fiktive tagebücher: von lilith

16.12.2005 um 09:45 Uhr

Die Zeit im Text

von: lilith

James Joyce schrieb zu Beginn des letzten Jahrhunderts seine berühmte Nachdichtung (Trivialisierung) der Odyssee - den Ulysses. Die Odyssee wird einem legendären "blinden Sänger" namens Homer zugeschrieben, der im 7. od. 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Klein­asien gelebt haben soll. Sie erzählt uns von den Erlebnissen eines mythischen Helden, die im 13. vorchristlichen Jahrhundert stattgefunden haben könnten.

Was lesen wir, wenn wir heute Homer oder Joyce lesen?

 

Wenn man versucht, dem Problem der Zeit in einem Text auf die Spur zu kommen, so entdeckt man, dass es mehrere "Zeiten" sind, mit denen man sich auseinandersetzen muss: die grammatikalische Zeitform, die Zeit der Handlung, die Zeit des narrativen Diskurses, die Zeit der Entstehung des Textes, schließlich die Zeit der Lektüre des Textes.

 

Stellen wir uns einen (heute von mir geschriebenen) Roman vor, worin ein Erzähler um 1900 (fiktive Erzählzeit) von seiner Jugend berichtet, einem Zeitraum von 1850 - 1855. Er war damals 12 - 17 Jahre alt, heute (1900) ist er über 60. Er weiß, was auf den erzählten Zeitraum folgen wird. Er hat Erin­nerungen an die Zeit vor diesen 5 Jahren. Er kennt auch seine Gegenwart, die ihn - aus irgend­einem Grund - veranlasst hat, die Geschichte dieser 5 Jahre zu erzählen. Das Davor, das Danach und das Heute werden folglich die erzählte Handlung beeinflussen, z.B. wird ein Ereignis wie ein Streit auf dem Schulhof bedeutsamer, wenn man weiß, dass das Mädchen, mit dem er damals ge­stritten hat, heute seine Ehefrau ist, mit der er sich seit Jahrzehnten im Kriegszustand befindet. Ohne diesen "mythischen" Charakter wäre die Szene weit weniger erzählenswert, würde vermut­lich auch gar nicht erinnert werden (es kann sogar sein, dass sie so gar nicht wirklich stattgefun­den hat, sondern aus anderen Erlebnissen zusammengeklittert und in der Erinnerung als "Urszene seiner Ehe" aufgenommen wurde ...). Alles das wird nun heute (2005, Zeit der Entstehung des Textes, reale Erzählzeit) geschrieben, und zwar von mir, die ich - sagen wir - die Geschichte mei­nes Ururgroßvaters erzählen möchte ...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. hibou schreibt am 01.01.2006 um 16:12 Uhr:Aber wir sind (schreibend) die MeisterInnen der Zeit. Lesend tauchen wir wiederum in alle die verschiendenen Epochen und Minuten ein. Wunderbar. Es lebe die Zeit!
  2. else schreibt am 03.01.2006 um 12:11 Uhr:Es lebe die zeit und dann halte ich sie atemlos fest, den großvater, die tochter, die mutter, hole mir die orte, weil ich sie nicht verlieren will, weil ich denke sie sollen es auch wissen, aber irgendwann werde ich mich zurücklehnen und werde alles aufgeschrieben haben ...
  3. hibou schreibt am 03.01.2006 um 22:23 Uhr:frage: ich schreibe eine geschichte, etwa 12-13 leute lesen sie. wenn diese nun alle gestorben sind, ist dann auch die geschichte vergangen?
  4. lilith schreibt am 06.01.2006 um 01:14 Uhr:ja, sicher. es sei denn, du schickst sie ins all. wo sie vielleicht von den außerirdischen gelesen wird, in ein paar millionen jahren.



    ;)

    und ein schönes jahr 2006 wünsch ich dir!
  5. lilith schreibt am 06.01.2006 um 01:16 Uhr:ps. ich versuche gerade, meine texte zu vermarkten ...

    auf dass sie ein paar mehr als 12-13 lesen mögen.

    grrr
  6. hibou schreibt am 06.01.2006 um 11:44 Uhr:hehe.... ja, ich finde, deine sollten mindestesn tausende lesen, meine auch :-).also wenn da noch seiten frei sein sollten....?



    hier blühen die violetten krokusse, der asphodelos und die mandragora

    bussi!

    hibou

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