warum wollen sie den bloß selig sprechen?
Pius XII. und die jüdischen Kinder
VON PAUL KREINER (Die Presse) 10.01.2005
Ein neues Dokument belastet den Papst und löst in Italien eine Historiker-Debatte aus.
Papst Pius XII. (1939-1958) ist wieder ins Gerede gekommen. Warf man ihm bisher vor, zu den Gräueltaten der Nazis geschwiegen und so die Judenvernichtung erleichtert zu haben, wird er nun in Italien durch ein unlängst aufgefundenes Dokument weiter belastet. Der Vatikan verfügte darin 17 Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs, dass jüdische Kinder, die in katholischen Einrichtungen Unterschlupf gefunden hatten und dort getauft worden waren, ihren leiblichen Eltern nicht zurückgegeben werden.
Das Dokument hat die Tageszeitung "Corriere della Sera" publiziert und damit eine Historiker-Debatte in den italienischen Feuilletons ausgelöst. Die einen beschuldigen Pius XII., er habe sich in seinem "Antisemitismus" nicht einmal vom Holocaust bekehren lassen.
Auch die Verteidiger des Papstes sammeln sich. Sie sagen, nach jahrhundertealter Praxis und dem Kirchenrecht von damals hatte jeder Getaufte das "Recht auf eine christliche Erziehung". Pius XII. sei daran gebunden gewesen, dieses Recht einzufordern. Wer getauft sei, sei Kind der Kirche; man könne ein Kind nicht abgeben. Der Jesuitenpater Peter Gumpel schrieb in der Zeitung der italienischen Bischofskonferenz, diese Polemik diene "einem ganz klaren Zweck: die bisher zufriedenstellend laufende Seligsprechung von Pius XII. zu stoppen". Als vom Vatikan bestellter Relator soll Gumpel diesen Prozess vorantreiben. Der frisch entdeckte Brief, sagt er, "schmälert die Heiligkeit Pius XII. überhaupt nicht".
Formell handelt es sich bei dem Dokument vom 20. Oktober 1946 um einen Brief des Heiligen Offiziums an den päpstlichen Botschafter in Paris, Angelo Giuseppe Roncalli, den späteren Papst Johannes XXIII. Mit ausdrücklicher Billigung durch Pius XII. ordnet das Schreiben ferner an, dass getaufte jüdische Kinder nicht solchen Institutionen anvertraut werden dürften, die "keine christliche Erziehung sicherzustellen wissen", und dass selbst ungetaufte jüdische Waisen, derer sich "die Kirche angenommen" habe, nun "nicht von der Kirche verlassen" werden dürften.
Während der deutschen Besatzung in Frankreich und Italien hatten kirchliche Einrichtungen tausende Juden versteckt; viele überlebten, darunter auch Kinder, die von ihren jüdischen Eltern der Kirche anvertraut worden waren. Nach dem Krieg wurden die Kinder von ihren leiblichen Eltern oder jüdischen Organisationen zurückgefordert, die Überlebende des Holocaust suchten. Im Brief an Roncalli steht, er solle "jüdischen Autoritäten keine schriftlichen, sondern nur mündliche Antworten geben". Sofern eine Antwort nötig sei, müsse er sagen, die Kirche prüfe jeden Einzelfall.
Nicht bestreiten lässt sich offenbar, dass eine unbestimmte Anzahl von Kindern in den Verstecken getauft wurde. Das verstieß zwar - da ohne Einwilligung der Eltern - gegen kirchliche Bestimmungen, entsprach aber einer alten, unseligen Tradition, jüdische Kinder, deren man habhaft geworden war, mit mehr oder minder starkem Druck der "wahren Religion" einzugliedern. Nicht selten hatten übereifrige katholische Dienstboten dies heimlich getan. Sobald die Kinder getauft waren, beanspruchte die Kirche, sie notfalls mit polizeilicher Gewalt ihren leiblichen Eltern zu entziehen. Hunderte solcher Fälle sind aus dem Rom des 19. Jahrhunderts bekannt.
Dass Pius XII. nach 1945 das Recht der leiblichen Eltern geringer einstufte als das Recht der Kirche auf "ihre" Kinder, verwundert. Seine Verteidiger sagen, er sei an das Kirchenrecht gebunden gewesen. Freilich hätte Pius XII. jederzeit - gerade in diesen besonderen Fällen - etwas anderes bestimmen können.