kurier, Krone. Bittesehr. Die Lose grün, blau, rot, gelb, unter ihrer Plexiglashaube. Leos Blick fällt auf einen hübschen Hintern, von weißen Spitzenstrumpfbändern begrenzt. Oberhalb der Teilungskluft zwei dunkle Grübchen. Linksrechts. Leo klappt die Brieftasche auf. Die Trafikantin sagt immer Herr Reiser zu ihm. Leo hat keine Lust, das Mißverständnis aufzuklären. Alles, Herr Reiser? Leo zögert, mit Blick auf die Lose. Ein grünes, ein gelbes, ein rotes, für Mel, das wär ein Angebot zu Versöhnung und Schmusen, lieber nicht, sonst glaubt sie sich entschuldigt, und im Recht, und will gleich mehr Casino und Spielen und Geld hinaus zum Fenster, und Versprechungen und Liebe oder was sie denkt, daß Liebe. Nein danke. Ich heiß nicht Reiser, der Reiser ist mein Kollege, wir haben den Standard gemeinsam, auf seinen Namen, mein Name ist. Na also, jetzt bin ich nicht mehr der Reiser, schade, irgendwie, Inkognito gelüftet. Die soll sich mal zusammenreißen, Kleinmelchen im Kindergarten, und immer so so so gleich in der Höhe und aufgebracht und emotional und alles auf einmal und reden und schreien und das Zigarettenpackl durchs Zimmer werfen und schlechte Manieren. Und Sexerpressen und Emotionalerpressen. Und den Playboy noch, bitte, unter richtigem Namen diesmal, und Beleidigtspielen und Abweisen und bös schauen und Rotz und Wasser, und das Fernsehen hass ich und das Kabel schneid ich dir noch mal ab, wenn nicht was anderes noch dazu. Und Sexy und Wochenend und die Praline, der Reiser hat heut Geburtstag, sagt Leo, der kriegt die Junggesellenpackung, Computerspiele für Junggesellen, Videoclips für Junggesellen, Zeitschriften für Junggesellen. Na dann alles Gute, Herr Reiser, pardon, Herr. Alles Gute unbekannterweise und viel Spaß. Leo packt die Zeitschriften in die Aktentasche, die sind nicht für Junggesellen, die haben ohnehin ihren Spaß, und unsereins nichts als Heulen und Zähneknirschen.    

 

23.07.2004 um 13:39 Uhr

mel: innerer monolog

von: lilith

 

Ist es so gut? Mel betätigt Hebel, Patient zurück, Hals, Brustkorb, Bauch, in Plastik verpackt, wie Käsekrainer, die rostrote Jacke. Wursthaut. Haut. Organe. Teile, Geschlechtsteile, Leo, Stellung. Bequem genug? Herr. Oberinspekt.

Mel schaltet den Speichelabsauger ein, hängt ihn in die Wange von Oberinspektions­rat Kronberger. Der Bohrer. Feine Tröpfchen sprühen in Mels Gesicht. Hitze, Kälte. Herzrasen. Mels Finger sind schweißig. Schlecht geschlafen, heut nacht. Wein zuviel Weinen. Alkalp. Du glaubst immer ... ICH GLAUB GARNICHTS!!! Du müßtest dir drüber klarwerden ... Der Binder grantelt. Das Granulat. Geht´s nicht schneller. Ist auch nicht sein Tag heute. Weiß oder Amalgam? Die Schuhe vom Kronberger sind schmutzig. Junggeselle oder. Am besten ist immer noch Gold. Nicht alles glänzt was. Katzen. Gold. Ausspülen. Kleine rosa Spucketeilchen drehen sich im Becken, dazwischen schwarze Bröckchen. Katzen, in Strapsen, schnackseln. Mel füllt das Wasserglas noch einmal auf. Der Kronberger schnauft. Der Binder hat schwarze Stäubchen auf den Brillengläsern. Gehn´S bitte, Mel. Also Gold. Der Kronberger fragt nicht, wieviel. Mel hat gestern im Casino Geld verloren, und die Geldbörse auch. Tausend, zweitausend u. ein paar Zerquetschte. Leo: Bist du teppert? Also, nein. Süchtig, irgendwie. Spielautomaten. Das schönste Geräusch der Welt. Flimmerfreiheit vom Feinsten. Red nicht so mit mir. Du. Verdammt selbstgerechtes Arschgesicht. Nein, ich borg dir nix mehr. Du hast genug. Verloren. Mels Bauch schmerzt. Das Bohrgeräusch wühlt in den Eingeweiden. Die Geweide verstopft, mit Trauer und Wut. Der Kronberger, eine Wurst mit Zahnstückchen drin. Mit Eingeweiden. Mel wütet gegen seine Glatze. Heute null Liebe zur Menschheit. Außer für Berni. Der mit den schlechten Noten. Das Pickelpackl mit dem Mutterkomplexbelastungs­paket, das sie alle mit sich rumschleppen. OSohn. Ogott. Wieder angebrüllt, wieder zurück, wieder alles. Falsch. Ehrgeizmutter mit Echtheitszertifikat. Nabelschnur um Hals und hinterhergeschleift. Und Leo, die Predigtmaschine, spuckt die Fertigteile aufs geprüfte Würstchen. Blase Blase. Man muss. Eben. Auf Wiedersehen, Herr Oberinspektionsrat. Sterilisation. Gehen'S sein'S so gut, Mel. So gut. Verdammt gut. Bin verdammt gut.

 

 

 

22.07.2004 um 01:59 Uhr

innerer monolog von berni

von: lilith

 

nicht mit mir Scheiße woher will der wissen was ich für Interessen ich hab mehr Interessen als der sich träumen läßt

wir spielen Billard und dann schauen wir den Western
der Charly bringt mir das Video mit das tät dich auch interessieren du Spanner

ich weiß doch was in der untersten Lade liegt

bist bald fertig von wegen Interessen

und schau nicht so heilig

die Haare gehn dir aus

gleich kommt Raumschiff Enterprise

bist bald fertig ich hab nämlich auch meine Interessen ich kann dir nicht ewig zuhören wo du eh immer nur das gleiche sagst nur Blödsinn wenn dus genau wissen willst

nicht mit mir das Tennis kannst vergessen ist ja auch aus dir kein Profi geworden also was soll ich mich erst anstrengen der Novak ist eh nur ein Trottel der sich aufgeilt wenn er einen anschreien kann im Sommer geh ich schwimmen das genügt da wird man wenigstens braun und wenn man Glück hat sonnt sich eine knackige Tante oben ohne und vom Dreier mach ich dir jeden Salto rückwärts mit links da tätst schaun den Charly hauts immer aufs Kreuz aber du schaust ja nicht und wenn dann siehst nix jetzt hör schon auf ich habs kapiert

glaubst ich will mein Leben lang in einem Büro sitzen nicht mit mir da geh ich ja lieber ins Gefängnis ich geh mit 15 aus der Schule und dann wirst sehen was sehen wirst dann fahr ich nach Griechenland auf eine Insel und leb da am Strand da braucht man nicht viel und wenn dann kann ich immer noch als Barmixer arbeiten die suchen sowieso ständig wen für die deutschen Touristen die saufen sich weg und dann kann man ihnen ganz leicht ein zwei Drinks mehr verrechnen der Cousin vom Charly war voriges Jahr auf Paros der hat sich da dumm und dämlich verdient

und wenns mir zu fad wird fahr ich weiter

so ein Leben wovon du nur träumen kannst

nicht mit mir was brauch ich dem Lachmeier seine lächerlichen Textbeispiele wieviel Asche ist in einer Urne wenn die Leiche 70 Kilo gehabt hat wozu soll das gut sein oder wie konjungierst laudo ich lobe kannst mir sagen wem das nützt keinem nützt das was außer dem Schramm der verdient sich damit seine Brötchen

aber nicht mit mir nicht mit mir

mit mir nicht

 

20.07.2004 um 02:10 Uhr

Floras Monolog

von: lilith

 

„Ich weiß, was du fühlst, ich weiß, was du denkst, ich weiß, was du meinst!“  O shit shit shit. Keine Ahnung hat sie. Niemand weiß, was ich fühle, sie am allerwenigsten.

Kochen, fressen, füttern, glucken, das ist alles, was sie kann, kein Wunder, dass er sich eine andere gesucht hat, der Bauch hängt ihr ja schon über den Jeansrand. Umbringen würd ich mich, wenn ich so fett wär.

Jeden Tag diese JAUSENBROTE!!! Igitt. Schinkensemmeln mit Fettrand. Zum Kotzen. Kirschenkuchen. Bananen. Weiß sie überhaupt, wie viele Kalorien Bananen haben?!

Mama, kein Mensch hat ein Picknickpaket mit! Mama! Die anderen kriegen GELD für´s Mittagessen! – Aber ich nicht. Ich krieg die „praktische“ Tupper-Picknick-Dose in schickem Schweinchenrosa. Randvoll. Wurst, Käse, Gurkerl, Eier. Bananen, Bananen, Bananen. Schokolade. Mayonnaise. Ein kleines Schnitzerl. Kartoff-erl-salat.

He. Sophie, mach. Mach den Mund auf. Eine Banane für den Papa, eine Schnitz-erl für die Mama, ein Stück-erl Zwetschkenkuchen für den We-ber. Das Zwetsch-kerl schmeckt dem Weber aber. Gell. Da schaust jetzt. Glaubst wirklich, ich weiß das nicht? Wissen eh schon alle. Aber leider leider: Der steht nicht. Auf. Fette. Kühe.

Wenn ich. Den wollte. Hast gesehen, wie der mich ansieht? Brennt Blicke in meinen Arsch. Spür ich direkt auf der Haut. Ist wahrscheinlich der pure Luxus für den. Hat wahrscheinlich auch so ein Schwabbelweib zuhause, braucht er sich nicht anderweitig drum umschaun.

Was glotzt ihr so. Kotzbrocken. Nick, ich liebe dich. Ja!!! Ich liebe dich, schau nicht so belämmert. Die Knarre ist geil. Los, drück ab! Vollkoffer. Kannst es nicht, was. Versager. Idiot. Willst noch ein Fresserchen vorher? Schokolade? Beruhigt die Nerven. 300 Kalorien die Rippe. Die RIPPE! DREI HUNDERT!

Ein sauberer Schuss, durch´s. Durch´s Herz. Gibt´s das, einen sauberen Schuss? Ich will kein Blut sehen. Kein Blut. Ich blute nicht, ich blute nicht, ich blute nicht. Ich blute nicht, wenn ich es nicht WILL! Hör auf zu flennen, du Idiot. Ich hasse Körpersäfte. ICH HASSE SIE! Durch´s Herz, hab ich gesagt. Durch´s Herz.

 

17.07.2004 um 01:18 Uhr

Sieben Nächte

von: lilith

 

17.07.2004 um 01:14 Uhr

1: Eisblume

von: lilith

 

Eisblume steht am Fenster und schreibt in ihr Tagebuch. Eisblume steht am Fenster und schreibt in ihr Tagebuch. Eisblume steht am Fenster und schreibt in ihr Tagebuch ...

Besser­wisser Besserwisser Hosenschisser Hosenschisser Mauszahn Mauszahn ...

Der Mauszahn ist mein Bruder. Wo andere Leute Zähne haben, hat er Löcher. Und den Mauszahn, mitten drin. Wenn er grinst, sieht er aus wie Draculas Enkel. Hoffentlich wird ihm der Mauszahn bald ausfallen. Dann hat er gar keine Zähne mehr. - Als Rotkäppchen Blumen pflückte, ist sie vom Weg abgekommen, dann hat der Wolf sie gefressen, das hatte sie davon. Die Blumen riechen nach Friedhof. Sie dürfen nicht geduldet werden. Dieses Jahr zu Fronleichnam hat der Pfarrer verboten, Blumen zu streuen. Die weißen Kleider hat er auch verboten und die Kränze im Haar. Jetzt fallen die Blumen aus dem Himmel wie Schnee. Der Wind hat sie an die Fenster­scheiben geweht, dort blühen sie nun als Eisblumen, ich schlecke sie mit der Zunge ab. Wenn ich Halsweh bekomme bin ich selber schuld. Die Mutter wird mir einen Wickel machen und Lindenblütentee, mein Bruder und ich sammeln immer Lindenblüten im Frühling, aber jetzt ist Winter, da heulen die Wölfe. Wo nur der Mauszahn bleibt! Vielleicht ist er Schlittenfahren gegangen, warum hat er mich nicht mitgenommen. Er wird mit der Rodel den Hang hinunter­sausen und ich stehe hier mit nackten Füßen am Fenster, wo die Eisblumen ausfallen und werde mir einen Schnupfen holen. Der Wind scheppert mit den Türen, jetzt hat er eine zuge­worfen, Peng! ich denke mir eine Sprechblase: Peng! Crash! Zack! wie in der Superman-Se­rie. Vielleicht ist er gestürzt beim Schlittenfahren? Wenn er sich am Ende den Mauszahn aus­geschlagen hat? Mit dem Fingernagel mache ich Korrekturen in die Eisblumen. Ganz kleine zuerst, man kann sie kaum sehen. Dann immer größere, immer mehr. Die Korrekturen sind schrecklich ich zerstöre die ganze Blumenwiese. Tränen laufen meine Wangen hinunter, ich gehe in die Küche und hole ein Messer und kratze und kratze bis nur mehr weißer Matsch über das Fenster rinnt.

 

17.07.2004 um 01:13 Uhr

2: In der Kühle des Morgens

von: lilith

 

Ich werde dir Eiswürfel auf die geschwollenen Lippen legen, Eiswürfel auf deine Augen, Eiswürfel auf die Stirn. Nach und nach werde ich deinen ganzen Körper mit Eiswürfel bedec­ken, es wird so über mich kommen und ich werde es kommen lassen, ich werde die Eiswürfel in einem Mörser zu Eisbrei zerstampfen und die Poren deiner Haut damit füllen. Weißt du noch, wie wir das Gelb der Narzissen schwarz bemalt haben? Wie wir erfüllt waren von die­ser kalten Lust an bösen Bildern, wie wir den Himmel und die Erde erschaffen haben und die Hölle uns eingeholt hat?

Ein nacktes Pferd würde ich reiten, barfuß, das Blut der Rebellion in den Adern, lange bevor die Sonne meinen Atem vertrocknete. Mein Schweiß würde sich mischen mit dem seinen und der Feind meines Volkes wäre mein Geliebter. -

 

Er stand in der Küche, streute Kardamon in den Kaffee, die Katze leckte an seinen langen, braunen Zehen. Maria Carta sang traurige Lie­der mit mutiger Stimme zum tausendsten Mal. Ich möchte auf weißen Dächern schlafen zwi­schen Zitronen, ein Pfefferminzblatt auf der Zunge.