fiktive tagebücher: von lilith

25.10.2004 um 18:40 Uhr

Sommerfrische

von: lilith

 

Trägt einen blauen Matrosenanzug, Faltenrock, weiße Bluse mit blau gerändertem Kragen, das gelbe Haar zu Löckchen gerollt. Weiße Socken. Collegeschuhe dunkelblau: Marie.

Hüpft rund um den roten Sandhaufen, dreimal drei ist neueune, jeder hat das Seieine, betrachtet dicke Wolkenknäuel am Himmel grau in graublau, hin und wieder zuckt ein Blitz. Ganz nah die Berge, Wolkenfetzen sickern, legen Hohlräume aus, füllen Schluchten. Der Donner. Das Tuten der Eisenbahn, fern.
Marie. Schlüpft aus den Schuhen, rollt die Socken weg, watet im feuchten Sand.

Der fremde Bub: Karl. Schaut. Bürstenhaarschnitt, blaue Flecken auf Waden und Oberarmen, rotgeriebene Wangen, Sommersprossen. Ein Rotschopf, ein echter.
Marie: sieht über den Haarschopf hinweg in den Gewitterhimmel, es donnert, sagt sie, spuckt nach hinten aus über den Matrosenkragen. Der Bub: bläht die Backen, zappelig, kneift seine Ohrläppchen, reibt sie. Wird ein Gewitter kommen, sagt er.
Marie hüpft, der Sand quetscht sich zwischen den Zehen. Die ersten Tropfen platschen dunkel auf die Haut, die Bluse, den Asphalt.
Marie leckt die Handrücken, komm mit, sagt er. Fuchsgesicht. Da und da, tippt er mit dem Zeigefinger auf ihre Bluse, gegen die Brust, sie nimmt die Hand, beißt und saugt, da prasselt es los.

Halbdunkel der Schuppen, Matrosen weinen nicht, Matrosen sind heimatlos und tausend lange Meilen von zu Haus.
Ein hölzerner Pferdewagen mit zerbrochener Deichsel, Spuren vom nassen Sand, zerschrammte Knie.
Das Fuchsgesicht engt die Augen, grün, Marie todernst. Tut ihm weh. Zischt. Fuchsgesicht. Still halten wirst du. Zerrt am Hemd, weißes T-Shirt, schmutzig am Ausschnitt, regenfeucht.
Rollen ineinandergekrallt. Matrosin, höhnt das Fuchsgesicht, reisst drei Knöpfe von weißer Bluse.

Die Großmutter.
Blondes Engelköpfchen, Faltenröckchen, Söckchen, Söckchen, jetzt hat sie ihn am Ohr erwischt.
Und ich besieg dich doch.

Marie hat Zimmerarrest wegen Raufhandels. Gehört sich nicht.
Liest Robinson Crusoe, na warte, Freitag. Sie legt den Fuß auf Karls Kopf, befiehl, Herrin, so ist es recht. Bürstet die Löckchen weg. Schneidet den blauen Rock in lange Streifen mit der Nagelschere. Die Matrosin ist tot. Es lebe.
Die Großmutter hat die Tür abgesperrt.
Marie presst Gesicht gegen Scheibe, draußen prasselt es.

Dachbodenfenster: zieht die lange Wäscheleine hinter sich her, die aufgesteckten Kluppen klappern, wir ratschen, wir ratschen den Engel des Herrn, ein Ratschenbub sein, auch diesen scheppernden Lärm machen dürfen am Karfreitag, wenn die Glocken nach Rom geflogen sind (immer nur die weißen Kleidchen und die blöden Blumen im Haar), trampelnd lärmen mit rotem Gesicht, heimlich den Messwein trinken und fünf Schilling für jede Taufe und jedes Begräbnis.
Kirschen stehlen aus dem Pfarrgarten, wo die bucklige Pfarrersköchin beim Beetejäten ist, sie droht mit dem Stock, Hundsbuam!, aber nachlaufen kann sie nicht. Das offene Pfarrhoftor: Karotten, Petersilie, Erbsen, Kohlrabi, sauber getrennt. Kohlköpfe mit zerfressenen Blättern. Gurken kriechend. Hochgebundene Bohnen. Blumen am Saum der Beete: gelbe Ringelblumen, Gladiolen, Dahlien. Und das graugrün blasse Mauskraut mit den dreigeteilten Kugelfrüchten, das die Wühlmäuse abhalten soll. Der Kirschbaum ganz hinten. Kirschen, die dürr und schwarz werden, vertrocknen, abfallen.
Die Pfarrersköchin: Lisl.
Wenn die Großmutter von der Lisl spricht, hat sie immer diese Hochachtung in der Stimme, ehrfürchtige Atemlosigkeit, als würde sie vom Herrn Pfarrer persönlich sprechen, Ehrfurcht mit ein bisschen Neid. Einen wirklichen Buckel hat die Lisl, die hat auch ihr Binkerl zu tragen, sagt die Großmutter, ach ja, die Erde ist ein Jammertal.
Wie's der liebe Herrgott will, sagt die Großmutter, sie bringt der Lisl die ersten Äpfel, Klaräpfel, sauer batzige, die die Lisl einkochen kann für den Herrn Pfarrer, das beste Apfelmus geben die Klaräpfel, weil sie schon zerfallen, bevor sie noch durchgekocht sind.
Sie könnte Kirschen eintauschen für die Klaräpfel, findet Marie, aber pscht, sagt die Großmutter, schlägt ihr leicht auf den Mund, als wolle sie eine Fliege verscheuchen, eine dicke eklige.

Bodenlos: Wieder Marie vorweg, dahinter Karls Keuchen, Schritt vor Schritt. Schroff die Kante, der Abgrund. Abgetretene Steine verschwinden geräuschlos, viel später der leise Aufprall. Unten geröllige Halden, faulige Holzstämme, angeschwemmt, nie ein Sonnenstrahl. Felszacken im Gegenlicht. Das sachte Knirschen der Steine hinter ihr, sie möchte ihn überholen lassen, im Auge behalten.
Der Boden feucht. Hochwasser, das Kreise zieht in den Felskesseln.

Reiter, die Pferde die Wände hochtreiben, Indianer sind hinter ihnen her oder lauern hinter den Felsvorsprüngen. Reiter, die die Sporen in Flanken drücken, Pferde, die sich steinige Halden hinaufmühen. Das prasselnde Geröll. Rutschige Hufe.

Wie in den Karl-May-Filmen, sagt Marie, halb umgewandt, pass doch auf, sagt er, während sie stolpert, den Bruchteil einer Sekunde, den ihr Fuß in den leeren Raum fällt, einatmen, ausatmen, er zieht sie zur Felswand, hält sie.
Marie. - Du bist mir ein Leben schuldig.

Unterholz: Farne, mannshohe Gräser, disteliges Gestrüpp; Himbeer- und Brombeersträucher, Heckenrosen-, Haselnuss- und Buchenschößlinge, dicht an dicht.
Marie, kurze Hose, leichte Sandalen, arbeitet sich himbeerpflückend den Hang hinauf. Himbeerpflücken: die großen roten dreieckigen Früchte, feine Härchen an der Oberfläche, sie löst sie von den pelzigen Stempeln, sammelt sie in der Handfläche.
Die Wespen: ein sirrender Ton, der in der Luft zu zittern scheint, als ginge er von der Sonne aus oder: aus dem Grün und Blau auf der Netzhaut, ein stehender Ton, eher sichtbar als hörbar.
Heckenrosen? ihre Beine zerkratzt, feine Linien in der Haut, rot wie die Himbeerspuren in der Handfläche, brennen sachte, die Sonne im August.
Das Fuchsgesicht: lauert oben an der Wegkante, schnuppert, nimmt Witterung auf.
Dann die Schlange. Eine silberne Schlangenhaut auf weißem Stein, Marie hebt sie vorsichtig auf den dürren Ast, schwer und prall hängt sie links und rechts herab, keine Haut, eine Schlange.
Karl steht aufrecht, wirft die herben Mostäpfel nach Marie, die sich duckt, bückt, zurückwirft, ohne zu treffen. Komm nur, komm, sagt Marie, schwenkt die tote Schlange am Ast. Das Knacksen. Windstille am weißen Stein, du bist mir ein Leben schuldig, sagt er, weißt du noch, ich weiß.
Schaukelt die Schlange vor seiner Nase, nimm sie doch, trau dich, da bewegt sie sich.
Sie lebt, sagt er, stolpert rücklings, sie ist giftig, sagt Marie, beweg dich nicht - ich schenk dir das Leben, sagt Marie, dann sind wir quitt.

Karl rappelt sich hoch, packt sie, na warte jetzt zeig ich dir´s, was denn was denn was, Marie rammt den Kopf in seinen Bauch.
Keuchen. Stoßen, kratzen, rollen abwärts.

Blutig staubig gezaust. Klopfen beschämt die Kleider, blinzeln in den Himmel.

Karl: Zahm bist du jetzt.
Marie: Fuchsgesicht.

 

24.10.2004 um 10:04 Uhr

tristesse:

von: lilith

 

fundstück

 

24.10.2004 um 01:31 Uhr

morgenrituale

von: lilith

 

wenn der wecker läutet den kopf wenden auf die uhr schauen umdrehn noch ein bisschen kopf wenden wieder umdrehn bisschen seufzen noch einmal die decke zurück­schlagen ein bein ein anderes den oberkörper kopf heben in die socken unterhosen und überhosen steigen gerade stehen dem tag in die augen sehen den pullover drüber­ziehen hände wa­schen arsch wischen nicht schon wieder hände waschen kaffee zustellen mit dem kamm durch die haare mit der bürste und die zähne den mund spülen ins brot beißen das telefon läuten lassen eine zigarette und noch eine und noch eine aufatmen das tischtuch schütteln den polster schütteln das fenster öffnen die fußsohlen spüren das wasser über die haut rinnen mit der zunge über die lippen zeitung text lesen brief trägen im häferl die milchränder las­sen die tür ins schloss fällen

 

23.10.2004 um 08:25 Uhr

morgens

von: lilith

 

Zwischen ihren Brüsten rinnt eine feine feuchte Spur. Sie dreht das Wasser auf, hält die offenen Hände unter den kalten Strahl, schüttet Wasser ins Gesicht.

Ein kleiner Adrenalschock, einfach so.

Ein dumpfes Dröhnen durchs Fenster, Trommeln, Bässe. Der Herzschlag trommelt mit. Die Ohren sausen. Das teigige Gesicht bleibt erschreckt.

Der Spiegelbelag fließt langsam ab.

 

21.10.2004 um 00:38 Uhr

liebe und andere grausamkeiten

von: lilith

 

Da und hier geht es um die klitzekleinen Vergewaltigungen kleiner Mädchen und Buben.

Wen interessiert das schon. Die kleinen Mädchen haben sich abgefunden. Sie hungern. Ein bisschen. Wenn sie die Eins Achzig erreichen, haben sie eine Chance. Nur noch. Ein bisschen weniger. Nicht essen. Und dann die Belohnung. Bei den Buben ist es neuer.

Model Zauberwort. Hallt von allen Wänden. Wir gehen in die Modezeitschriften und werden vielleicht. Fündig. Er hat keine Aura. Aber das macht nichts. Anabolika. Sie kosten ein bisschen was. Aber sie bringens.

 

Immerhin mögen das die kleine Mädchen.

Die  mit den Plasikbusen, den aufgespritzten Lippen. Den Baby-Augen. Man fragt sich, warum sie magersüchtig sind. Die meisten Menschen halten es eh für feministische Gräuelpropaganda: Recht haben sie. Ich hab noch nie ein Mädel gehabt, das den Missbrauch nicht genossen hätte. Volles Rohr.

 

Beiseite: Ich hasse es, wenn sie es genießen.

 

 

 

 

17.10.2004 um 01:55 Uhr

rituale 4

von: lilith

 

Hast du gehört, fragte das Kamel den Kameltreiber, doch der gab sich müde. Das Kamel kicherte erschöpft. Der Kameltreiber leckte sich die Lippen. Das Kamel schürzte die Höker.

Butterfly ist ein Messer, das man im Kreis wirbelt, nichts desto trotz, als ob es einen Ausweg gäbe.

 

Ich komme in gelenktere Bahnen, sagte das Kamel ergeben, während der Kameltreiber Gas gab und quietschend in die Kurve fuhr. Rohes Eiklar ergoss sich über die Straße und schleimte sie voll, hör mir zu, sagte das Kamel, hör mir einmal zu. Der Kameltreiber öffnete sein Hemd, kratzte sich die Brustwarzen und furzte saftig aus dem Kragenknopf. Nichts für ungut, schönes altes Tier. Das alte Tier verbrannte sich die Hufe, verklemmte sich im Türstock, verhökerte sich doppelt im Ge­strüpp.

 

Eine fette Lady thronte zwischen seinen Hökern, stopfte sich große Trauben in den Mund, wäh­rend der Kameltreiber immer lauter gähnte und den Mund aufriss wie ein Scheunentor, man sah al­le seine schwarzen Zähne, die sich hinter der Öffnung zusammerkauerten, Erde sah man im Mund des Kameltreibers, wenn er gähnte. Die Lady nahm sich eine Flasche in den Mund, zuerst den Hals, dann den Kragen, der Kameltreiber biss in den Ladybusen, sechs Zahnabdrücke, zwei davon künstlich, blieben zurück.

Das Kamel knickte nun in den Vorderbeinen, wohl aus Schwäche, bleiben Sie schön steif, flötete die Lady.

 

Das Kamel verschluckte die Fernsteuerung, dann hatte es nichts mehr zu sagen. Ultramarinblau flogen die Steine. Zeitzeugen schritten aufrechten Ganges, der Wahnsinn krepierte krachend im Gebälk.

 

Grüne und rote Sprechblasen umwölkten den Trüben Treiber, weil heute der Himmel gelb war. Und die Wörter heulten alle im Dreivierteltakt.

 

Eine Schere, eine gebeutelte, nimm sie und schneid ihm das Kleingeringeltkarierte ab und kriech durch den Channel, der mit dem zwischenstaatlichverbindenden sauerstoffzugeführten Zugbahnhofsvorstandsdirektor am Nachthimmel steht (aus dem Satz wieder rauskommen).

 

Kugelschreiben mit dem Bauch, weil´s sonst weh tut oder Unordnung, das Kamel schniefte, der Treiber trieb, die Lady war nah dran, aber nur eben nah dran. Der Treiber schaufelte Kohlen nach, sagte BASTA und biss in ein Senfbrot, während das Kamel nun auch in die Hinterbeine knickte, nach und nach.

 

Meine Zunge brennt, sagte das Kamel, hörst du mich nicht mehr, nein, damit musst du fertig wer­den, sagte der Treiber, während das Kamel die Lady ins Gras biss und weinend zu dannen ging.

 

 

17.10.2004 um 01:53 Uhr

rituale 3

von: lilith

 

Spiel nicht die Beleidigte, sagte der Affenzahn und grinste diabolisch. Das Mambo schluckte den Satz, der sich sofort ans Zwerchfell klebte. Ein rabenschwarz undurchdringlicher Satz war das, einer, der einen schrumpfen ließ, bis man einer grauen klebrigen Masse glich, ein Satz, auf den man nichts, aber auch gar nichts zurücksagen konnte, dabei musste das Mambo doch längst im­mun sein gegen solche Sätze, der Affenzahn besaß ihrer eine Menge, "Führ dich nicht auf", "Werd jetzt nicht hysterisch", "Mach keine Szene", "Jammer mir nichts vor", um nur einige davon zu nen­nen, aber "Spiel nicht die Beleidigte" war der schlimmste von allen. Das Mambo lauerte auf eine Gelegenheit, diesen Satz dem Affenzahn zurückzusagen, aber wann immer der Fall eintrat, daß der Affenzahn den Beleidigten spielte, hatte das Mambo Mitleid mit dem Affenzahn und der Satz wollte nicht über seine Lippen kommen, nicht einmal "Führ dich nicht auf", brachte es heraus und auch nicht "Mach keine Szene". Obwohl es häufig vorkam, daß der Affenzahn sich aufführte, Sze­nen machte, ja sogar hysterisch wurde, das Mambo, das alle diese Sätze gespeichert hatte, konn­te nie einen davon herausspeien.

 

17.10.2004 um 01:52 Uhr

Rituale 2

von: lilith

 

ER: Ich will wissen, wie das geht.

SIE: Das Rote. Du mußt das Rote nehmen.

ER: (verwirrt) Welches Rote?

SIE: Na das Rote!

ER: Ahso. Das Rote ...

SIE: Na also.

 

ER: Jetzt führ dich nicht auf.

SIE: Der Würstelverkäufer hat einen knackigen Hintern.

ER: Welcher Würstelverkäufer?

SIE: (schweigt bedeutungsvoll)

ER: Jetzt führ dich nicht auf!

SIE: (im Singsang) Essiggurkerln, Senfgurken, Silberzwieberln, süßen oder scharfen, die Dame ...

ER: Wenn du uns jetzt den Abend versauen willst ...

SIE: (verschwörerisch) Wollen wir das auf später verschieben, das Versauen - wir haben alle Zeit der Welt ...

ER: (greift zur Fernsteuerung) Ich muss nur noch ...

 

SIE: Ich hasse es, zu spät zu kommen!

ER: Ich bin Gott.

SIE: Warum sagst du das nicht gleich.

GOTT: Das Krokodil ist rechts unten in der 2. Lade.

SIE: Hast du ihm schon sein Kaninchen gegeben?

GOTT: (abwehrend, kalt) Nicht jetzt ...

SIE: O bitte, bitte, gib ihm das Kaninchen!

GOTT: (endgültig) Nicht vor heute Abend.

SIE: Aber es hat doch sonst nichts zum Spielen!

GOTT: (fuchtelt mit der Fernsteuerung) Das dürfte genügen.

SIE: HERRGOTTNOCHMAL!!

 

 

17.10.2004 um 01:50 Uhr

rituale 1

von: lilith

 

Im Wohnzimmer.

SIE trägt ein schwarzes kurzes Kleid, ER Jeans und ein kariertes Hemd. ER sitzt auf der Couch, SIE geht im Zimmer herum, nimmt herumliegende Gegenstände auf, legt sie wieder hin, etc.

(Im FERNSEHEN Teletext.)

ER (betätigt Tasten der Fernsteuerung)

FERNSEHER (kreischendes Geschnatter)

SIE: Dreh den Ton ab! Ist ja die reinste Folter!

ER (dreht den Ton ab)

SIE (setzt sich zu ihm auf die Couch, zündet sich eine Zigarette an) Was ist denn das?

ER: Teletext.

SIE: Das seh ich. Ich mein, was suchst du?

ER: Ich schau nur was.

SIE: Aha.

ER: (betätigt Tasten)

SIE: (steht auf, geht wieder herum, die Zigarette in der Hand) Wir wollten um halb acht fahren.

ER: Mhm.

SIE: Hast du gehört?

ER: Mhm.

SIE: Um halb acht.

ER: Bist du fertig?

SIE: Ich bin seit einer halben Stunde fertig.

ER: (betätigt Tasten) Dann isses ja gut.

SIE: (drückt die Zigarette aus, stellt Gläser in den Geschirrspüler)

ER: (dreht den Ton wieder auf. Gerede auf französisch) Is ja Französisch.

SIE: Ja.

ER: Ich wollte Englisch.

SIE: Wozu. Wenn wir eh gleich fahren.

ER: Ich will wissen, wie das geht.

SIE: (gereizt) Muß das jetzt sein!

ER: (betätigt Tasten)

SIE: Es ist zehn nach halb.

ER: (betätigt Tasten)

SIE (scheppert mit Geschirr, zündet sich eine neue Zigarette an)

ER: Ah so ist das! (Schwedisch aus dem Fernseher) ... Ist auch nicht Englisch ...

SIE: (raucht, macht den Kühlschrank auf und wieder zu)

ER: (langsam, beim Tastenbetätigen) Inf. - OK - 146 - Next Page - blau - gelb - E - Clear

SIE: (geht ins Vorzimmer, kommt mit Schuhen in der Hand zurück, setzt sich, zieht die Schuhe an)

ER: (blättert in einer Broschüre, die Fernsteuerung in der anderen Hand)

SIE: Ich hasse es, zu spät zu kommen!

ER: (langsam, beim Tastenbetätigen) Inf. - OK - 146 - Next Page - blau - gelb - E - Clear. - Hab ich ja gemacht!

SIE: (nimmt einen Lippenstift aus der Handtasche, geht damit ins Vorzimmer)

ER: (betätigt Tasten, murmelt vor sich hin)

SIE: (kommt zurück, hat jetzt einen Mantel an)

ER: (verwirrt) Jetzt ist es ganz weg.

SIE: (laut) Es ist gleich acht!

ER: (betätigt Tasten, verzweifelt) Das gibts doch nicht. Das ist doch nicht möglich. Wieso geht das nicht. Das sollte doch ...

SIE: Jetzt hör schon auf damit und komm!

ER: (irritiert) Sofort. (Betätigt Tasten)

SIE: (zieht den Mantel wieder aus, noch lauter als zuvor) Jetzt mag ich eh nicht mehr!

ER: (erstaunt) Was ist denn jetzt schon wieder los?

SIE: (zündet sich fahrig eine Zigarette an, bläst den Rauch geräuschvoll durch die Nasenlöcher)

ER: Jetzt führ dich nicht auf.

SIE: (verdreht die Augen)

ER: (scharf) Mach keine Szene. Versau uns nicht den Abend, ja?

 

 

14.10.2004 um 16:06 Uhr

jubiläum:

von: lilith

 

6 monate in diesem blog -

sekt für alle!!!

 

 

und vielen dank ans blogigo-team!

 

:) lilith

 

 

14.10.2004 um 10:22 Uhr

Schrödingers Katze, zum 2.

von: lilith

Tag 1

Heute bin ich in Kiste XIII eingezogen.

“Kiste XIII“ ist natürlich längst keine Kiste mehr, wir nennen sie lediglich so, in Erinnerung an Kiste I, die in der Tat eine einfache Holzkiste gewesen sein soll. Schroe I, bekannt geworden als „Schrödingers Katze“, soll darin eine Zeitspanne von 12 Stunden verbracht haben. Als sie schließlich befreit wurde, befand sie sich in einem merkwürdigen Schwebezustand, was die Theorie des Professors sowohl bestätigte als auch widerlegte: Obwohl sie kaum noch Lebenszeichen von sich gab, konnte sie auch nicht endgültig für tot erklärt werden. Fernöstliche BeobachterInnen führten das auf den sogenannten Jogi-Effekt zurück, TierschützerInnen auf eine Art Trauma, was sie zu scharfen Protesten veranlasste. Aufgrund der deshalb verschärften Auflagen war Kiste II ungleich geräumiger und mit einer Futtervorrichtung sowie einer Abfallbeseitigungsanlage ausgestattet. Um den Aufwand zu rechtfertigen, wurde das Experiment auf einen Zeitraum von 12 Tagen ausgeweitet. Geändert hatte sich allerdings nicht viel. Als sie Schroe II befreiten, zeigte sie ähnliche Symptome wie Schroe I. Ihre Körpertemperatur betrug 10° Celsius, ihr Pulsschlag war kaum noch messbar. Wieder liefen Tierschutzorganisationen Sturm, wieder wurde an einer Verbesserung der Bedingungen gearbeitet.

Mein eigenes neues Heim ist höchst komfortabel. Ich besitze ein 500 m² großes Gelände, inklusive Gartenanlagen, Vorratskeller, etc. Frischwasser und -luft sind seit Langem selbstverständlich, ebenso wie der Anschluss ans Internet. Des weiteren wurden mir drei Gefährten beigegeben: Rob2 ist für die Hauswirtschaft zuständig, Rob1 für die Erfassung der Daten und die Kommunikation nach draußen, Robcat soll meinem Vergnügen dienen.

Mein Name ist Schroe XIII, ich bin also die 13. ForscherInnengeneration nach Schroe I-XII. (Nicht im biologischen Sinn, versteht sich. Wir werden nach einer Reihe von Gesichtspunkten sorgfältig ausgewählt.)

Wir schreiben das Jahr 2030, heute ist der 1. Dezember.

Da ich vermutlich mehrere Jahre hier zubringen werde – die Dauer des Experiments ist noch nicht festgelegt – werde ich mir erlauben, meine eigene Zeitrechnung zur Anwendung zu bringen.

 

Tag 2

Rob2 kocht ganz ordentlich. Gestern gab es Lachs mit Mayonnaise und als Nachspeise Vanillepudding, heute eine köstliche Rinderpastete und danach eine Portion Sauerrahm mit Zucker.

Zudem besitze ich eine kleine exklusive Mäusekolonie, damit mein Jagdinstinkt nicht verkümmert. Ich spielte zum Zeitvertreib ein bisschen mit ihnen herum, knackte das eine oder andere Tier auf, gefressen habe ich sie natürlich nicht.

Robcat allerdings ist  eine Enttäuschung. Er geht mechanisch ans Werk, lässt jegliche Phantasie vermissen und ist außerdem zu schnell fertig. Aber ich will nicht klagen. Seine biologischen Vorbilder sind auch nicht wesentlich besser und vielleicht ist er ja lernfähig.

 

Tag 3

Ich fühle mich ein wenig müde heute, trotz guter Nahrung und ausreichend Bewegung. Rob1 hat eine Reihe von Daten erfasst, stellt unaufhörlich Berechnungen an und leitet sie mittels Internet nach draußen. Ich dachte, es könnte nicht schaden, wenn auch ich meinen Geist ein wenig trainiere. Also zählte ich meine Mäuse (eine ziemlich aufwändige Sache!) und erstellte mit Rob1s Hilfe eine Fortpflanzungs-Statistik. Ich werde eine Menge Zeit in die Jagd investieren müssen!

Die an meinem Körper befestigten Messgeräte sind teilweise sehr lästig, aber ich denke, ich werde mich daran gewöhnen.

 

Tag 5

Gestern ein fauler Tag, keine Lust auf Jagd oder Sex. Robcat hat sich als nicht lernfähig erwiesen, so ist Letzteres nicht weiter schlimm.

Die Jagd allerdings sollte ich zur regelmäßigen Pflicht erheben, damit die Mäuse nicht zur Plage werden. Doch solange Rob2 so ausgezeichnete Speisen auf den Tisch bringt (heute: Wildragout! Himbeereis!), fehlt mir dazu ein wenig der Antrieb.

 

Tag 17

Nun, da die ersten Anpassungsschwierigkeiten gemeistert sind, wird es höchste Zeit, mich wieder meinen Aufzeichnungen zu widmen.

Es gab ein paar Probleme mit der Tageslichtsimulation, was vermutlich der Grund war, dass meine Robs Tag 6-9 verschlafen haben. Ich muss gestehen, dass auch ich selbst nur wenige wache Phasen hatte, während derer ich weder Hunger noch Lust auf Bewegung verspürte. Meine Körpertemperatur schien mir merklich herabgesetzt, mein Puls deutlich langsamer als normal, was Rob1 – nachdem es mir gelungen war, sie zu wecken – bestätigte. Auch die Mäuse zeigten sich selten.

Wir haben beschlossen, die Zeit ein wenig zu dehnen, so dass ein Kisten-Tag nun in etwa zwei Draußen-Tagen entspricht. Seither sind wir besser abgestimmt. Nur die Mäuse wirken immer noch so benommen und apathisch, dass ich meine Fortpflanzungsstatistik ernsthaft in Zweifel ziehen muss.

Draußen haben sie jetzt den 21. Dezember, bei uns steht die Tag- und Nachtgleiche noch aus.

 

Tag 36

Seit einigen Tagen leide ich an Haarausfall.

Rob2, der für meine medizinische Versorgung zuständig ist, ist leider keine große Hilfe. Obwohl wir die Zeit ein weiteres Mal gedehnt haben, schläft er die meiste Zeit vor dem Fernseher. Auch seine Kochkünste sind nicht mehr der Rede wert. Manchmal öffnet er eine Dose, aber das ist auch schon alles. Ich gewöhne mich daran, da ich ohnehin nicht besonders hungrig bin. Und hin und wieder fange ich mir eine Maus. Mehr aus Pflichtgefühl denn aus Passion. Obwohl auch dazu kaum Anlass besteht: Die Mäuse vermehren sich tatsächlich viel langsamer als erwartet.

Im Fernseher sind neuerdings seltsame Phänomene zu beobachten. Gestern zum Beispiel konnten wir auf allen Kanälen gleichzeitig einer Gruppe Mäuse bei ihrer Nahrungsaufnahme und Fortpflanzungstätigkeit zusehen. Es dauerte eine Weile, bis wir begriffen, dass wir unsere eigene Mäusekolonie beobachteten. Die Tatsache, dass ihre Bewegungen ungewöhnlich träge waren, brachte uns schließlich auf die richtige Spur. Rob1 behauptet an einer Erklärung zu arbeiten, aber ich bezweifle, dass ihre Kapazitäten ausreichen werden.

Die Messgeräte an meinem Körper habe ich schon vor Tagen entfernt. Sie sind unnötig geworden. Seit wir die Zeit unseren Rhythmen anpassen, bleiben die Werte konstant.

Rob1 hatte die Idee, die Geräte an einer Maus anzubringen, um ihre Rhythmen mit unseren zu synchronisieren. Ich hatte nichts dagegen. Ich suchte ein kräftiges Exemplar aus, fing es und legte ihm die Geräte an. Dann ließ ich es wieder laufen. Die Maus schien sogar Vergnügen an ihrer Ausrüstung zu finden. Nachdem sie sich in Sicherheit gebracht hatte, schnupperte und fingerte sie sehr interessiert daran herum.

 

Tag 92

Wir mussten die Zeit weiter verlangsamen.

Gleichzeitig scheint sich unser Gelände kontinuierlich auszudehnen.

Da ich Robcats ursprünglich vorgesehene Dienste nicht mehr in Anspruch nehme, haben wir ihn ausgeschickt, die neuen Gebiete zu erkunden. Rob1 hat ihn mit einem Sendegerät ausgestattet, so dass wir seine Entdeckungen auf dem Fernseher mitverfolgen können. Sendungen von draußen können wir ohnehin nicht mehr empfangen. Rob1 hat es aufgegeben, nach der Ursache zu suchen. Sie scheint nicht mehr wichtig.

Auch im Internet nur noch verwirrende Botschaften: Wellenlinien, die nach und nach ineinander fließen und schließlich ganz verschwinden.

Schwerwiegender sind die Probleme mit Rob2: Er wird von Tag zu Tag depressiver. Wir können die Zeit seinem Rhythmus nicht mehr anpassen. In den letzten Tagen wurden diese Depressionen durch gelegentliche Wutausbrüche unterbrochen. Er zerstörte einiges Küchengerät und öffnete wahllos Dosen, deren Inhalt er in die Müllbeseitigungsanlage schüttete. Rob1 musste ihn vorübergehend abschalten.

Die Mäusekolonie existiert nicht mehr. Die Tiere sind nach und nach verendet. Nur die Maus, der wir die Messgeräte angelegt haben, hat überlebt. Wir haben uns mit ihr angefreundet. Ich nenne sie Mouse1.

Mein Haarausfall schreitet weiter voran, bald werde ich gänzlich unbehaart sein. Es scheint aber nichts Gefährliches zu sein. Mit meinem neuen Aussehen habe ich mich abgefunden. Mouse1 findet meine Nacktheit apart.

Sie selbst hat ebenfalls ihr Fell verloren.

 


Tag 1 der neuen Zeitrechnung

Heute haben wir den kistinischen Kalender eingeführt. Ein neues Zeitalter beginnt. Rob1 hat alle ihre Funktionen neu aufgesetzt.

Rob2 mussten wir leider endgültig abschalten, seine Programme sind der neuen Zeit nicht gewachsen. Als Ersatzteillager leistet er uns bessere Dienste. Seitdem Mouse1 uns die Vierfelderwirtschaft beigebracht hat, war er ohnehin nur noch eine Belastung.

Robcat hingegen ist über seine Bestimmung hinausgewachsen. Sein Forscherdrang ist unermüdlich, täglich entdeckt er neue Gebiete. Dabei scheint er sogar auf Lebewesen gestoßen zu sein, aber das ist zunächst nur eine Vermutung. Oder sollte er auf Draußen gestoßen sein? Es fällt mir zunehmend schwerer, mich an Draußen zu erinnern.

Ich meine, dass dort mittlerweile viele hundert Jahre vergangen sein müssen, aber nach all den Zeitanpassungen der Übergangsphase ist das schwer zu sagen.

 

Tag 2

Rob1 behauptet, ein „Draußen“ gäbe es gar nicht. Dieser Ansicht halte ich meine früheren Aufzeichnungen entgegen. „Primitive Mythen“, meint Rob 1. Ob ich sicher sei, diese Notizen wirklich selbst verfasst zu haben? Wer um alles in der Welt sei „Schroe XIII“?

Ich bin mir selbst nicht mehr sicher. Die Aufzeichnungen scheinen mir fremd, archaisch und grausam. Sollte ich wirklich einst einen behaarten Körper gehabt haben? Einen Jagdinstinkt? Schwer vorstellbar. Vielleicht handelt es sich um die Tagebücher einer Vorfahrin? Rob1 wird namentlich genannt. Auch Mouse1, wenn auch in unwahrscheinlichen Zusammenhängen. Vielleicht ist das Ganze wirklich nur ein Herkunftsmythos. Aber wer ist die Verfasserin? Wer ist Schroe XIII?

Wer bin ich? Rob1 nennt mich seit undenklicher Zeit einfach „Cat 1“.

 

Tag 3

Ein neuer Gedanke:

Indem ich diese Aufzeichnungen mache, ordne ich den Gegebenheiten codierte Werte zu. Meine Codierungen nivellieren die Wahrheitsumgebung. Sie zerstören die benachbarten Wahrheiten.

 

 

Tag 4

Ich habe die alten Aufzeichnungen alle verbrannt. Undenkbar, wenn sie in die Hände von Mouse1 gefallen wären.

Ich bin zwar jetzt sicher, nicht mit „Schroe XIII“ identisch zu sein.

Immerhin könnte man eine ferne Verwandtschaft vermuten und das wäre mir außerordentlich peinlich: Diese Mischung aus primitiver Weltsicht und einer Art von – man kann es nicht anders bezeichnen - Kannibalismus könnte meiner gepflegten Beziehung zu Mouse1 ein für allemal ein Ende bereiten.

Die Frage nach Draußen aber beschäftigt Rob1 und mich nach wie vor. Existiert Draußen? Gibt es intelligentes Leben im Draußen? Solange wir keine Beweismöglichkeiten finden, bleiben unsere Diskussionen allerdings nur im Bereich der reinen Spekulation.

 

Tag 5

Mouse1 hat sich in unseren Diskurs eingeschaltet. Sie behauptet, sie hätte Anhaltspunkte, wonach die Existenz von Draußen nach einer Wellenfunktion berechnet werden könne. Allerdings müssten – nach ihren Berechnungen -  die Objekte der Außenwelt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zur Hälfte zerstört sein.

Ein Beweis aber sei schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Zunächst müsse man einen Durchgang nach Draußen finden. Und dann könne im Bruchteil einer Sekunde alles vorüber sein, wie das Platzen eines Luftballons.

Rob1 neigt mehr denn je zu der Annahme, dass es eine Außenwelt nie gegeben hat.

 

Tag 6

Folgt man den Berechnungen von Mouse1, lässt sich folgendes daraus schließen:

Es muss einen Bereich geben, wo Draußen sowohl tot als auch lebendig ist.

 

Tag 7

Wir haben den Durchgang gefunden und nach Draußen geöffnet.

Kein Grund zur Freude: Die Wahrheit ist, dass wir kein Draußen gefunden haben.

Rob1 ist zufrieden. Mouse1 allerdings meint, das sei kein ausreichender Beweis. Die Öffnung sei vergleichbar mit einer Messung. Bei einer Messung kollabiere die Welle auf „tot“ oder auf „lebendig“. In unserem Fall sei sie eben auf „tot“ kollabiert. Das Platzen eines Luftballons, sie habe es ja prophezeit. Was keineswegs bedeuten müsse, dass es nicht ein lebendiges Draußen gegeben hätte, irgendwann. Oder noch immer gebe, irgendwo.

Rob1 hält das für Sophisterei.

Ich aber denke, wir sollten es noch einmal versuchen.

 

11.10.2004 um 02:10 Uhr

nochmal: Mausoleum

von: lilith

Das Kloster roch wie der Herbst, heimatlich, fragwürdig warm, Schü­lerlachen erfüllte die Räume wieder, blieb vibrierend stehen in der Luft, einen kaum hörbaren schmerzlichen Nachhall hinterlassend.

Wie immer begann das neue Schuljahr mit der Kartoffelernte, schon der Weg zu den Feldern erfolgte nach den Regeln einer langjährigen Tradition, sie zogen in langen Zweierreihen hin­aus, marschierten über die Wiesen, die violett waren von Herbstzeitlosen, den Bach entlang.  Trauerweidenzweige hingen ins Wasser, gelb und rot die vliesförmigen Blätter.

Der Traktor war schon seit dem Vormittag im Einsatz. Er hatte die kleinen Anhänger hinaus­gebracht, die rund um die Felder aufge­stellt wurden. Nun pflügte er lange Striemen in die Er­de, wirbelte die ver­krusteten Knollen hoch, verteilte sie gleichmäßig. Gebückt arbeite­ten sich die Schüler voran, sie mußten die Kartoffeln einsammeln, voll­ständig, bevor der Traktor wie­der zurückkam. Jeder von ihnen deckte eine Breite von drei Metern ab. Ein älterer Schüler folgte in einigem Abstand den Gruppen, kontrollie­rend, ob nichts in der Erde zurück­ge­blie­ben war, während die erwach­senen Aufsichtsorgane an den Feld­rainen den Überblick bewahr­ten und die Einteilungen vornahmen.

Hildegard kam ihrer Aufsichtspflicht nach, langsam wanderte sie um das Feld herum, griff helfend ein, die Kinder arbeiteten stetig, lachten und schrieen, hier im Freien durfte gespro­chen werden, wenn gespro­chen werden durfte, wurde gebrüllt. Eine klare durchlässige Okto­ber­luft trug die Schreie weiter als sonst, überall der Geruch von Kartoffel­kraut, der Himmel war gemalt wie das Blau der Glasfenster.

Gegen Abend lösten sich die Formationen allmählich auf, jeder ein­zelne hatte sein Pensum erledigt, schmutzige Fingernägel und Arbeits­hosen zeugten von Fleiß und Arbeitseifer. Jetzt wurden die Zü­gel schleifend gehalten, der Heimweg wurde nicht geordnet angetre­ten, ein bißchen Austoben hatten sie alle verdient. Manche spielten Fangen zwischen den Ackerfur­chen. Der dicke Richard kämpfte gegen eine Horde Erstklassler. Artur und Engelbrecht saßen am Bachrand, ohne Bedenken, sie waren größer geworden und breiter, selbst Engelbrecht, und er hatte Pickel bekommen auf der Nase. Sie warfen flache Steine ins Wasser und lachten leise über die Feriengeschich­ten, die Artur er­zählte.

Einige knieten und hockten im Kreis in der feuchten Erde, gestikulie­rend, ein aufgeregter Dunst umgab sie, eine Art Gelächter ging von ihnen aus, Gelächter, das Angst verriet und machte. Erstarrt ge­spannt grinsend verfolgten sie ein Schauspiel, es ging um Leben und Tod; es waren die Mäuse, die von den Pflugscharen aufgeworfen wor­den wa­ren, die Kinder hatten sie gefangen und in einen mit Wasser ge­füllten Erdtrichter gesetzt, Mausoleum, sagte Erwin L. aus der Vierten, als Hildegard hinzutrat, keine kommt durch. Hatte eine Maus verzwei­felt schwimmend und kletternd den Rand des Trichters erreicht, wurde sie wieder zurückgesto­ßen, solange, bis sie vor Erschöpfung aufgab und ertrank. Es war ein Gewinnspiel, jeder be­hielt seine eigene Maus im Auge, welche hält am längsten durch. Eine Frage ans Schicksal, ein Orakelspiel, aber keine kommt durch. Hört auf damit, sagte Hildegard, ihre Stimme kippte zwischen Ekel und Faszination, sie wollte schreien; schütteln, schlagen wollte sie die Kinder, Folterknechte, sagte sie, warum quält ihr die Tiere, macht euch das Spaß, ja. Sie be­kamen rote Köpfe, fühl­ten sich pflichtbewußt schuldig, aber betrogen. Das machen wir jedes Jahr, sagte Erwin L., beim Kartoffelernten, das gehört dazu, das haben die Schüler von Kir­chenbrunn schon immer gemacht, ich habe einen Bruder, der war auch hier, der ist zehn Jahre älter als ich, der hat das auch schon gemacht.

Sie konnten sich auf die Tradition berufen, die Tradition war auf ihrer Seite, Mausoleum, das war ein Trichter, der struppige schwarze Mäuse in die Tiefe zog, Jahr für Jahr.

Es waren große langhaarige Feldmäuse, vier Stück, Erwin, Kurt, Rein­hart und Martin, die nassen Fellhaare von Erde verklebt; eine von ih­nen zuckte nur noch ein bißchen, mit dem Bauch nach oben, schlug graubraune Blasentrauben ins schlammige Wasser; aber Erwin hatte es wieder geschafft und den Rand erklommen, zwischen seinen Vorder­beinen klumpte der Dreck. Laßt sie laufen, sagte Hildegard, aber das wäre nicht fair. Wenn er gewinnt, muß ich drei Tage lang mein Bett nicht machen, und er wird gewinnen, er ist der Stärkste. Martin schub­ste die Maus, mit dem Zweig einer Kartoffelstaude drückte er zwi­schen ihre Augen, bis sie das Gleichgewicht verlor und rücklings zu­rück in den Trichter stürzte, quietschend, das gilt nicht, schrie Erwin, du darfst sie nicht verletzen. Hildegard erbrach sich in ein Wachol­der­gestrüpp am Wegrand.

Mausoleum - ja, das ist eine Tradition, sagte Pater Michael, ein ganz al­tes Spiel ist das, wie das Kopfabbeißen, haben Sie das nicht gesehen, sie beißen den Mäusen die Köpfe ab, damit verdienen sie sich Süßig­keiten aus den Paketen ihrer Kameraden. Es gibt richtige Routiniers unter ihnen, die kommen während der Ernte auf zehn, zwölf Mäu­seköpfe, dann haben sie ausgesorgt bis Weihnachten, was wollen Sie denn, Kinder sind eben grausam, und manche von ihnen bekommen überhaupt keine Pakete von zuhause.

 

10.10.2004 um 20:21 Uhr

ermutigungen und wertschätzungen

von: lilith

Stimmung: beschissen

 

Dreh jetzt endlich den Computer ab

Dem David seine neue Handynummer ghörat endlich eingspeichert

Man sollte spazieren gehen

Dir tut immer das Kreuz weh

Jetzt hast du auch noch Nierenschmerzen

Du wirfst mir vor, dass ich ein Workoholic bin

 

Du bist nicht für mich da

Du brauchst ja schließlich auch mein Geld

Der Keller ghört aufgeräumt

Du bist nie für mich da

Seit 15 Jahren belastest du mich

Du glaubst immer, deine Probleme sind die Wichtigeren

 

Du bist egozentrisch

Dir mangelt es an emotionaler Intelligenz

Was issn das für ein Sauhaufen bei den Cds

Du räumst ja nicht einmal die Küche auf

 

Denk mal drüber nach!

 

Warum liebst du mich nicht!

 

Ich räum immer den Plastik-Müll weg

Dabei hab ich genug am Hals in der Firma

Du hast das Schneidbrett nicht abgewaschen

 

Hast du nicht!!!
Das steht immer noch herum!!!

 

Na siehst du!

 

Vielleicht denkst du jetzt endlich darüber nach!

 

 

10.10.2004 um 20:19 Uhr

perspektiven

von: lilith

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10.10.2004 um 20:01 Uhr

für jelinek: perspektiven, die 12.

von: lilith

Ein klagender Ton zieht das Kind Mina aus dem begrenzten Ort seines Leibes heraus, hin­ein in die gebirgsklüftige Materialschaft seiner Großmutter Josefa.

Das verkrüppelte Gehölz der josefinischen Landschaft saugt gierig die jungen Triebe auf. Mina fährt im Leib der Alt­vorderen herum wie einst der Teufel in den Schweinen. Materie existiert nicht, weiß sie. Sie hat lediglich eine Tendenz zu existieren. Darum. Sie wühlt in den Eingeweiden.

Karst, Klüfte, Abgründe, Abgase tun sich auf.

Mina sucht die Herztätigkeit zu synchronisieren. Der Raum ist eine Funktion der Zeit. Und umgekehrt.

Mina durchwandert die Extremitäten. Die Hände sind die Schwachpunkte. Die Großmutter kann sie nicht unter Kontrolle halten. Mina stößt eine Tasse um, knallt dem Kind neben ihr eine gerade Rechte auf die linke Backe und fuchtelt entnervt zwischen welkem Schoß und schlaffen Brüsten auf und ab.

Sie bringt dünne Töne hervor, Insektentöne, indes das Kind - das tut, als ob nichts Wesentliches vorgefallen wäre - sich launisch den niedlich gerundeten Backenknochen reibt. Die Fensterläden klappern, als wollten sie die Natur, die Allesverwe­serin ohne Ablaufdatum, hereinlassen in dieses traute Heim.

Mina Seele zuckt suchend durch kaum noch konturierte Konglomerate, Amorphe, Gemische und begehrt Auslass. Doch an den Rändern verlaufen dennoch Grenzen, gezogen von Gott dem Herrn zur Mäßi­gung seiner Geschöpfe.

Kein Entkommen scheint möglich aus diesen rosaroten Schlüpfern, dem einst dazupassenden vielfach ausgebesserten Unterkleid und der geblümten Kleiderschürze, ärmlich, aber sauber.

Das Kind (Mina? Josefa?) stopft sich derweilen mit Kartoffeln voll, diesen Gottesgaben, die Mutter Erde Jahr für Jahr hervorbringt in Hülle und Fülle. Dann plumpst es vom Sessel und verabschiedet sich mit einer teils bedau­ernden, teils obszönen Geste.

Verlass mich nicht, krächzt Mina durch die Zwischenräume des am Gaumen scheuernden Zahnersatzes, und ihr Zeigefinger bohrt sich ohne weiteres Zutun in ihr linkes Auge, das sich nur notdürftig und gerade noch rechtzeitig schließen lässt, während das Kind vor ihrem anderen Auge zu verschwinden beginnt, seine soeben noch fest umrissene Gestalt allmählich zerfließt, zum Hologramm wird, zu einer gallertig schimmern­den Qualle und schließlich als ein phosphoriszierendes Nichts nur mehr fallweise über den Schwielen des Küchenfußbodens irrlichternd aufblitzt.

 

 

 

06.10.2004 um 23:50 Uhr

jetzt

von: lilith

 

jetzt haben sie ihn

den Mond

gefangen

der wehrt sich
in seinem Sack

 

strampelt bäumt sich

jetzt ist der Himmel
schwarz

 

03.10.2004 um 01:24 Uhr

Flieg!

von: lilith

Die Comtessa hängt die Wäsche auf die Leine. Unterwäsche Oberwäsche Bettwäsche, alles Weiß vor verschlossenem Grün.
Wolfslicht am Nachmittag.
Noch ein Campari-Soda.

Im Zitronenglas schimmert ein Augenfleck, morsche Kristalle,
verblassender Schnee im Glasauge. Der Wind klatscht die Wäsche auf.
Eine Botschaft?
Tränenpfeile und Lichtpawlatschen.
Der gelbe Vogel ist heute morgen steif vor der Gartentür gelegen. Die Comtessa, im schwarzen Cocktailkleid, hat ihn in die hohle Hand genommen.

Leichtgewicht.
Schlüsselbein zu Schlüsselbein.
Eine durchlöcherte Münze werfen, Kopf oder Adler.
Verschlossenes Grabwurzelgrün.

Die Comtessa schluckt den Campari.
Viermal vier rote Pfeile werfen ein zackiges Rosenlicht über den Himmel.
Regenkristalle trommeln die Wäsche.


Flieg, gelber Vogel, sagt die Comtessa.

 

 

 

02.10.2004 um 21:25 Uhr

elefant

von: lilith

 

02.10.2004 um 21:10 Uhr

fallweise ein weißer elefant

von: lilith

 

 

sei mein weißer elefant

sei mein daun im frühen mai:

blaugrün fliegt ein ziesel vorbei

stiehlt ein geißblattspitz

vom wiesenrain

wieselt zwischen ginsterklein

 

sei elf mann im nackten hain

sei aus jade und elfenbein

sei aus indien

sei mein

 

 

 

 

01.10.2004 um 23:10 Uhr

Fluchtarten

von: lilith

 

Zwischen Blick und Bildschirm steigt der grauweiße Rauch in zerrissenen Säulen hoch, im Rhythmus des Tippens. A-Rhyth­mus, ich tippe schlecht aber heftig mit dem Ringfinger der rechten Hand, die Ziga­rette zwischen Zeige- und Mittelfinger. Draußen zwitschert die Amsel, quietscht das Mädchen zurück, stößt schrille Schreie aus. Spiel mit Stimme. Durch die Glaswand fällt das Grün ins Zimmer, das Mädchen wirft kleine Pfeile an den Birkenstamm, äu­ßert Lob und Tadel. Die Amsel kichert und fliegt davon. Das Mädchen lacht, triumphiert und fliegt hinterher.

 

Drei Zigarettenstummel im Aschenbecher und ein bitterer Geschmack unter der Zunge. Zwei leere Zigarettenpäckchen, auf jedem liegt ein kleines Feuerzeug, das eine gelb, das andere lila. Sie liegen schräg über die Adler, parallel zueinander, neben meinem rechten Ellenbogen. Ein Berg Papier zur linken Hand. Knapp über mir die Hänge­lampe. Die metallisierte Kuppe der Glüh­birne wirft ein verzerrtes Bild der Szene auf mich zurück. Mein T-Shirt ist lindgrün. Ich stehe auf, schwinge mich auf die Lampe und klettere ins Spiegelbild.

 

Ein dumpfer Knall gegen die Glastür. Das Mädchen wirft den Ball gegen die Scheibe und fängt ihn wieder auf. Hör auf, rufe ich. Heiß isses! ruft das Mädchen zurück und stößt die Tür auf. Der Ball ist rot mit weißen Punkten. Ich hab Durst, ruft das Mädchen. Ich bearbeite die Tasten. Trinken, jammert das Mädchen. Kühle Luft von draußen. Gibst du mir Schokolade? frage ich. Cap­puccino. Braune Hülle, weiße Fülle. Die Zi­garette in der Rechten. Vier Kippen im Aschenbecher. Sollte eine Entgiftungskur machen. Sondermüll, sagt das Mädchen. Sie zerknüllt mich und wirft mich in den Mistkübel.