fiktive tagebücher: von lilith

30.09.2004 um 00:30 Uhr

nabel der welt

von: lilith

Delphi, Omphalos, der Nabel der Welt, ich stehe vor dem Heiligtum der Erdmutter Gaia, deren Priesterin Pythia vor ihrer Felsspalte wahrgesagt hat, später hat dann der Gott Apoll das Heiligtum an sich gebracht und die Pythia dazu. Ihre Funktion wurde im Dienst der männlichen Priesterschaft des bald weltberühmten Delphischen Orakels ausgebeutet, über die Pythia hatten die Priester den direkten Zugriff auf die Wahrheit aus der Spalte der Erdgöttin, diese Wahrheit formten sie zu doppelsinnigen Sentenzen um und bestimmten damit über Jahrhunderte hinweg Koloniegründungen, Kriege und Revolten,

 

Jetzt wir es enger, immer wenn es am spannendsten ist, kommt eine WERBEEINSCHALTUNG dazwischen, also dann würde ich jetzt sagen: Römerquelle belebt die Sinne. Oder: Diese Sendung widmet ihnen NAIKI. Nike, sage ich, die Göttin des Sieges, Naiki, meine englische Aussprache lässt zu wünschen übrig, also gut, Naiki. Die Göttin des Sieges. Sie widmet uns diese Sendung und stattet die Starter der Olympischen Spiele mit geflügelten Schuhen aus, ich jedenfalls plädiere für mehr nackte Männer im Fernsehen, das sagte ich schon einmal, aber man kann es nicht oft genug wiederholen. Männer sollten mehr mit dem Hintern wackeln, sage ich zum Leser, oder auch mit dem Schwanz, dafür etwas weniger mit Raketen und röhrenden Auspuffen, ich kann da keinen Zusammenhang sehen, behauptet der Leser, also ich lasse jetzt jedenfalls einen nackten Mann auftreten.

 

Zusammenhang hin oder her. Er läuft die olympische Laufbahn von 600 Fuß Länge, das ist original Olympia, er trägt nichts am Leib außer Naiki-Schuhen, das ist nicht ganz original Olympia, im Stadion sitzen lauter Frauen, das Stadium fasst vierzigtausend Zuschauer, vierzigtausend Frauen feuern den Läufer an, das ist auch nicht ganz original Olympia, weil Frauen nämlich keinen Zutritt hatten zu den Olympischen Spielen, außer der Demeterpriesterin, deren steinerner Sessel an der Nordseite des Stadiums lag, das führt jetzt wieder zu weit.

 

Sein Schwanz wackelt im Laufschritt, sage ich zum Leser. Das heißt, wackeln ist wohl nicht der richtige Ausdruck, er wackelt nicht, er fliegt einmal hoch, dann schnalzt er wieder zurück oder so ähnlich, so genau weiß ich das nämlich nicht, sage ich zur Leserin, seit sie uns von den Olympischen Spielen ausgeschlossen haben, ist uns die Kenntnis der einfachsten Bewegungsabläufe ihrer Körper abhanden gekommen, statt dessen fuchteln sie mit Revolvern herum und mit anderen Substituten, also er schnalzt ein wenig, im Rhythmus des Laufens, würde ich vermuten. Im Hintergrund Jubelgeschrei aus vierzigtausend weiblichen Kehlen / Schnitt / jetzt sind wir wieder zurück, sagt der Kommentator, ein nackter Sportler in Naiki-Schuhen, wo soll denn das hinführen, er ist ein wenig schlanker

als der Läufer.

 

 

 

 

 

27.09.2004 um 01:19 Uhr

Der Lift

von: lilith

12. Stock.

Eine glatzköpfige Dame im Trenchcoat hält einem feisten jungen Mann mit Kinderwagen die Schwingtür auf. Dankeschön, sagt der junge Mann. Heiß heute, nicht? Er wackelt mit dem Hintern und schiebt den Kinderwagen ins Liftinnere.

Die glatzköpfige Dame trägt einen Regenschirm unterm Arm. Ich bin andere Temperatu­ren gewöhnt, sagt sie.

Der feiste junge Mann kichert. Die Schwingtür fällt zu. Der Lift setzt sich in Bewegung. Und was machen wir jetzt? fragt die glatzköpfige Dame und tätschelt dem feisten jungen Mann die Wange. Ja aber was wieso, sagt der feiste junge Mann.

Ist das Ihre Tochter, fragt die glatzköpfige Dame und deutet auf das Baby.

Mein Sohn, nickt der feiste junge Mann. Ignaz.

Ignaz ballt eine Faust und lutscht daran. Dann sagt er: Urgeil.

An der Liftwand (dunkelrot lackiert) rinnen ein paar Wassertropfen herunter.

Lecken Sie das mal ab, sagt die glatzköpfige Dame zum feisten jungen Mann.

Aber das geht doch nicht.

Die glatzköpfige Dame beginnt sich aus dem Trenchcoat zu schälen. Darunter kommt ein rotweiß-gestreiftes Clownskostüm zum Vorschein.

Alles Lügen, sagt sie. Lügen und Geschwätz.

Der Lift stoppt.

Ignaz hopst auf und ab in seinem Kinderwagen.
Der Kinderwagen schaukelt.
Wir sind da, sagt der feiste junge Mann zu Ignaz.

Nichts da, sagt die Clownin und drückt auf die 13.

Aber das Haus hat doch nur 12 Stockwerke, sagt der feiste junge Mann erschrocken.

12 Stockwerke, echot Ignaz.

Du bist still, sagt die Clownin. Du kannst doch noch gar nicht reden.

Ach nicht? Ignaz ist enttäuscht.

Nein.

Das Licht flackert. Der feiste junge Mann drückt sich mit dem Rücken an die Wand.

Wie heißt du?

Janos.

Janos - kennst du das Höhlengleichnis?

Das was?

Der Lift stoppt im 7. Stock. Ein alter Herr mit wallendem Bart steigt zu.

Ach Gott, sagt die Clownin. Der hat mir gerade noch gefehlt.

Der alte Herr lächelt sarkastisch. Wen hast du denn erwartet? Den Neunmalgeschwänzten?

Ignaz kreischt schrill und schlägt mit einer Rassel auf den alten Herrn ein.

Gib Ruhe, Ignaz, sagt der feiste junge Mann aufgeregt. Das ist Gott, sagt er und deutet auf den Alten. Der alte Heuchler, sagt die Clownin. Ganz nach oben, sagt Gott und drückt auf einen Knopf.

Lassen Sie uns raus, sagt Janos. Seine Stimme kippt. So weit sind wir noch nicht!

Keine Angst, sagt die Clownin. Er kommt auch nicht über den Dreizehnten.

Ich dachte, er kann fliegen, sagt Ignaz.

Das dachte ich auch einmal, sagt die Clownin.

Na dann steig ich jetzt aus, sagt Gott und verschwindet.

Gott sei Dank, seufzt der feiste junge Mann.

Und jetzt entspann dich, sagt die Clownin. Es tut nicht weh.

 

27.09.2004 um 01:09 Uhr

alter text

von: lilith

 

Annemarie mit dem Kopftuch putzte die Fenster mit Sorgfalt und Leidenschaft. Erst wusch sie den gröbsten Schmutz von den inneren Scheiben, öffnete dann die Flügel weit, so dass ihr die Frühlingsluft um die Nase wehte und die Zipfel ihres Kopftuchs flattern machte, dann wusch sie den Schmutz auch von den äußeren Scheiben.

Annemarie mit dem Kopftuch zerriss die alten Zeitungen in handliche Fetzen, die sie Seite an Seite rieb, bis sie weich wurden und spröde und porös und polierte damit das Fensterglas. Der laue Wind half kräftig beim Trocknen. Allmählich wurde es heiß unter dem Kopftuch. Tief unter ihr trieben die Leute vorbei, junge, alte, dick, dünne, große und kleine, und Annemarie mit dem Kopftuch sah zu den Leuten hinunter während sie rieb, und sie fragte sich im stillen, ob die Zeit nun wohl endlich gekommen sei.

Ein Mann in Mantel und Hut blieb stehen unter dem Fenster, das Annemarie mit dem Kopf­tuch gerade putzte und säuberte mit aller Liebe und Hingabe, die ihr zu Gebote stand, und er blickte hinauf zu ihr und schaute ihr zu. Das weiße Kopftuch wehte wie ein Schleier, dem in sich gekehrten Computerfachmann gefiel das sehr. Das ist eine Frau fürs Leben, dachte der in sich gekehrte Computerfachnmann bei sich, wie sie die Fenster putzt, so blank, daß man kaum noch hindurchsehen kann! Und er stellte seinen Aktenkoffer ab, nahm den Hut vom Kopf und schlüpfte aus seinem Mantel, weil ihm heiß geworden war in der milden Frühlings­luft, und dann lächelte er nach oben. Oben aber putzte die Frau fürs Leben, als gälte es ihr Leben, was ja auch galt. Und während er lächelte, rechnete der in sich gekehrte Computer­fachmann im stillen, ob es wohl reichen würde für ein neues Kopftuch vierteljährlich.

 

27.09.2004 um 01:05 Uhr

Schlug sie die Zeit über ihren Körper

von: lilith

 

wie ein Kleid, ein altes,
aus brüchigem Stoff, vergilbt,
konnte man es lieben,
wie den Falten­wurf
am Gewand einer gotischen
Madonna,
tausendmal berührt das Holz
von tastenden Hän­den,
schweißgetränkt.

Sie schlug die Zeit über ihren Körper,
gelb war die Zeit,
nicht mehr schokoladenbraun
wie früher.

 

26.09.2004 um 00:36 Uhr

Das Gelübde

von: lilith

 

Albert starrte mit aufgerissenen Augen ins Ewige Licht. - Flackerte es nicht schon stärker als vorhin? Ich darf die Augen nicht schließen, dachte er, riss die Augen noch weiter auf, nur nicht zwinkern, hatte er jetzt gezwinkert? Er war nicht ganz sicher. Das rote Licht im Taber­nakel schien plötzlich spiralförmig nach innen laufende Kreise zu ziehen, jetzt, dachte Albert, jetzt, murmelte: ich gelobe - dachte: nicht zwinkern, nur jetzt nicht zwinkern - ich gelobe: Dir, Heilige Jungfrau Maria und Dir, Allmächtiger Gott, und Dir, Jesus, Heiland der Welt, und allen Heiligen, daß NIE wieder jemand meinen Körper nackt zu sehen bekommen wird, niemand, nie wieder, niemals.

Albert aus der Zweiten, die Dritt- und Viertklassler hänselten ihn ständig, weil seine braunen Locken und das weiße weiche Gesicht ihm ein mädchenhaftes Aussehen gaben, nannten ihn Albinchen Kathrinchen, er hatte keinen starken Beschützer wie Engelbrecht und um sich selbst Ruhe zu verschaffen, fehlte ihm der Mut.

Jetzt, wo der Augenblick, auf den alles ankam, vorüber war, blinzelte er erleichtert, wandte den Blick ab, flüsterte noch: hilf mir, o Jesus, und setzte sich dann erleichert und ein wenig erschöpft in die erste Bankreihe. Maria hilf.

Gestern waren es zu viele gewesen, alle einen Kopf größer als er. Erwin L. Der rothaarige Gregor, der sonst eigentlich immer ganz nett zu ihm gewesen war. Markus und Matthias, die Zwillinge aus dem Nachbarort, die sich gar nicht ähnlich sahen. Und Artur, den er, Albert, insgeheim so sehr bewunderte, ihn sich als Beschützer wünschte, er beneidete Engelbrecht um Artur, so war es wohl, Neid war eine der sieben Todsünden wie die Unkeuschheit. - Sie hatten ihn ganz plötzlich gestellt, eingekreist hatten sie ihn, ja wen haben wir denn da, hatte Matthias gesagt, unser Albinchen. Albinchen Kathrinchen, was hast du denn für ein hübsches Röckchen an, was für ein hübsches Hemdchen, was für ein hübsches Höschen? Dann hatten sie gelacht mit ihren wilden Stimmen, die alle schon ein wenig am Mutieren sind, besonders die von Artur, und er war es auch gewesen, der Albert am Rockzipfel gepackt und ihn dabei, vielleicht gar nicht mit Absicht, zu Boden geworfen hatte. Die Holzbündel, die er in die Zimmer der Brüder hätte bringen sollen, waren auseinandergefallen und hatten sich über den Boden des Schuppens verteilt. Was machst du denn für einen Mist da, du kleine Schlampe, hatte Erwin gesagt, gleich bringst du das wieder in Ordnung, sonst meld ich dich dem Präfek­ten, ist das klar? -

Die Viertklassler hatten immer die Aufsicht bei allen Arbeiten im Haus und im Garten, so konnten sie ziemlich ungestört herumstreifen, Unfug machen, rauchen. Und ihn, Albert, schikanieren.

Er hatte sich aufgerappelt und die Holzscheiter einzusammeln begonnen, da hatte ihn Matthi­as in den Hintern getreten, diesmal sicher mit Absicht. Er hatte sich sehr zusammengerissen um nicht zu loszuheulen, aber es hatte nichts genützt, jetzt heult sie auch noch, die Memme, hatte Artur gesagt, und so was will ein Mann sein, ein Weib ist das, ein verkleidetes Mäd­chen! passt mal auf, jetzt zeig ich euch was, jetzt zeig ich euch, dass der bloß ein verkleidetes Mädchen ist, ein Mädchen in Männerkleidung, so einer darf ja gar nicht studieren bei uns, so ein Weib. Dann hatte er ihm die Hosen heruntergerissen, Albert hatte geschrien, gestrampelt und sich gewehrt, aber das hatte nichts geholfen, los zeig's uns, hatte Erwin gesagt, mit ganz rotem Kopf, wie sieht so einer denn aus unter der Wäsche, und Gregor war ein bißchen bleich daneben gestanden und hatte sich nicht von der Stelle gerührt, aber lass ihn in Ruhe, nein das nicht, hör auf! gesagt und die Zwillinge hatten gegrinst und sich dabei zum ersten Mal ähn­lich gesehen. Die Unterhose, Artur hatte sie mit beiden Händen am Gummibund gehalten, mit dem Fuß seine, Alberts Beine hinuntergedrückt und mit einem Ruck die Unterhose nach un­ten gezogen. -

Dann hatten sie plötzlich geschwiegen, alle fünf, waren stillgestanden, nur ihr Atmen war zu hören gewesen. Albert hatte sich gekrümmt und zu verstecken gesucht, hatte zunächst nicht gewagt nach seinen Kleidern zu greifen, aber die anderen waren langsam zurückgewichen, hatten ihn seine Kleider nehmen lassen, die er vor seine Blöße gehalten hatte, hatten nichts mehr getan, nichts mehr gesagt, außer Gregor, du bist schon ein Schwein, hatte der gemur­melt, ein ganz gemeines, aber Artur hatte er dabei nicht angesehen.

Niemals. Nie wieder. Niemand. Kein Mann. Keine Frau. Im ganzen Leben nicht.

Das rote Licht flackerte beruhigend.

Danke, flüsterte Albert.

 

25.09.2004 um 02:20 Uhr

Ohne Grund

von: lilith

 

Schwarz.

Licht auf die weißen Hände.

Dann Weiß, plötzlich.

Die Hände sind schwarz, stehen kurz still im leeren Raum, nach oben gerichtet, die Handflächen nach vorne.

Es sind nur zwei Hände, sonst nichts.

Dann verschwinden die Hände langsam aus dem Bild nach unten, als würden sie versinken.

 

dazu ein Geräusch, als würde jemand einatmen ohne aufzuhören.

 

25.09.2004 um 02:18 Uhr

schwarz

von: lilith

 

Ein Lichtstrahl durchschneidet das Schwarz, beleuchtet weiße Hände im oberen rechten Bildeck.

Die eine ist geöffnet, die Handfläche zeigt nach oben, leicht gekrümmt; die andere Hand greift immer wieder ins schwarze Nichts, holt etwas daraus hervor, wirft es in die offene Handfläche.

 

dazu: Scheppern wie Metallnägel auf Holz.

 

25.09.2004 um 02:17 Uhr

Sandkörner

von: lilith

 

Aber er ist doch nur ein Mythos. Ich fürchte mich trotzdem. Nicht. Aber. Ohne Gund. Am Grunde des Meeres liegt eine schöne blonde Leiche. Die Fische laichen heuer später. Warum. Ohne Grund. Grundlos. Bodenlos. Der Boden schwankt unter den Füßen. Das Schiff schau­kelt. Die Wellen schwappen über den Rand. Oben weht die Fahne der Nation. Einatmen. Ausatmen. Der Himmel war noch nie so blau wie heute. Den Karren aus dem Treibsand zie­hen. Mit den Händen Sandkörner abzählen.

 

25.09.2004 um 02:11 Uhr

schlangentext

von: lilith

 

Die Schlange schlängelt sich im Gras. Die Schlange schlingt sich um die Maus. Die Schlinge legt sich um den Hals. Das schlängelnde Schlinkern der schlingenden Schlange. Schlucken. Ein einziger Schluck schlingt abwärts. Die Maus. Die Schlange schlängelt sich im Gras.

 

25.09.2004 um 02:10 Uhr

textschlange

von: lilith

 

schlank
schlängelt die
schlange

schlinkernd schlingend
schimmernd schwimmend

schmurgelnd schluckend
schlabbernd schmatzend

schleimig schluchzend
schmerzend schmeckend

schlammig schlachzend
schlafend schlafend

 

schlafend

 

24.09.2004 um 02:00 Uhr

schwein

von: lilith

5000 jahre alt

 

23.09.2004 um 00:45 Uhr

Venus

von: lilith

 

Aphrodite - die Schaumgeborene - hatte ursprünglich weder Mutter noch Vater. Wie Eurynome erhob sie sich nackt aus dem Chaos und tanzte auf den Wellen des Meeres. Die Erde wurde fruchtbar unter ih­ren Füßen und die Vögel des Himmels erhoben sich mit ihr in die Lüfte.

 

Doch auch ihre Geschichte hielt der Zeit nicht stand. Wie die Kugel­menschen wurde die Göttin der Liebe zerteilt in eine männliche und eine weibliche Hälfte.

 

Kronos - Vater Zeit - entmannte Uranos mit der steinernen Sichel und warf die blutige Scham ins Meer. Aus dem Samen, der dem abgehack­ten Genital des Gottes entströmte, erstand die himmlische Aphrodite.

Die Liebe als Idee gründet auf der patri-archaischen Dreiheit des Va­ters, des Sohnes und des göttlichen Phallus, die als symbolische Eck­pfeiler alle patriarchalen Innenräume begrenzen. Die Magie der Zeit, das Werden, Vergehen und Auferstehen in der Natur stellt sich im pat­riarchalen Mythos als gewaltsames Entmachtungsritual dar, dessen Or­gan - das männliche - Symbol aufrechter oder gestürzter Herrschaft ist. Als Zeichen der Erneuerung ersteht aus dem abgehackten Glied, aus geraubter Lust und Kraft als Frucht einer Kastration die Göttin der Liebe. 

Angelpunkt einer metaphysischen Liebesphilosophie, wird sie in Ge­gensatz gebracht zu ihrer materiellen Schwester, die als Tochter einer Mutter geboren und mit dem gemei­nen Eros niedergekommen ist, der Begehrlichkeit und Unordnung der Liebesregungen hervorruft und da­durch bei Menschen, Tieren und Pflanzen viel Schaden anrichtet. Denn dieser Eros stammt ja von der Göttin, die viel jünger ist als die andere und in ihrem Ursprung am Weiblichen und am Männlichen teilhat. Der Eros der gemeinen Aphrodite, dem sich die Niederen aus dem Volk ergeben, die nicht minder Frauen als Knaben lieben,  die mehr den Leib lieben als die Seele, und weiter möglichst die Unverständigen, da sie nur danach trachten, zu ihrem Ziel zu kommen, ohne sich darum zu kümmern, ob auf schöne Weise oder nicht - dieser gemeine Eros nun ist der Kunst des Arztes unterstellt, damit man seine Lust ernte, aber  keine Ausschweifung erzeuge. Mit dem ausschweifenden Eros werden auch die Jahreszeiten, wird die Natur, wird die Frau unter Kontrolle gebracht, während die Gegensätze, dem edlen Eros anvertraut, zu wohlgeordneter Stimmung und Mischung gelangen.

Der edle Eros, der Sohn der himmlischen Aphrodite, ist Diener des Guten und des Schönen. Er ist der Eros der Knaben, da er von jener Göttin stammt, die nicht am Weib­lichen, sondern nur am Männlichen teilhat. Daher sich denn zum Männlichen hinwendet, wen dieser Eros an­haucht, indem er das liebt, was von Natur stärker und vernünftiger ist. Er ist  selbst himmlisch und von hohem Wert für den Staat und für jeden Bür­ger, da er den Liebenden und den Geliebten zwingt, viel Sorgfalt an die ei­gene Tüchtigkeit zu wenden. Er ist für Freundschaft und Gemeinschaft, für die Staatsgeschäfte und das Gemeinwohl verantwortlich - nur Kna­ben dieser Art wenden sich, wenn sie herangereift sind, den Staats­geschäf­ten zu - und für den Sturz der Tyrannen. Denn diesen gilt die Kna­benliebe um der Tyrannis willen als schimpflich, ebenso wie die Liebe zur Wissenschaft und zu den Lei­besübungen. Den Herrschenden nämlich, meine ich, ist es nicht von Vorteil, wenn bei den Untertanen große Gesin­nung aufkommt oder feste Freundschaft und Gemeinschaft, die ja vor al­lem der Eros zu erzeugen pflegt.

Die Metaphysik der Liebe schafft Ordnung und Übersicht. Sie scheidet säuberlich die feuchtwarmen Sümpfe der Materie von den lichten Hö­hen des Geistes und unterstellt sie dessen Herrschaft. Der Ausschluß des Weiblichen ist der Idee der Liebe immanent, deren männliche Ge­nese - in der Geburt der Aphrodite symbolisiert - die Liebe zu ei­nem Instrument männlicher Vervollkommnung macht. Das Weibliche ist nur als Reprä­sentant der Idee zugelassen - Aphrodite als Tochter des Uranos - , sofern es nicht als das Niedere, das Gemeine dem Verdikt verfällt.

 

Die metaphysische Liebe findet ohne die Frauen statt.

weiter

 

21.09.2004 um 08:04 Uhr

dionysos

von: lilith

sie hat ein glas auf dem kopf

 

21.09.2004 um 01:06 Uhr

Kirke und Odysseus

von: lilith

 

Im Spiegel blickte ihm ein rothaariges Bleichgesicht entgegen, auf der Wange entdeckte er ein paar Schnitte, die das Rasiermesser dort hinterlassen hatte. Er drückte einen Pickel aus und spuckte ins Becken. Das Gestöhn von nebenan endete in Kaskaden kleiner spitzer Schreie. Otto drehte den Wasserhahn lauter.

Die Frau hatte schwarzes Haar und nannte sich KiKi. Spitze Fingernägel.

Sie trug einen Stab in der Hand, womit sie ihm auf die Schulter klopfte. KiKi. Servierte ver­giftete Speisen vom Lotosbaum. Vergessen.

Otto klopfte sich auf die Schulter. Er hatte nichts vergessen.

Die Schreie verebbten.

Otto drehte den Wasserhahn ab.

Höhlen, Grotten und Plätze, die Frau würde bezahlt werden. Und bezahlen.

Otto zog die Nachttischschublade auf und entnahm ihr ein paar größere Scheine, die er in die Hosentasche steckte.

Verhandlungstaktik.

Gegenzauber.

KiKi wartete schon. Sie trug ein paar bunte Bänder am Leib. Eine runde Badewanne und ein run­des Bett. - Ich bin die Königin von Aiaia.

Aha. - Ich bin der windigste aller Seefahrer.

Sie kredenzte zwei rotstielige Kelche. Otto roch an der Zauberblume, strich über die kni­sternde Hosentasche und trank einen Schluck.

KiKi setzte sich auf seinen Schoß und öffnete sein Hemd.

Nicht so hastig, sagte Otto und schob sie runter. Er kramte in der Tasche und legte die Scheine aufs Bett.

KiKi zuckte die Schultern, verstaute das Geld und stöckelte auf und ab.

Was willst du?

...

Drei Huren, sagte Otto. Eine häusliche, eine kluge und eine schöne. Vor allem eine schöne.

Hera, Then und Helen, sagte KiKi. Sonst noch was?

Sonst nichts, sagte Otto.

 

 

19.09.2004 um 22:52 Uhr

Zauberspruch

von: lilith

 

Nebenbuhler oder -innen
mögen schleichen sich von hinnen.
Artemis mit ihren Pfeilen,
mög besorgen es den Geilen,
und sie in den Hintern schießen,
damit sie es bleiben ließen.

noch einer

 

19.09.2004 um 22:29 Uhr

am anfang

von: lilith

war alles ganz einfach

 

18.09.2004 um 23:55 Uhr

Spaltung

von: lilith

 

Anfangs gab es bei den Menschen nur ein Geschlecht, Mannweiblich war es und hatte Ge­stalt und Name von beiden, Männlichem und Weiblichem, zu einem einzigen in sich verei­nigt. Sodann war damals die Gestalt eines jeden Menschen ein glattes Rund, Rücken und Rippen ringsherum; und je­der hatte vier Hände und ebenso viele Beine und zwei einander ganz ähnli­che Gesichter auf einem kreisrunden Hals und zu den zwei Gesichtern einen ge­meinschaftlichen Kopf, und vier Ohren und zwei Geschlechtsteile und alles andere so, wie man es sich danach vorstellen kann. Er ging auch aufrecht wie jetzt, und zwar nach jeder der zwei Richtungen, je nach dem es ihm gefiel.

Diese Menschen waren rund und strahlend wie Sonne und Mond, die ihre Eltern waren, und sie waren gewaltig an Kraft und Stärke und wollten hoch hinaus. Ja, sie waren vollkomme­ner als die Götter selbst, da sie keine Ge­gensätze kannten und also voll waren von Weisheit und Liebe. Sie wandten sich ab von ihren Göttern, deren Werke sie als Zerstörung erkannten und bahnten sich ihren eigenen Zugang zum Himmel.

Die Götter nun hielten Rat, was sie mit ihnen anfangen sollten, und waren in Verlegenheit. Denn man konnte sie nicht einfach töten und das ganze Geschlecht gleich den Giganten mit dem Blitzstrahl umbringen - denn da hätte man sich auch um die Ehren und Opfer von den Menschen gebracht, aber man konnte den Frevel auch nicht einfach hinnehmen.

Endlich hatte Zeus mit Mühe etwas ausgesonnen und sagte: Ich glaube, ein Mittel zu haben, wie es noch weiter Menschen geben kann und sie doch von ihrem wüsten Wesen lassen müs­sen, - wenn sie nämlich schwächer werden. Ich will sie auseinanderschneiden, jeden in zwei Teile; da werden sie schwächer werden und zugleich nützlicher für uns, weil ihrer mehr ge­worden sind, und aufrecht sollen sie gehen auf zwei Beinen. Wenn sich's aber zeigt, daß sie noch weiter frech sind und nicht Ruhe halten wollen, so will ich sie noch einmal entzwei­schneiden, und dann mögen sie auf einem Bein daherkommen wie beim Sackhüpfen.

Sprach's und zerschnitt die Menschen in zwei Hälften, wie man Birnen zer­schneidet, um sie einzumachen, oder wie man Eier mit einem Haar zer­schneidet. Und wenn er einen entzwei­geschnitten hatte, dann befahl er dem Apollon, ihm das Gesicht und den halben Hals nach der Schnittfläche herumzudrehen, damit der Mensch den Schnitt vor Augen haben müsse und bescheidener werde; das übrige hieß er ihn verheilen.

Nachdem nun die Natur entzweigeschnitten war, ging sehnsüchtig jede Hälfte ihrer anderen Hälfte nach, und sie umfingen sich mit den Armen und schlangen sich ineinander, und über dem Begehren zusammenzu­wachsen, starben sie vor Hunger und Nichtstun; denn getrennt voneinander wollten sie nichts tun.

Da erbarmten sich die Götter und verlegten ihre Geschlechtsteile nach vorne, so daß sie nun ineinander zeugen konnten und die Liebe sie wieder zusammenfügte. So wäre doch noch noch alles gut geworden für die Men­schen und sie hätten ihre frühere Kraft wiedergefunden.

Doch die Götter hatten mit den Menschen auch die Welt gespalten, sie hatten den Himmel von der Erde getrennt, das Lichte vom Dunklen, das Trockene vom Feuchten, den Geist von der Natur und das Leben vom Tod. Und die geteilten Menschen liefen nun den Teilen nach und verloren einander und konnten einander nicht wiederfinden. Philosophie - Liebe zur Weisheit - nannten sie ihre Suche und sie führten viele Kriege um all das gefundene Stück­werk, denn sie hatten vergessen, daß sie selbst vornehmer waren als die Gegensätze, so daß sie dem Tod Herrschaft einräumten über ihre Gedanken oder der Vernunft die Herrschaft über das Leben. Und so vollendeten sie das Werk der Götter und sie schnitten einander Na­sen und Ohren  mit grausamem Erze ab, entrissen und warfen die blutige Scham vor die Hunde, hauten dann Hände und Füße vom Rumpf mit zürnendem Herzen.

 

So hatten schließlich die Götter den Sieg davongetragen über die Men­schen.

All das ist schon lange her. Und auch die Unsterblichen sind nicht ewig. Längst verfault sind ihre Gebeine und Gras ist gewachsen über den Olymp. Die Menschen aber haben ihre ein­stige Gestalt vergessen und sind gewor­den wie die Götter.

 

 

14.09.2004 um 01:04 Uhr

tartaros

von: lilith

 

05.09.2004 um 21:51 Uhr

ab morgen bin ich in

von: lilith

griechenland

 

05.09.2004 um 21:29 Uhr

Dionysos

von: lilith

 

Dionysos, ein weibischer Gott, kämpfte lange um die Anerkennung seiner Göttlichkeit. Er war der Sohn der Semele und des Zeus, weswegen er den Zorn der Hera hervorrief. Diese wollte schon seine Geburt verhindern und überredete Semele, sie solle darauf be­stehen, daß ihr der Geliebte einmal in seiner wahren Gestalt erscheine. Daraufhin er­schien ihr der Gott als Blitz und Semele verbrannte. Zeus rettete das ungeborene Kind, legte es in sei­nen Schenkel und trug es auf diese Weise aus. Hermes brachte das Kind zu den Nymphen, wo es in Mädchenkleidern aufgezogen wurde. Nach einer anderen Version ergriffen die Titanen auf Befehl Heras den Neugeborenen und rissen ihn in Stücke. Die Reste kochten sie in einem Kessel. Aber seine Großmutter Rhea sammelte alle Teile und fügte sie wieder zusammen.

Später reiste er in allen Teilen Griechenlands umher, um seinen Kult durch­zusetzen. Zeit­weise schlug ihn Hera, die ihn noch immer verfolgte, mit Wahnsinn, aber Dionysos ver­stand es, den Wahnsinn als Waffe einzusetzen. Überall, wo er hinkam, schlossen sich ihm zahl­reiche Frauen an, die mit ihm in die Berge zogen, wo sie orgiastische Feste feierten und oftmals auch in Raserei ausbrachen, wobei sie Tiere in Stücke gerissen und roh ver­zehrt haben sollen.

In Theben stellte sich ihm der junge König Pentheus entgegen, verlachte ihn wegen seiner Frau­enkleider und sperrte ihn ins Gefängnis, weil er die Frauen der Stadt zu seinen barba­rischen Ri­ten verführt habe. Dionysos aber gelang es, Pentheus so neugierig zu machen, daß dieser selbst Frau­enkleider anlegte, um die Mainaden - so nannte man die Anhänger­schaft des Gottes - un­gestört belauschen zu können. Dionysos aber hatte seine Gefolg­schaft, welcher auch die Mutter des Pentheus angehörte, mit Wahnsinn belegt und so hiel­ten sie den verkleideten Pentheus für ein wildes Tier und rissen ihn in Stücke. In dieser Art rächte sich Dionysos an allen, die sich wei­gerten, seine Göttlichkeit anzuerkennen.

Einmal kidnappten ihn die Seeleute eines Schiffes, das ihn nach Naxos übersetzen sollte. Sie wussten nicht, daß er ein Gott war und wollten ihn in die Sklaverei verkaufen. Doch plötzlich machte das Boot trotz verstärkter Brise keine Fahrt mehr. Es erklang Flötenmu­sik, Efeuranken umschlängel­ten die Masten und die Ruder verwandelten sich in Schlan­gen. Voller Ent­setzen irr­ten die Seeleute auf dem Deck umher, als wilde Tiere - Löwen, Panther und Bären - an Bord er­schienen. Zitternd vor Furcht sprangen sie ins Meer, wo sie in Del­phine verwandelt wurden.

In Naxos traf der Gott Ariadne, die von Theseus verlassen worden war. Er heiratete sie und schenkte ihr damit die Unsterblichkeit.

Als Dionysos endlich auf der ganzen Welt seine Anbetung erzwungen hatte, stieg er zum Himmel auf und sitzt nun zur rechten Hand des Zeus als einer der zwölf  Großen.