fiktive tagebücher: von lilith

18.02.2005 um 01:32 Uhr

pause

von: lilith

ich verabschiede mich - mit einem meiner lieblingstexte -  bis mitte märz.

 

bis dann, mit hoffentlich neuen texten!

danke für eure treue :)

lilith

 

 

 

 

18.02.2005 um 01:24 Uhr

schrödingers katze

von: lilith

Tag 1

Heute bin ich in Kiste XIII eingezogen.

“Kiste XIII“ ist natürlich längst keine Kiste mehr, wir nennen sie lediglich so, in Erinnerung an Kiste I, die in der Tat eine einfache Holzkiste gewesen sein soll. Schroe I, bekannt geworden als „Schrödingers Katze“, soll darin eine Zeitspanne von 12 Stunden verbracht haben. Als sie schließlich befreit wurde, befand sie sich in einem merkwürdigen Schwebezustand, was die Theorie des Professors sowohl bestätigte als auch widerlegte: Obwohl sie kaum noch Lebenszeichen von sich gab, konnte sie auch nicht endgültig für tot erklärt werden. Fernöstliche BeobachterInnen führten das auf den sogenannten Jogi-Effekt zurück, TierschützerInnen auf eine Art Trauma, was sie zu scharfen Protesten veranlasste. Aufgrund der deshalb verschärften Auflagen war Kiste II ungleich geräumiger und mit einer Futtervorrichtung sowie einer Abfallbeseitigungsanlage ausgestattet. Um den Aufwand zu rechtfertigen, wurde das Experiment auf einen Zeitraum von 12 Tagen ausgeweitet. Geändert hatte sich allerdings nicht viel. Als sie Schroe II befreiten, zeigte sie ähnliche Symptome wie Schroe I. Ihre Körpertemperatur betrug 10° Celsius, ihr Pulsschlag war kaum noch messbar. Wieder liefen Tierschutzorganisationen Sturm, wieder wurde an einer Verbesserung der Bedingungen gearbeitet.

Mein eigenes neues Heim ist höchst komfortabel. Ich besitze ein 500 m² großes Gelände, inklusive Gartenanlagen, Vorratskeller, etc. Frischwasser und -luft sind seit Langem selbstverständlich, ebenso wie der Anschluss ans Internet. Des weiteren wurden mir drei Gefährten beigegeben: Rob2 ist für die Hauswirtschaft zuständig, Rob1 für die Erfassung der Daten und die Kommunikation nach draußen, Robcat soll meinem Vergnügen dienen.

Mein Name ist Schroe XIII, ich bin also die 13. ForscherInnengeneration nach Schroe I-XII. (Nicht im biologischen Sinn, versteht sich. Wir werden nach einer Reihe von Gesichtspunkten sorgfältig ausgewählt.)

Wir schreiben das Jahr 2030, heute ist der 1. Dezember.

Da ich vermutlich mehrere Jahre hier zubringen werde – die Dauer des Experiments ist noch nicht festgelegt – werde ich mir erlauben, meine eigene Zeitrechnung zur Anwendung zu bringen.

 

Tag 2

Rob2 kocht ganz ordentlich. Gestern gab es Lachs mit Mayonnaise und als Nachspeise Vanillepudding, heute eine köstliche Rinderpastete und danach eine Portion Sauerrahm mit Zucker.

Zudem besitze ich eine kleine exklusive Mäusekolonie, damit mein Jagdinstinkt nicht verkümmert. Ich spielte zum Zeitvertreib ein bisschen mit ihnen herum, knackte das eine oder andere Tier auf, gefressen habe ich sie natürlich nicht.

Robcat allerdings ist  eine Enttäuschung. Er geht mechanisch ans Werk, lässt jegliche Phantasie vermissen und ist außerdem zu schnell fertig. Aber ich will nicht klagen. Seine biologischen Vorbilder sind auch nicht wesentlich besser und vielleicht ist er ja lernfähig.

 

Tag 3

Ich fühle mich ein wenig müde heute, trotz guter Nahrung und ausreichend Bewegung. Rob1 hat eine Reihe von Daten erfasst, stellt unaufhörlich Berechnungen an und leitet sie mittels Internet nach draußen. Ich dachte, es könnte nicht schaden, wenn auch ich meinen Geist ein wenig trainiere. Also zählte ich meine Mäuse (eine ziemlich aufwändige Sache!) und erstellte mit Rob1s Hilfe eine Fortpflanzungs-Statistik. Ich werde eine Menge Zeit in die Jagd investieren müssen!

Die an meinem Körper befestigten Messgeräte sind teilweise sehr lästig, aber ich denke, ich werde mich daran gewöhnen.

 

Tag 5

Gestern ein fauler Tag, keine Lust auf Jagd oder Sex. Robcat hat sich als nicht lernfähig erwiesen, so ist Letzteres nicht weiter schlimm.

Die Jagd allerdings sollte ich zur regelmäßigen Pflicht erheben, damit die Mäuse nicht zur Plage werden. Doch solange Rob2 so ausgezeichnete Speisen auf den Tisch bringt (heute: Wildragout! Himbeereis!), fehlt mir dazu ein wenig der Antrieb.

 

Tag 17

Nun, da die ersten Anpassungsschwierigkeiten gemeistert sind, wird es höchste Zeit, mich wieder meinen Aufzeichnungen zu widmen.

Es gab ein paar Probleme mit der Tageslichtsimulation, was vermutlich der Grund war, dass meine Robs Tag 6-9 verschlafen haben. Ich muss gestehen, dass auch ich selbst nur wenige wache Phasen hatte, während derer ich weder Hunger noch Lust auf Bewegung verspürte. Meine Körpertemperatur schien mir merklich herabgesetzt, mein Puls deutlich langsamer als normal, was Rob1 – nachdem es mir gelungen war, sie zu wecken – bestätigte. Auch die Mäuse zeigten sich selten.

Wir haben beschlossen, die Zeit ein wenig zu dehnen, so dass ein Kisten-Tag nun in etwa zwei Draußen-Tagen entspricht. Seither sind wir besser abgestimmt. Nur die Mäuse wirken immer noch so benommen und apathisch, dass ich meine Fortpflanzungsstatistik ernsthaft in Zweifel ziehen muss.

Draußen haben sie jetzt den 21. Dezember, bei uns steht die Tag- und Nachtgleiche noch aus.

 

Tag 36

Seit einigen Tagen leide ich an Haarausfall.

Rob2, der für meine medizinische Versorgung zuständig ist, ist leider keine große Hilfe. Obwohl wir die Zeit ein weiteres Mal gedehnt haben, schläft er die meiste Zeit vor dem Fernseher. Auch seine Kochkünste sind nicht mehr der Rede wert. Manchmal öffnet er eine Dose, aber das ist auch schon alles. Ich gewöhne mich daran, da ich ohnehin nicht besonders hungrig bin. Und hin und wieder fange ich mir eine Maus. Mehr aus Pflichtgefühl denn aus Passion. Obwohl auch dazu kaum Anlass besteht: Die Mäuse vermehren sich tatsächlich viel langsamer als erwartet.

Im Fernseher sind neuerdings seltsame Phänomene zu beobachten. Gestern zum Beispiel konnten wir auf allen Kanälen gleichzeitig einer Gruppe Mäuse bei ihrer Nahrungsaufnahme und Fortpflanzungstätigkeit zusehen. Es dauerte eine Weile, bis wir begriffen, dass wir unsere eigene Mäusekolonie beobachteten. Die Tatsache, dass ihre Bewegungen ungewöhnlich träge waren, brachte uns schließlich auf die richtige Spur. Rob1 behauptet an einer Erklärung zu arbeiten, aber ich bezweifle, dass ihre Kapazitäten ausreichen werden.

Die Messgeräte an meinem Körper habe ich schon vor Tagen entfernt. Sie sind unnötig geworden. Seit wir die Zeit unseren Rhythmen anpassen, bleiben die Werte konstant.

Rob1 hatte die Idee, die Geräte an einer Maus anzubringen, um ihre Rhythmen mit unseren zu synchronisieren. Ich hatte nichts dagegen. Ich suchte ein kräftiges Exemplar aus, fing es und legte ihm die Geräte an. Dann ließ ich es wieder laufen. Die Maus schien sogar Vergnügen an ihrer Ausrüstung zu finden. Nachdem sie sich in Sicherheit gebracht hatte, schnupperte und fingerte sie sehr interessiert daran herum.

 

Tag 92

Wir mussten die Zeit weiter verlangsamen.

Gleichzeitig scheint sich unser Gelände kontinuierlich auszudehnen.

Da ich Robcats ursprünglich vorgesehene Dienste nicht mehr in Anspruch nehme, haben wir ihn ausgeschickt, die neuen Gebiete zu erkunden. Rob1 hat ihn mit einem Sendegerät ausgestattet, so dass wir seine Entdeckungen auf dem Fernseher mitverfolgen können. Sendungen von draußen können wir ohnehin nicht mehr empfangen. Rob1 hat es aufgegeben, nach der Ursache zu suchen. Sie scheint nicht mehr wichtig.

Auch im Internet nur noch verwirrende Botschaften: Wellenlinien, die nach und nach ineinander fließen und schließlich ganz verschwinden.

Schwerwiegender sind die Probleme mit Rob2: Er wird von Tag zu Tag depressiver. Wir können die Zeit seinem Rhythmus nicht mehr anpassen. In den letzten Tagen wurden diese Depressionen durch gelegentliche Wutausbrüche unterbrochen. Er zerstörte einiges Küchengerät und öffnete wahllos Dosen, deren Inhalt er in die Müllbeseitigungsanlage schüttete. Rob1 musste ihn vorübergehend abschalten.

Die Mäusekolonie existiert nicht mehr. Die Tiere sind nach und nach verendet. Nur die Maus, der wir die Messgeräte angelegt haben, hat überlebt. Wir haben uns mit ihr angefreundet. Ich nenne sie Mouse1.

Mein Haarausfall schreitet weiter voran, bald werde ich gänzlich unbehaart sein. Es scheint aber nichts Gefährliches zu sein. Mit meinem neuen Aussehen habe ich mich abgefunden. Mouse1 findet meine Nacktheit apart.

Sie selbst hat ebenfalls ihr Fell verloren.

 


Tag 1 der neuen Zeitrechnung

Heute haben wir den kistinischen Kalender eingeführt. Ein neues Zeitalter beginnt. Rob1 hat alle ihre Funktionen neu aufgesetzt.

Rob2 mussten wir leider endgültig abschalten, seine Programme sind der neuen Zeit nicht gewachsen. Als Ersatzteillager leistet er uns bessere Dienste. Seitdem Mouse1 uns die Vierfelderwirtschaft beigebracht hat, war er ohnehin nur noch eine Belastung.

Robcat hingegen ist über seine Bestimmung hinausgewachsen. Sein Forscherdrang ist unermüdlich, täglich entdeckt er neue Gebiete. Dabei scheint er sogar auf Lebewesen gestoßen zu sein, aber das ist zunächst nur eine Vermutung. Oder sollte er auf Draußen gestoßen sein? Es fällt mir zunehmend schwerer, mich an Draußen zu erinnern.

Ich meine, dass dort mittlerweile viele hundert Jahre vergangen sein müssen, aber nach all den Zeitanpassungen der Übergangsphase ist das schwer zu sagen.

 

Tag 2

Rob1 behauptet, ein „Draußen“ gäbe es gar nicht. Dieser Ansicht halte ich meine früheren Aufzeichnungen entgegen. „Primitive Mythen“, meint Rob 1. Ob ich sicher sei, diese Notizen wirklich selbst verfasst zu haben? Wer um alles in der Welt sei „Schroe XIII“?

Ich bin mir selbst nicht mehr sicher. Die Aufzeichnungen scheinen mir fremd, archaisch und grausam. Sollte ich wirklich einst einen behaarten Körper gehabt haben? Einen Jagdinstinkt? Schwer vorstellbar. Vielleicht handelt es sich um die Tagebücher einer Vorfahrin? Rob1 wird namentlich genannt. Auch Mouse1, wenn auch in unwahrscheinlichen Zusammenhängen. Vielleicht ist das Ganze wirklich nur ein Herkunftsmythos. Aber wer ist die Verfasserin? Wer ist Schroe XIII?

Wer bin ich? Rob1 nennt mich seit undenklicher Zeit einfach „Cat 1“.

 

Tag 3

Ein neuer Gedanke:

Indem ich diese Aufzeichnungen mache, ordne ich den Gegebenheiten codierte Werte zu. Meine Codierungen nivellieren die Wahrheitsumgebung. Sie zerstören die benachbarten Wahrheiten.

 

 

Tag 4

Ich habe die alten Aufzeichnungen alle verbrannt. Undenkbar, wenn sie in die Hände von Mouse1 gefallen wären.

Ich bin zwar jetzt sicher, nicht mit „Schroe XIII“ identisch zu sein.

Immerhin könnte man eine ferne Verwandtschaft vermuten und das wäre mir außerordentlich peinlich: Diese Mischung aus primitiver Weltsicht und einer Art von – man kann es nicht anders bezeichnen - Kannibalismus könnte meiner gepflegten Beziehung zu Mouse1 ein für allemal ein Ende bereiten.

Die Frage nach Draußen aber beschäftigt Rob1 und mich nach wie vor. Existiert Draußen? Gibt es intelligentes Leben im Draußen? Solange wir keine Beweismöglichkeiten finden, bleiben unsere Diskussionen allerdings nur im Bereich der reinen Spekulation.

 

Tag 5

Mouse1 hat sich in unseren Diskurs eingeschaltet. Sie behauptet, sie hätte Anhaltspunkte, wonach die Existenz von Draußen nach einer Wellenfunktion berechnet werden könne. Allerdings müssten – nach ihren Berechnungen -  die Objekte der Außenwelt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zur Hälfte zerstört sein.

Ein Beweis aber sei schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Zunächst müsse man einen Durchgang nach Draußen finden. Und dann könne im Bruchteil einer Sekunde alles vorüber sein, wie das Platzen eines Luftballons.

Rob1 neigt mehr denn je zu der Annahme, dass es eine Außenwelt nie gegeben hat.

 

Tag 5

Folgt man den Berechnungen von Mouse1, lässt sich folgendes daraus schließen:

Es muss einen Bereich geben, wo Draußen sowohl tot als auch lebendig ist.

 

Tag 6

Wir haben den Durchgang gefunden und nach Draußen geöffnet.

Kein Grund zur Freude: Die Wahrheit ist, dass wir kein Draußen gefunden haben.

Rob1 ist zufrieden. Mouse1 allerdings meint, das sei kein ausreichender Beweis. Die Öffnung sei vergleichbar mit einer Messung. Bei einer Messung kollabiere die Welle auf „tot“ oder auf „lebendig“. In unserem Fall sei sie eben auf „tot“ kollabiert. Das Platzen eines Luftballons, sie habe es ja prophezeit. Was keineswegs bedeuten müsse, dass es nicht ein lebendiges Draußen gegeben hätte, irgendwann. Oder noch immer gebe, irgendwo.

Rob1 hält das für Sophisterei.

 

Tag 7

Ich aber denke, wir sollten es noch einmal versuchen.