fiktive tagebücher: von lilith

30.11.2004 um 01:31 Uhr

gebet

von: lilith

 

Vater unser

der du bist im Himmel, dein Schoß ist wie ein Weizenhaufen, deine beiden Brüste sind wie die Zwillinge einer Ricke, geheiligt werde dein NAME, dein WILLE geschehe, der liebe Gott sieht ALLES, aber das finde ich unanständig, sagte das kleine Mädchen

Ich möchte nicht geboren werden

im Namen des Vaters, die Erde ist ein Jammertal, das Weib soll in der Kirche schweigen, sagte der Heilige Paulus, unser tägliches Brot gib uns heute, und gib es auch den

HOTTENTOTTEN, und verschone uns vor den Tigern, den Drachen und den KROKODI­LEN, und vergib uns unsere SCHULD

WIE AUCH WIR

VERGEBEN

 

23.11.2004 um 01:27 Uhr

Der Heide

von: lilith

 

Er hieß Bruder Claudius, ein Name der gar nicht zu ihm passte, Hildegard nannte ihn Edwin. Edwin war groß und breit, ein rotblonder Hüne mit riesigen Händen und gekräuselten Haaren auf den Unterarmen. Einen Strauß gelber Narzissen in der Hand stand er in der Tür und sah an Hildegard vorbei zum Fenster. Er war nicht schüchtern, er war blind, Hildegard blickte in zwei Augen aus Milchglas. Ungelöschter Kalk, sagte er, ich kann Sie nicht sehen, Willkom­men in Kir­chenbrunn. Hildegard nahm ihm die Blumen ab, sie nahm seine Hände und legte sie über ihr Ge­sicht. Danke, sagte sie. Danke, Edwin. Ich bin Bruder Claudius, sagte er. Wann ist das passiert mit dem Kalk, fragte Hildegard. Vor sieben Jahren, sagte Edwin, seine Hände strichen behutsam über ihre Augen, zogen die Linie der Backenknochen nach, verweilten kurz auf dem Nasenrücken, eine Sekunde, zwei, ganz flüchtig dann die Begegnung mit ihren Lippen, Hildegard lächelte ein Begrüßungslächeln. Der Geruch von Erde blieb hängen in ih­rem  Gesicht.

Hildegard stellte die Blumen in ein Wasserglas. Der blinde Riese stand schwei­gend mit dem Rüc­ken zum Fenster, ein höflicher Gast. Die Zweige eines noch kahlen Hasel­nußstrauches hinter der Scheibe umrahmten seinen mächtigen Schädel, der im Gegenlicht dem eines Widders glich mit zwei gewaltigen gebogenen Hörnern. Während sie ihn ansah, verlor sich allmählich ihr Gefühl der Verlassenheit, spürte sie, wie eine durchwegs heidnische Zuversicht sie ergriff.

Der Klostergarten ist eine Monade im Universum. Zwischen den Gewächshäusern knirschte der Kies, spritzte von Schuhen auf Glas, vom Glas auf Edwins schwarze Kutte. Fröstelnd be­merkte Hildegard, daß er keine Socken trug unter seinen Sandalen. Die Sonne hatte heute den Früh­lingspunkt durchlaufen, unbemerkt, der Himmel war immer noch verhangen, die Luft war kalt, aber der Garten deutete bereits seine Erneuerung an; an den Zweigen der Bäume und Sträucher schimmerte es hellgrün und zwischen den strohiggelben Grasflecken des Vor­jahrs sprossen schon die jungen Halme hervor. Hildegard folgte dem Blinden auf von Blu­menbeeten gesäumten Wegen, vorbei an den Glashäuser, worin Edwin seine jungen Pflänz­chen zog, durch Obst- und Weingärten. Feingestampfte schmale Stege trennten die einzelnen Gemüsebeete voneinander ab, deren lockere schwarze Erde die weißgekalkte Mauer wie eine Bordüre begrenzte. Halbwild der hintere Teil des Gartens: Hier wucherte Heckenrosen- und Brombeergestrüpp zwischen alten Laubbäumen, die Mauerreste verfallener Gebäude trieben junge Zweige hervor, ein grünschlam­miger Tümpel beherbergte allerlei amphibisches Getier. Der Blinde hält Ordnung in seinem Reich. Abwechselnd befehligt er je zwei Schüler, die ihm während der vorgeschriebenen Arbeitszeit ihre Augen leihen. Die Schüler lieben Bruder Claudius, jäten Unkraut, füttern die Hühner mit Begeiste­rung. Er erkennt jeden Einzelnen an der Stimme.

 

 

19.11.2004 um 03:04 Uhr

galgenlied

von: lilith

 

hastet hässlich

verzweigt mich nicht

mogelt am mangelmast

 

ist krawall

ist grund genug

eine grantige krähe

am galgenbaum

 

19.11.2004 um 02:55 Uhr

widersprüche

von: lilith

 

Der Hosennahtmesser am Häferlgrill
prahlt lautlos.

Ein Ordnungstopfhalter
errichtet Planquadrate

im Eierkreuz.

 

18.11.2004 um 02:12 Uhr

Wider Sprüche

von: lilith

 

Einer Sache ins Auge blicken - blicklos sachen.

Aus der Hüfte schießen, mutig vorwärtseilen, zögernd stehenbleiben, in den Himmel schau­en.

Insekten vertilgen, Löwenzahnstängel aus der Erde reißen - den Bach hinuntertreiben, die Vögel singen lassen.

Halleluja singen?

Loben und Preisen und Weh Klagen und Zähne Knirschen.

(Heulen, ein verheultes Gesicht verbergen ...)

Eine gestreifte Zuckerstange lutschen, im Strandkorb liegen.

Den Buckel runterrutschen, bremsen.

 

Einen Blick in die Sache äugen.

 

 

18.11.2004 um 02:07 Uhr

Fliegen. Notlanden.

von: lilith

 

Hand in Hand die Wand entlanggehen, Haut um Haut, langsam. Den Widerstand spüren. Im gleichen Schritt gehen, den Kreis beschreiten, sich höher wenden.

An der Decke hängen, schaukeln, allmählich abheben, durch den Raum gleiten, fliegen.

 

Notlanden.

 

11.11.2004 um 01:08 Uhr

Der Bär

von: lilith

Die Eisverkäuferin war jung und hübsch und hatte fast nichts an. Blondes Haar fiel weich auf ihre Schultern. Eine blau-weiß gestreifte Markise schützte sie vor der Sonne, zog eine Schattengrenze unter ihre Augen, quer über ihr Gesicht.

Ich möchte das grün-weiß gesprenkelte Pistazieneis, sagte die Frau und deutete darauf, und das braun-weiß gesprenkelte Haselnusseis. Sie suchte nach Geld in den Taschen ihrer Jeans, drei goldene Taler, die so groß waren wie ihre Handteller, und eine kleine Silbermünze. Die Eisverkäuferin betrachtete  die einzelnen Münzen prüfend, steckte sie zwischen die Lippen und biss darauf. Bedauernd schüttelte sie den Kopf.
Die Frau schob sie zurück in die Hosentasche. Ihre Blicke wanderten hin und her zwischen dem grün- und dem braun-weiß Gesprenkelten.

Leichter Wind war aufgekommen und bewegte sachte die Markise. Zugleich bemerkte die Frau eine Veränderung im Gesicht der Eisverkäuferin, eine Art Furcht in ihren Augen, die auf etwas gerichtet schien, das hinter dem Rücken der Frau vorging. Ohne den Blick zu lösen, zog die Eisverkäuferin ein schweres Tuch hinter dem Ladentisch hervor, schlang es um ihre bloßen Schultern und verknotete es über der Brust.
Zieh das Hemd über die Arme, flüsterte sie der Frau zu. Die Aufregung der Eisverkäuferin hatte sich der Frau mitgeteilt, fieberhaft zerrte sie an den Ärmeln ihres T-Shirts, während sie den Kopf wandte und nach hinten schielte. Sie erblickte zwei Frauen, die sie böse anstarrten. Die Ärmel des T-Shirts wurden länger und länger, während die Frau daran zog, bis sie schließlich ihre Arme zur Gänze bedeckten. Sie seufzte erleichtert auf und wandte den Kopf wieder zurück.
Aber die Eisverkäuferin war verschwunden.

Ein strahlender junger Mann rührte mit der Eiszange im Himbeereis, weiße Zähne blitzten  aus der Bräune seines Gesichts. Pst, machte er, und das Himbeereis schmolz zusehends.

Der Wind wurde stärker, klatschte die Segeltuchmarkise gegen das metallene Gestänge. Was haben Sie mit dem Mädchen gemacht, fragte die Frau. Mit welchem Mädchen denn? Der Mann. Er zog die Zange aus dem Himbeereis und leckte sie schmatzend ab. Köstlich, köstlich, sagte er. Dann klappte er den Deckel darauf, auch auf die anderen Eisbehälter klappte er die Deckel, einen nach dem anderen, klapp, klapp, klapp, klapp, klapp.
Die Frau betrachtete ihn mit zusammengezogenen Brauen. Die junge Eisverkäuferin, insistierte sie, wo ist sie geblieben? Tun Sie doch nicht so geheimnisvoll.
Aber das ist mein Job, sagte der Mann. Er kam hinter dem Verkaufstisch hervor, zog rasselnd die Rollläden über die gläserne Eistruhe und versperrte die kleinen Vorhängschlösser, die daran angebracht waren. Kommen Sie mit, forderte er die Frau auf. Ein Auftrag des Geheimdienstes. Ich habe eine Fährte. Und er schnupperte an der Frau herum.

Wie soll ich jetzt bloß zu meinem Eis kommen, sagte die Frau verzweifelt. Ich möchte das grün-weiß gesprenkelte Pistazieneis und das braun-weiß gesprenkelte Haselnusseis.
Der Wind fuhr ihr zwischen die Beine und zerrte an ihrem Hemd.
Der Mann lachte. Pistazieneis! Haselnusseis! Er spuckte verächtlich. Wo bleibt ihre Kinderstube, gute Frau! Die Frau spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Da kam sie auch schon, die Kinderstube, schraubte sich aus dem Boden herauf, drehte und wendete sich, so dass sie von allen Seiten betrachtet werden konnte: das weiß lackierte Gitterbett,  die Decke mit den rosa Blümchen, das kleine blaue Kissen, die abgenützten Puppen und Kuscheltiere, der hölzerne Küchentisch mit der Resopalplatte, auf der die zerlesenen Bilderbücher lagen, und der große Teddybär mit dem weichen Fell, dem das eine Ohr fehlte, weil sie es ihm abgerissen hatte.

Der Mann stürzte sich sogleich auf den Teddybären, packte ihn am Kragen und riss ihm das andere Ohr ab.
Was machen Sie denn da, schrie die Frau verzweifelt.
Er ist schuldig im Sinne der Anklage, sagte der Mann.
Die Frau überlegte fieberhaft, während der Teddybär immer größer und größer wurde, sein Fell immer länger und zotteliger, bis er schließlich den Mann um Haupteslänge überragte.
Sehen Sie nur, sagte der, leugnen Sie immer noch, dass das Biest gefährlich ist?
Der Wind war jetzt zu einem richtigen Sturm angewachsen, der an den Bäumen rüttelte und in den Ohren dröhnte. Die Frau klammerte sich an die Gitterstäbe des alten Kinderbettes.

Sie erinnerte sich.
Der Bär hatte im vorderen Hofzimmer gewohnt. Er war auf zwei Beinen gegangen und immer sehr höflich gewesen. Einmal hatte sie ihn besucht, da hatte er zur Begrüßung ihre Hand in seine rechte Pfote genommen und sie dann plötzlich zwischen seine Zähne geschoben. Da war sie sehr erschrocken gewesen und hatte nicht gewagt, die Hand zurückzuziehen. Der Bär aber hatte immer fester zugebissen.
Warum haben Sie denn nicht geschrieen, forschte der Mann.
Ich wusste doch nicht, was es bedeuten sollte, sagte die Frau. Ich konnte es gar nicht glauben. Er war immer so freundlich gewesen.

Und was geschah dann? Die Frau schwieg. Antworten Sie, sagte der Mann.
Die Frau schüttelte den Kopf und rang nach Luft. In ihrem Bauch rumorte es. Sie riss den Knopf ihrer Jeans auf und öffnete den Zippverschluss.

Ich muss jetzt sofort mein Eis bekommen, jetzt sofort, sagte sie und stampfte mit den Füßen. Grün-weiß gesprenkeltes Pistazieneis und braun-weiß gesprenkeltes Haselnusseis! Es ist das einzige, was mich noch retten kann!
Inzwischen tobte der Sturm. Er fuhr unter die rosa geblümte Bettdecke, hob sie hoch und fegte sie über den Platz. Plötzlich riss sich der Bär los und hieb mit seiner schweren Tatze auf den Mann ein, bis dieser zu Boden ging. Dann stürmte er davon.
Sehen Sie, was angerichtet haben, ächzte der Mann. Sein rechtes Auge war blutunterlaufen. Seine Zähne blitzten, aber es sah nicht mehr freundlich aus. Die Frau ließ die Gitterstäbe los und wich langsam zurück.
Knarrend und quietschend drehte sich die Kinderstube in den Boden zurück, während der Mann und die Frau mit gesenkten Köpfen dem verschwindenden Kreisel nachblickten.

Als die Frau den Kopf wieder hob, war auch der Mann verschwunden. Der Sturm hatte aufgehört und einen drohend braunen Himmel zurückgelassen. Vielleicht hat sich der Mann an die Verfolgung des Bären gemacht. Aber er hat mir die Geschichte doch gar nicht geglaubt. Hatte sie den Bären getötet? War der Bär vielleicht nur der Geist des Bären gewesen, der zurückgekommen war, um Rache zu üben?
Ein Knacken hinter ihr ließ sie aus ihren Überlegungen aufschrecken. Da, noch eines, wie das Aufschnappen eines Vorhängschlosses - die Eisverkäuferin war zurückgekommen! Schnell zog die Frau den Zippverschluss ihrer Hose hoch und schloss den Knopf.

Der Eisstand war verlegt worden, im Auftrag des Geheimdienstes, die Frau wusste Bescheid.
Er lag jetzt am Absatz einer Treppe, die heraufführte aus den Tiefen der Kinderstube.
Und die Eisverkäuferin war ein fettes altes Weib geworden, das eine weiße, von gelben Flecken ganz übersäte Kleiderschürze trug und ein ebensolches Kopftuch. Das Pistazieneis, sagte die Frau außer Atem, endlich, und kramte wieder ihre Münzen hervor. Die fette Eisverkäuferin griff gierig danach und warf sie ohne hinzusehen scheppernd in die Kasse. Pistazieneis gibt es nicht mehr, sagte sie und fuchtelte mit der Zange durch die Luft, was sonst? Die Frau deutete auf den Becher mit dem grün-weiß Gesprenkelten. Das ist aber Vanilleeis, sagte die Eisverkäuferin und rührte mit der Zange darin herum, geronnenes Vanilleeis, ein bisschen verdorben schon, aber essen kann man es noch. Sie verrührte das grün-weiß gesprenkelte, bis es gelblich-grün geworden war. Die Frau schüttelte den Kopf. Dann eben nur Haselnusseis, wollte sie sagen, aber das Wort Haselnusseis wollte ihr nicht mehr einfallen. Sie suchte es unter den offenen Behältern, konnte es aber nicht finden.

Plötzlich heulten rundherum die Sirenen los, während links und rechts schon die Bomben aus dem braunen Himmel niedergingen und wie aufgeblasene Luftballons zerplatzten.
Als die Frau wieder zu sich kam, lag sie auf einer vertrockneten Wiese, neben ihr floss ein schlammiges Rinnsal, kaum zwei Meter breit. Am anderen Ufer lag der Mann und rührte sich nicht. Als die Frau sich aufsetzte, fiel ihr Blick auf ein im Wasser liegendes Bündel. Die Eisverkäuferin! Aber sie war kaum noch zu erkennen, so geschrumpft war sie. Die Frau hob sie vorsichtig aus dem Wasser heraus und legte sie in die Wiese. Ihr Gesicht sah grauenhaft aus, verzerrt und verschrumpelt wie ein alter Wurzelstock. Der Mann sah plötzlich herüber zu ihr. Das dürfen Sie nicht! zischte er. Die muss da drinnen bleiben. Die Eisverkäuferin gab eine Art Rülpser von sich. Aber sie lebt doch noch, sagte die Frau. Obwohl die Eisverkäuferin nur mehr sehr entfernt an einen lebendigen Menschen erinnerte. Was soll ich bloß mit ihr machen, dachte die Frau. Ich kann sie doch nicht ins Wasser zurückwerfen, solange sie noch Lebenszeichen von sich gibt. Sie spürte das heftige Verlangen, die Eisverkäuferin mit dem Gesicht ins Wasser zu drücken, bis sie endgültig tot wäre. Aber das konnte sie nicht tun. Der Bär, dachte sie, irgendwo muss doch noch der Bär unterwegs sein. Vielleicht frisst er ja die Eisverkäuferin.
Aber die Frau wusste nur zu gut, dass der Bär, wenn er noch unterwegs war, es ausschließlich auf sie selber abgesehen haben konnte.

 

 

07.11.2004 um 01:47 Uhr

Der gelbe Vogel

von: lilith

 

Okay, Mister! fünfzehn Minuten, Mister! - das  schwarze Gesicht nickte, grinste ein beruhi­gendes Lächeln und verschwand aus der Fensteröffnung ins Innere des Flughafenge­bäudes.

Sebastian lehnte sich vorsichtig gegen die fleckige Betonwand.

Schau, Großmutter, sagte er. Ein Papagei. Oder ein großer Kanarienvogel?

Der große gelbe Vogel landete in einigem Abstand auf dem staubigen Asphalt. Er hüpfte wichtig auf und nieder, plusterte sein Federkleid auf und gab kehlige Laute von sich.

Wie Roberto, sagte Sebastian. Weißt du noch, wie der fluchen konnte? Schisko­jedno. Verdammte Scheiße. Herrgottnochmal. Deutsch und Polnisch und Jiddisch.

Er lachte.

Verkauft haben sie ihn, wie sie dahintergekommen sind, die feige Bande.

Der Vogel kam ein paar Hüpfer näher. Sebastian nahm die Hand aus der Hosenta­sche und streckte sie ihm entgegen.

Ficken! Scheißkerl!, lockte er ihn mit leiser Stimme.

Nur die alte Dame hat ihn verstanden, was Großmutter? Nur du und ich. Aber du hast nichts verraten.

Die alte Dame saß mit halb überkreuzten Beinen im Rollstuhl, hielt die Augen halb ge­schlossen und antwortete nicht. Sebastian blickte nervös auf seine Arm­banduhr. Mit der Spitze seines Schuhs scharrte er ein paar kleine weiße Steine zu einem ordentlichen Häufchen zusam­men. Der Vogel schien das kratzende Geräusch nicht zu mögen und entfernte sich wie­der ein Stück.

Ich glaub nicht, daß er ein Papagei ist, murmelte Sebastian. Er ist anders als Roberto. Kleiner. Gelber. Sein Schnabel ist anders geformt.

Die alte Dame nickte ein wenig mit dem Kopf.

Sebastian trat schnell einen Schritt auf sie zu und legte seine Hand auf ihre Schul­ter.

Du bist kleiner ge­worden, Großmutter, stellte er fest.

Er zuckte die Schultern.

Ich kann nichts dafür, Großmutter: Sie nehmen uns hier nicht. Sie können uns nicht neh­men. Es ist Freitagabend. Sie feiern das Fest der Datumsgleiche. Und morgen ist Sonntag. Da bleiben sie zuhause und schlafen mit ihren Frauen. Sie spielen Fußball mit ihren Kin­dern. Und sie besuchen die Verwandten. Sie haben massenhaft Verwandte.

Wieder nickte sie ein wenig. Der junge Mann beugte sich zu ihr hinunter und nahm ihre Wan­gen, die immer noch fest waren, behutsam in seine beide Hände. Ihre hohen Backenknochen waren blutleer und olivgrün, das weiße, sorgsam in der Mitte gescheitelte Haar im Nacken zusammengebunden und zu dem üppigen Knoten hochgesteckt, der jetzt nicht zu sehen war, da er unter einem dun­kelblauen, unterm Kinn gebundenen Sei­dentuch versteckt war. Ein wenig Feuchtigkeit schimmerte durch die feine Puder­schicht auf Stirn und Nase. Sebastian zog ein Taschentuch aus seinem Jackett und tupfte ihr zärtlich das Gesicht ab.

Margarita de Rosenzweig de Olloqui-Diaz, sagte er langsam, du bist eine sehr schöne Frau.

Auf seiner Oberlippe standen ein paar feine Tröpfchen. Er steckte das Taschentuch wie­der zurück.

Im Fenster erschien die cremefarbene Hemdbrust des freundlichen Schwarzen.

Allright, Mister?

Sebastian richtete sich auf.

Allright, sagte er.

Das Flughafengebäude war ein einstöckiger Betonkasten mit flachem Blechdach. Es gab eine Rollbahn und einen Richtturm, weiter draußen. Im Süden, gleich neben dem Flughafen, lag das Meer. Hier draußen war es kühler als im Innern des Hauses. Ein leich­ter Wind kam vom Meer herein. Und das schmale Vordach gab einen Streifen Schatten.

Der Beamte nickte, machte eine unbestimmte Handbewegung und verschwand wieder.

Achzehn Uhr fünfundvierzig. Aus dem Fenster drang das Geplärr eines Radios, Countrymusic. Pferdegetrampel. Das lockerte ein wenig die Muskeln.

Gut, daß die deutsche Ärztin im Flugzeug gewesen ist, wandte sich Sebastian wie­der seiner Großmutter zu. Sie hat uns sehr geholfen. Die unerfreulichen Details. Die hy­genischen - undsoweiter - entschuldige Großmutter. Ohne sie hätte ich nicht gewußt - Er zog ein gefaltetes Blatt aus seiner Brusttasche.

..., 21. August, sechzehn Uhr zehn. Herzversagen. Zehn Minuten nach dem Start von den Fidjis ... wir haben Whiskey getrunken, on the Rocks. Wir haben gelacht, über den Stewart ... er war so feierlich ...

Herzversagen, wiederholte er kopfschüttelnd, wäh­rend er vor der alten Dame auf und abging, mit gesenktem Kopf, in der linken Hand das flatternde Stück Papier.

Gelandet sind wir am 20. August. 2 Stunden später. Freitagabend, kurz vor Sonnen­unter­gang. Ein Mann mit seiner toten Großmutter, die erst morgen sterben wird. Am Sams­tag um sechzehn Uhr zehn. Kein Wunder, daß sie uns nicht einrei­sen lassen wollten.

Der gelbe Vogel schien sich an das ungleiche Paar gewöhnt zu haben. Er hopste näher an die alte Dame heran, ruckte neugierig mit dem Hals und pickte schließlich vorsichtig in eine ihrer feinen weißen knöchelhohen Lederstiefletten.

Hau ab, frecher Kerl, sagte Sebastian.

Vielleicht ist er doch Roberto. Vielleicht erkennt er dich wieder. Vielleicht ist er ja durch Zufall hierher verkauft worden ...

Verdammte Scheiße. Was, Roberto? Gottverdammte Scheiße.

Der Vogel krächzte zustimmend.

Morgen ist nämlich gar nicht Samstag. Morgen ist Sonntag. Der 22. Heute Nacht wird das Datum korrigiert. Damit alle Inseln wieder unter einem Datum stehen. Der Samstag fällt diesmal aus, auf behördlichen Beschluß. Du würdest also, behördlich gese­hen, gar nicht sterben, Großmutter ...

Er blieb vor dem Fenster stehen und lauschte ein wenig den Westernklängen.

Kein Wunder, daß sie die Nase voll haben, redete er ins Zimmer hinein. Niemand reißt sich um Scherereien. Sie sind sowieso sauer, daß ein freier Tag aus­fällt. -

Erst wollten sie dich ja in die Leichen - in die Aufbahrungshalle bringen. Aber dazu hätten sie deinen Paß abstempeln müssen. Und das wollten sie nicht. Hier am Flughafen gibt es so eine Art Kühlraum. Aber das Ag­gre­gat ist ausgefallen. Und vor Montag kann es nicht instand gesetzt werden ...

Der Papagei erhob sich plötzlich, flatterte eine Weile stehend in der Luft, schwirrte laut mit den Flügeln, und landete dann, ebenso plötzlich, auf der Schulter der alten Da­me, deren ohnehin labiles Gleichgewicht dadurch erheblich gestört wurde. Ihr Ober­körper schwankte eine Weile wie fragend hin und zurück, ehe er sich ent­schied, in die Rücken­lehne des Rollstuhls zu sinken, wobei der Kopf ruckartig nach vorne kippte und mit dem Kinn auf der Brust nickend zu liegen kam. Sebastian sprang schnell auf sie zu.

Verschwinde, Roberto!

Der Vogel plumpste hastig zurück auf den Boden. Er kicherte gurrend.

Noch eine Viertelstunde, Großmutter, beschwichtigte sich Sebastian. Dann haben wir es überstanden. Im Flugzeug wird es schön kühl sein. Wir werden Whiskey trin­ken -

Er richtete den Kopf der alten Dame wieder auf, rückte ihn gerade und streichelte ihre Augen­lider.

Ich muß dich noch ein wenig hübsch machen, fuhr er fort, während er in ihrer Hand­tasche nach Puder und Rouge suchte. Damit niemand mißtrauisch wird. - Zum Glück hat die deutsche Ärztin uns den Rollstuhl organisiert. Zum Glück - er tupfte die rosa Paste vorsichtig auf die fahlen Backenknochen - zum Glück gibt es heute noch einen Flug hier raus. Er suchte nach Lippenstift. In sechs Stunden - mach den Mund mal spitz - er drückte mit den Fingern die Lippen der alten Dame zurecht, während er mit der ande­ren Hand die Farbe darauf ver­teilte - in sechs Stunden sind wir zurück in Mexiko-City. - Und dann -

Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie prüfend. Sie sah gut aus, ein wenig müde vielleicht, aber gut. Eine vornehme alte Dame.

Was sagst du dazu, Roberto?

Auch der Papagei schien zufrieden. Er watschelte noch einige Male um sie herum. Dann krächzte er einen kurzen Abschied und flog davon. Sebastian blickte ihm nach, bis er nicht mehr zu sehen war.

Am Himmel wurde ein silbernes Pünktchen sichtbar, das schnell näherkam.

Da ist es, Großmutter. Das Flugzeug.

Er klappte die Handtasche zu und legte sie der alten Dame in den Schoß. Sie schläft, würde er sagen. Die Hitze macht ihr ein wenig zu schaffen, wissen Sie -

Er straffte den Rücken. Entschlossen packte er den Rollstuhl bei den Haltegriffen und schob ihn vorsichtig ein Stückchen vorwärts. Die alte Dame schwankte nur ganz wenig. Sie saß erstaunlich aufrecht. Ein hoheitsvoller Ausdruck lag über ihrem Antlitz, so als wüßte sie, was von ihr verlangt wurde. Wenn sie erst in der Luft waren, konnte nichts mehr schiefgehen.

Du wirst zuhause sterben, Großmutter! schrie Sebastian.

 

 

 

 

06.11.2004 um 23:09 Uhr

notiz

von: lilith

 

bleib erschütterbar und widersteh

 

 

03.11.2004 um 20:38 Uhr

Mari, um 1900

von: lilith

Tonk. – Tonk. – Tonk.

Mari springt vom letzten freien Tisch. Die anderen Tische sind von den Stühlen besetzt.

Mari sollte die Stühle auch auf diesen letzten Tisch verkehrt herum draufstellen und dann den Boden wischen. Das macht sie sonst immer. Heute macht sie das nicht. Sie steigt von einem Stuhl auf den Tisch und springt: Tonk. Noch einmal. Und noch einmal. Und wieder. 36. 37. 38. 39. 40. Ihre Achselhöhlen sind feucht.

Du musst springen, hat der Mirgasch gesagt. 100 Mal, 200 Mal. Dann geht es weg.

59. 60. 61. 62. 63. Mari fasst sich zwischen die Beine. Kein Blut, noch immer kein Blut. Sie steigt auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Tisch. Sie springt, mit beiden Beinen, versucht nicht abzufedern, die ganze Kraft soll in den Bauch hinein. Der Mirgasch ist lieb, denkt sie. Er hört mir zu, er redet mit mir. Er kann mir nicht helfen.

96. 97. 98. 99. Jetzt sollte es endlich kommen. Der Mirgasch ist auch ein Angeheiratetes, wie sie. Die Angeheirateten haben es alle nicht leicht, aber die Mädchen haben es noch schwerer. Der Mirgasch muss genauso viel arbeiten und kriegt genauso wenig zu essen. Aber die Dorfhur muss er nicht sein.

123. 124. 125. Noch immer kein Blut. Die Mari ist die Dorfhur, seit sie 12 ist. Der Stiefvater hat gesagt, jetzt ist es aus mit der Großzügigkeit, jetzt geht sie ins Wirtshaus arbeiten und verdient sich ihren Unterhalt selber. Die verdient sich ihr Essen eh als Kindsmagd, hat die Munter gesagt. Da muss sie nicht auch noch ins Wirtshaus! Dann hat der Stiefvater die Mutter geschlagen und Mari ist ins Wirtshaus arbeiten gegangen, obwohl die Mutter Recht gehabt hat. Mari hat immer schon ihre drei kleinen Halbbrüder gehütet. Gewindelt, gefüttert, mit ihnen gespielt. Das hat sie gern gemacht, sie mag kleine Kinder. Jetzt hat sie schon zwei eigene. Aber die haben sie ihr weg genommen.

206. 207. 208. „Gemeindekinder“. Der Franz ist zwei und die Anna neun Monate. Der Franz ist vom Stiefvater, das hat sich auch die Mutter ausrechnen können. Bei der Anna kommen mehrere Väter in Frage. Der alte Achter, der sie immer am Nachhauseweg abfängt oder der Schmied mit seinen schmutzigen Händen.

246. 247. 248. 249. Endlich fühlt sie sich ein bisschen feucht an. Höchste Zeit, lang kann sie eh nimmer. Sie hockt sich auf den Boden und lehnt sich an den Tischhaxn. – Jetzt ist es mehr als feucht, es rinnt aus ihr heraus. Gut. Zu viele Väter dieses Mal, seit der Wirt Geld dafür nimmt. Und behalten hätte sie es ja wieder nicht dürfen.

 

Sie wird mit dem Mirgasch weg gehen und eine Familie gründen.

Es rinnt jetzt sehr stark, das Blut.

Aber das ist gut.