fiktive tagebücher: von lilith

10.10.2004 um 20:01 Uhr

für jelinek: perspektiven, die 12.

von: lilith

Ein klagender Ton zieht das Kind Mina aus dem begrenzten Ort seines Leibes heraus, hin­ein in die gebirgsklüftige Materialschaft seiner Großmutter Josefa.

Das verkrüppelte Gehölz der josefinischen Landschaft saugt gierig die jungen Triebe auf. Mina fährt im Leib der Alt­vorderen herum wie einst der Teufel in den Schweinen. Materie existiert nicht, weiß sie. Sie hat lediglich eine Tendenz zu existieren. Darum. Sie wühlt in den Eingeweiden.

Karst, Klüfte, Abgründe, Abgase tun sich auf.

Mina sucht die Herztätigkeit zu synchronisieren. Der Raum ist eine Funktion der Zeit. Und umgekehrt.

Mina durchwandert die Extremitäten. Die Hände sind die Schwachpunkte. Die Großmutter kann sie nicht unter Kontrolle halten. Mina stößt eine Tasse um, knallt dem Kind neben ihr eine gerade Rechte auf die linke Backe und fuchtelt entnervt zwischen welkem Schoß und schlaffen Brüsten auf und ab.

Sie bringt dünne Töne hervor, Insektentöne, indes das Kind - das tut, als ob nichts Wesentliches vorgefallen wäre - sich launisch den niedlich gerundeten Backenknochen reibt. Die Fensterläden klappern, als wollten sie die Natur, die Allesverwe­serin ohne Ablaufdatum, hereinlassen in dieses traute Heim.

Mina Seele zuckt suchend durch kaum noch konturierte Konglomerate, Amorphe, Gemische und begehrt Auslass. Doch an den Rändern verlaufen dennoch Grenzen, gezogen von Gott dem Herrn zur Mäßi­gung seiner Geschöpfe.

Kein Entkommen scheint möglich aus diesen rosaroten Schlüpfern, dem einst dazupassenden vielfach ausgebesserten Unterkleid und der geblümten Kleiderschürze, ärmlich, aber sauber.

Das Kind (Mina? Josefa?) stopft sich derweilen mit Kartoffeln voll, diesen Gottesgaben, die Mutter Erde Jahr für Jahr hervorbringt in Hülle und Fülle. Dann plumpst es vom Sessel und verabschiedet sich mit einer teils bedau­ernden, teils obszönen Geste.

Verlass mich nicht, krächzt Mina durch die Zwischenräume des am Gaumen scheuernden Zahnersatzes, und ihr Zeigefinger bohrt sich ohne weiteres Zutun in ihr linkes Auge, das sich nur notdürftig und gerade noch rechtzeitig schließen lässt, während das Kind vor ihrem anderen Auge zu verschwinden beginnt, seine soeben noch fest umrissene Gestalt allmählich zerfließt, zum Hologramm wird, zu einer gallertig schimmern­den Qualle und schließlich als ein phosphoriszierendes Nichts nur mehr fallweise über den Schwielen des Küchenfußbodens irrlichternd aufblitzt.

 

 

 


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